Der lange Weg unserer Kleidung – oder wie man um 12 Cent um die Welt reisen kann

in Klartext von

Warum ist lokal produzierte Kleidung teurer als weit gereiste? Und was hat die Erfindung einer Metallschachtel damit zu tun? Ein Blick auf den wenig beleuchteten Transport unserer Waren.

Ich war gestern shoppen. Ein Hemd 15€. Fünfzehn Euro, sehr erschwinglich meiner Meinung nach. Da kann man sich schon mehrere gönnen. Zuhause kam ich dann zum ersten Mal ins Grübeln. 15 Euro für ein Hemd? Wenn ich das selber nähen müsste, würde ich sicher einen Tag daran sitzen. Stundenlohn mal 8, und dazu noch Kosten für Stoff, Knöpfe, die Nähmaschine. Wie geht sich das also alles aus?

Ein Blick aufs Etikett des Hemdes verrät mir einen ersten Hinweis: „Made in Bangladesh“. Dort wurde das Hemd offenbar zusammengenäht. Woher kommt aber die Baumwolle, wo wurde der Stoff gewebt und gefärbt und woher kommen die Knöpfe? Nach ein paar Stunden Recherche im Internet bin ich klüger: Die Baumwolle kommt oft aus den USA, wird aber in Indien verarbeitet und gefärbt. Die Kunststoffknöpfe stammen aus Altplastik, das in Europa gesammelt, aber in Thailand zu fertigen Hemdknöpfen verarbeitet wird. Nachdem das Hemd dann endlich in Europa am Kleiderbügel hängt, hat es gut und gerne 48.000 Kilometer zurückgelegt. Das ist mehr, als der Erdumfang beträgt. So eine Weltreise würde ich auch gerne machen, aber für 15 Euro komme ich gerade einmal bis nach Bratislava. Wie kann also mein Hemd so billig reisen?

Es wird mit tausenden seiner Artgenossen verpackt und in einen Container gesteckt. Dass die Erfindung dieser standardisierten Box revolutionär war, glaubt man beim ersten Anblick kaum. 20 oder 40 Fuß lang, kann sie an jeden Ort der Welt verschickt werden. Vor seiner Erfindung verursachte der Transport ca. 5-10% des Warenwertes, heute sind es weit unter 1 Prozent. Es kostet ca. 1500 US-Dollar einen Container von Österreich nach Japan zu verschicken. In einen Container passen 13000 Flaschen Wein. Macht pro Flasche weniger als 12 Cent. Da überlegt man als Weinproduzent nicht lange, ob man seinen Wein auch in Japan verkaufen sollte. Doch wie kann etwas um 12 Cent die halbe Welt umrunden?

Die Maersk Mc-Kinney Møller – Eines der größten Containerschiffe

Das ist nur möglich weil diese Container auf riesigen Schiffen befördert werden. Die aktuell größten sind fast 400 Meter lang und können ca. 14000 Container transportieren. In einem Hafen wie Hamburg wird so ein Schiff innerhalb von 48 Stunden entladen. Ein Gefährt dieser Größe verbrennt pro Tag bis zu 80.000 Tonnen Treibstoff. Doch das ist nicht irgendeine Art von Treibstoff. Es handelt sich um Schweröl. Das ist der letzte Rest von Erdöl, der noch brennt. Also das, was überbleibt, nachdem Kerosin, Benzin, Diesel und alle anderen Stoffe aus dem Öl gewonnen wurden. Es enthält Schwefel, Schwermetalle und andere gesundheitsschädliche Stoffe. Wenn die Schifffahrtsindustrie es nicht verwenden könnte, müsste man es entsorgen. Ein Containerschiff stößt so viel Schwefel aus wie 50 Millionen Autos. Pro Hemd betrachtet ist das dennoch nicht sehr viel. Zu jeder Zeit sind aber ca. 60.000 Schiffe unterwegs. Insgesamt ist die Umweltbelastung also enorm. Und von den Arbeitsbedingungen in den Fabriken, auf dem Transportweg und in den Geschäften haben wir noch gar nicht gesprochen. Was können wir also dagegen tun?

Eine Möglichkeit ist die Transportwege unserer Konsumgüter zu verkürzen. Das heißt lokale Waren kaufen, bei Kleidung ist leider die Herkunft „Europa“ schon als regional anzusehen. Am besten ist es allerdings noch immer, seine Kleidung möglichst lange zu tragen, denn ein nicht gekauftes Kleidungsstück muss auch keine Weltreise antreten. Ein Tag ist vergangen – genauso wie mir die Lust auf den Kauf eines zweiten Hemds. Auch wenn es noch so billig ist. Vielleicht gönne ich mir stattdessen ja eine Fahrt nach Bratislava…

Jonathan Mayer

 

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