Und, was machst du hier?

in Gschichtln von

Knapp zwei Wochen schon war ich alleine unterwegs gewesen, als ich etwas einsam an einem wunderschönen, von Palmen gesäumten Sandstrand in Kilwa Masoko im Südosten Tansanias saß. Ich hörte Musik, schrieb ein Gedicht und sehnte mich nach den Menschen und Gewohnheiten, die für mich Heimat ausmachen.

Einige hundert Meter weiter waren Fischer_innen damit beschäftigt, ihre Boote an Land zu ziehen, die lecken Stellen zu reparieren und die Netze zu flicken. Vorbei an den arbeitenden Fischer_innen schlenderte ein junger Mann den Strand entlang. Er trug ein hellblaues, sauber gebügeltes Hemd, schwarze, glänzende Lederschuhe und eine dazu passende Hose. Die Sonne war gerade am Untergehen und die Schatten der Palmen wurden immer länger. Ich beobachtete die Szene und fühlte mich, als befände ich mich in einem viel zu idyllischen Film, nur ohne dabei eine Rolle im Geschehen zu tragen.

In weniger als einer Stunde würde es stockfinster sein und ich wollte nicht im Dunkeln zurück zur Unterkunft gehen. Das sei gefährlich, wurde mir mehrmals gesagt. So fing ich an, meine Sachen zu packen. Ich bemerkte, dass der Mann, der mir vorher aufgefallen war, näher kam und wir grüßten uns. „Was machst denn du hier?“, fragte er mich. „Einfach reisen.“, war meine Antwort. So kamen wir ins Gespräch. Er heißt Shadrack, ist 26 Jahre alt und lebt hier. Ich heiße Lukas, bin 23 und komme aus einem kleinen Dorf in Österreich. Ich war hierhergekommen, um die persischen, später portugiesischen und noch später arabischen Ruinen auf Kilwa Kisuani anzusehen, die bis ins achte Jahrhundert nach Christus zurückgehen. Ich erzählte ihm von den vergangenen vier Monaten, in denen ich zusammen mit einem Freund in Bosnien, Serbien, Bulgarien, der Türkei und nun in Tansania unterwegs war.

 

„Aber was machst du hier?“, fragte ich zurück und er begann, von sich zu erzählen. Nach dem Abschluss der Secondary School fing er an, als Kreditmakler zu arbeiten. Er fährt in Dörfer und versucht, den Leuten einen Mikrokredit aufzuschwatzen. Für Fahrtkosten, Unterkunft und andere Ausgaben muss er selbst aufkommen, seine Entlohnung ist auf Provisionsbasis. An schlechten Tagen kann er nicht einmal seine Ausgaben decken, durchschnittlich bleiben ihm zwei Euro am Tag. Damit kann er sich keine eigene Wohnung leisten und wohnt bei seinen Eltern. Jobs sind rar und schlecht bezahlt sind sie auch. Er spart gerade für eine Ausbildung als Elektrotechniker. Von dem Handwerksberuf erhofft er sich, seine finanzielle Lage verbessern, bei den Eltern ausziehen und vielleicht eine Familie gründen zu können.

„Und, was bist du von Beruf?“, fragte er interessiert, „Du musst wohl ein ‚successful business‘ haben, um dir eine so lange Reise finanzieren zu können.“ Ich sei Student, erzählte ich, die Uni sei gratis, Eltern und Staat finanzieren mich. Hier sei für mich alles unglaublich billig. Ich benötige weniger Geld, als daheim. – Eine Mahlzeit in einer Straßenküche kostet einen Euro, eine Übernachtung in einer einfachen Herberge vier Euro. An einem Tag komme ich mit weniger als zehn Euro aus, Transport und Eintritte ausgenommen. – Die 600 Euro, die ich im Monat von Eltern und Staat bekomme, seien mehr als das Zehnfache deines Einkommens, erklärte ich beschämt. Ich kann mich nicht mehr genau an seine Reaktion erinnern, er nahm es jedenfalls sehr gelassen hin und wir wanderten gemeinsam im Dunkeln zurück in die Kleinstadt.

Lukas Rachbauer

 

Für alle Musikliebhaber_innen: Hier ein Song mit coolen Lyrics, 1980 von einer liberianischen Band aufgenommen.

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