Warum zentral ist, wer (nicht) im Mittelpunkt steht.

in Klartext/Kreaktiv von

Eine Reportage über den Verein KAMA.

Kochen im Verein Kama. Foto: Cristina Yurena.

Das Ankommen in Österreich wird vielen Menschen nicht leicht gemacht. Nach dem Willkommens-Kultur-Intermezzo letztes Jahr im langen Sommer der Migration folgte der raue Alltag: hast du in der Reisepasslotterie Pech gehabt, musst du eine Reihe von Schikanen und Aufnahmeprüfungen durchlaufen. Dann darfst du unter Umständen dein Leben in einem Land fristen, in das du vielleicht gar nicht hinwolltest, weil deine Familie wo anders auf dich wartet. Auch sie hat erfahren, was Bewegungsfreiheit in der Europäischen Union tatsächlich heißt. Als Konsequenz wurde und wird an unterschiedlichsten Orten nachgedacht, wie mit Migrant_innen „umzugehen“ sei und wie sie „am besten integriert werden können.” Neben der immer restrikitiveren Asylgesetze war etwa die vom Innenministerium in Auftrag gegebene Wertefibel Teil der offiziellen Antwort auf diese Frage. An dem Positionspapier mangelte es nicht an Kritik. Dass das gemeinsame Schneiden von Zwiebeln oder Trommeln ebenso ein Teil der Antwort sein könnte, wird naturgemäß in technokratischen Konzepten nicht berücksichtigt. Anders beim Verein KAMA, für den Begegnung ein wesentliches Merkmal von solidarischer Gesellschaft darstellt.

 

In Anlehnung an das Diktum des Denkers Ivan Illich, dass „die Suche nach Wahrheit nicht im Vorlesungssaal, sondern auf einzigartige Weise um einen Esstisch herum oder über einem Glas Wein betreiben werden kann”, betreibt der Verein Kama ein einzigartiges wie simples Konzept. Entgegen ersten Vermutungen, es handle sich um Buddhistisches, steht die Abkürzung für das Programm: Kurse von Asylsuchenden, MigrantInnen und Asylberechtigten – KAMA. Während also anderswo darüber debattiert wird, welche Kurse für unsere Newcomer aus dem Boden gestampft werden sollen, werden sie hier als eigenständige Akteur_innen wahrgenommen, so wie zwei Kursteilnehmer_innen bekräftigen: „Es ist ungemein wichtig, etwas herzeigen zu können, Leidenschaften zu zu teilen.“

 

Mohadese lebt seit einem guten Jahr in Österreich. Im Iran habe sie Architektur studiert, doch hielt sie an ihrem Traum, Musikerin zu werden, fest und verfolgt nun dieses Ziel in Österreich. Sie hat sich bereits um zahlreiche Anstellungen beworben – „überall” -, dennoch darf sie aufgrund ihrer Aufenthaltsgenehmigung nur zehn Stunden einer geregelten Beschäftigung nachgehen. Durch die freien Spenden, die sie von Teilnehmer*innen an ihren Kursen – Persische Küche und Farsi – erhält, erleichtert sich ihre finanziell angespannte Situation. Doch stellt diese finanzielle Unterstützung für sie genauso wie für die anderen Kurstleiter_innen nicht den primären Anreiz dar. „Als Imigrantin sah ich mich mit vielen Fragen und Stress konfrontiert. Doch als ich KAMA gefunden habe, habe ich Freundinnen, eine Familie gefunden.“ Viel mehr geht es also darum, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, Kontakte zu knüpfen und sich einer der größten Herausforderungen in der Fremde zu stellen: sich ein Stück weit zu Hause zu fühlen. Dass dieses Bedürfnis nur erfüllt werden kann, wenn es ungezwungene Begegnungen mit anderen Menschen und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung gibt, wird oft vernachlässigt. Vielmehr ist der allgegenwärtige Integrationsdiskurs von Appellen der Pflichterfüllung und des Bittstellertums dominiert. Ideen wie Selbstständigkeit oder Anerkennung scheinen irrelevant zu sein. In ihrer Streitschrift „Ist Integration nötig?” schreibt die Pädagogin und Politikwissenschaftlerin María do Mar Castro Varlea: „Das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit, welches sich Migrant_innen immer wieder hart erkämpfen müssen, wird konstant durch Integrationspolitiken irritiert, die ihnen ihre Integrationsdefizite- und versagen vorspiegeln.” David, der aus Gambia nach Österreich gekommen ist und acht Jahre um seine Aufenthaltsgenehmigung ringen musste, bringt auf den Punkt, was er in den Kursen gelernt hat und sonst so schwer findet: „Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein.”

