Schmecken und Erinnern

in Klartext von

Das Taste and See im Sechzehnten macht es seinen potentiellen Besucher_innen nicht leicht. Von außen ist das Restaurant unscheinbar. Nein, es ist versteckt. An einer Hauptverkehrsstraße nahe am Gürtel. Im inneren des African Restaurant offenbart sich: Afrika kann man auch in Wien erfahren. Der einzige Haken. Es empfiehlt sich schon einmal Eindrücke in einem afrikanischen Land gesammelt zu haben um im Taste and See auf den Geschmack zu kommen.

Die Authentizität dürfte Kenner_innen schnell zusprechen. Das Restaurant ist mit Neonröhren beleuchtet. Diese Art der Beleuchtung ist nicht unbedingt angenehm, aber das matte Licht erzeugt eine distinkte und altbekannte atmosphärische Dichte. Die Vorhänge verdecken den Blick auf die Straßen. Wien bleibt draußen. Die Tische sind mit Kunststoffbezügen bedeckt. An der Bar gibt es Handywertkarten zu kaufen. Das gehört zwar nicht zu afrikanischen Restaurants, aber maßgeblich zum afrikanischen Alltag. Zentral installiert sendet ein großer Flachbildfernseher stumm Bilder in den Raum. In den Vereinigten Staaten finden Wahlen statt. Wir setzen uns direkt unter den Fernseher. Schutzmaßnahmen gegen die Gegenwart. Neben uns läuft ein Radio. Die Stimmen Elton Johns und 2Pacs färben den Raum:

“And nowadays things changed
Everyone’s ashamed to the youth cause the truth looks strange
And for me it’s reversed, we left them a world that’s cursed, and it hurts”

Im Anbetracht der Wahl erweckte das Stück etwas Fatales. Kann man nicht die ganze Welt draußen lassen? Ein junger Besucher entschließt sich für einen Genrewechsel. Eine willkommene Entscheidung. Der restliche Aufenthalt ist reggaelastig, besser geeignet für einen Kurzbesuch in Afrika. Die Musik bleibt laut.
Bevor wir uns setzen, wischt unsere Bedienung den bereits sauberen Kunststoffüberzug des Tisches ab. Ein sinnvoller Habitus um beim Besuch von Straßenküchen nicht im Straßenstaub, dem Schweiß und den Essensresten des vorigen Gasts zu kleben. Hier in Wien ist es eine Geste des Willkommen Heißens. Wir bestellen uns ein Bier und das Essen unserer Wahl. Wir bleiben unter uns, treten nicht mit den Besucher_innen und der Belegschaft in Kontakt. Das Bier einer nigerianischen Brauerei stimuliert erste Erinnerungen. Wir werden bedient und die Gerüche der Gerichte