Trommelkurs. Foto: Cristina Yurena.

Die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse von vielen Migrant_innen in Österreich haben 2006 die Gründung des Vereins in Wien angestoßen, mittlerweile gibt es Zweigvereine in Graz, Linz und Salzburg. KAMA versteht sich dabei als Plattform, welche die Möglichkeit bieten will, dass Migrant_innen ihre Talente und Fähigkeiten weitergeben können. Dabei gibt es eine breite Palette: Koch-, Sprach-, Tanz-, Musik- oder Handwerkskurse. Eigentlich wie eine selbstorganisierte Volkshochschule. Die Kurse finden an unterschiedlichen Orten statt, zur Zeit vor allem in der Anker Brot Fabrik, im Amerlinghaus, im WUK, im Wiener Deewan, oder auch in privaten Räumlichkeiten. Der Verein stellt dabei die Infrastruktur und einen Internetauftritt zu Verfügung. Freiwillige Kursbegleiter_innen unterstützen die Kursleiter_innen bei der Organisation und Durchführung der Kurse. Ziel ist es natürlich, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Migrant_innen ihre Kurse möglichst selbstbestimmt gestalten. So etwa Parisima, die eigentlich im Hotel Management arbeitete und nun seit einem guten Jahr in Österreich lebt. Gemeinsam mit Mohadese organisiert sie persische Kochabende. Statt Lamm wird Soja verwendet. Während den Gesprächen beim Essen erfahre ich, dass das zwar mit den Wünschen der KursteilnehmerInnen zu tun hat, aber dass es auch im Iran einen Trend zum Vegetarismus es gibt: „Auch zu Hause ist das weniger religiös begründet, sondern eher eine Art Lifestyle.” Die familiäre Atmosphäre und das Gefühl angenommen zu sein, nennt sie als Hauptgründe für ihr Engagement bei KAMA. Dabei kochte sie im Iran kaum. „Vor meinem ersten Auftritt war ich aufgeregt und schrieb eine SMS an eine Schwester, dass ich gleich einen Kochkurs halten werde. Diese war mehr als überrascht,” lacht sie.

Erwin, ein langjähriger Kursbegleiter, sagt, dass es manchmal zu Verwechslung mit einem Cateringservice käme. Doch darum gehe es dezidiert nicht. Abgesehen von den rechtlichen Einschränkungen, geht es bei den Kochkursen um ein Miteinander, ein Teilen. Nirgends stimmt vermutlich der Spruch „Beim Essen kumman’d Leit zam.” so sehr wie bei KAMA. Oder wie es David formuliert: „Gemeinsam zu kochen und zu essen ist wie eine natürliche Kraft, die man nicht kaufen kann.” Und wohl auch nicht durch juristische Integrationsvereinbarungen verordnet werden kann. Zentral ist auch, dass der Aufenthaltsstatus für das Anbieten von Kursen nicht von Belang ist. Selbst ein positiver Asylbescheid oder ein Studierendenvisum löst die Diskriminierung und Ausbeutung in prekären Arbeitsverhältnissen oder die oftmals fehlenden sozialen Kontake nicht. Zwar finden mit den Kursleiter_innen Einführungsgespräche statt, doch geht es dabei um ein gemeinsames Klären von Erwartungen – und nicht um ein Ausweisen, wie das der migrantische Alltag ansonsten fordert.

Hier wird gemeinsam Russisch gelernt. Foto: Cristina Yurena.

Neben dem Ziel der Selbstermächtigung der Kursleiter_innen wird auch ein Bildungsanliegen verfolgt: „Durch den direkten Austausch lernen die TeilnehmerInnen differenzierte und heterogene Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationserfahrungen kennen, die mit den dominanten homogenisierenden und stereotypisierenden Bildern brechen.”

Ob das tatsächlich gelingt? Teil, teils, würde wohl eine adäquate Antwort lauten. So wäre es etwa wünschenswert, mehr Menschen, die bisher kaum persönliche Begegnungen mit Migrant_innen hatten und in ihrer Meinungsbildung primär auf die Bilder der Boulevardpresse angewiesen sind, zu erreichen. Doch abgesehen von diesen Herausforderungen scheint ein Ziel erreicht: Menschen, die nach Österreich kommen, wertzuschätzen, fernab einer Defizit- und Pflichtenorientierung. Für David stellen die Kurse einen Raum dar, in dem er neue Kraft schöpfen kann: „Der Stress ist weg. Dafür gibt es Hoffnung, nicht aufzugeben. Und einen Grund, weiterzukämpfen.”

 

Jakob Frühmann

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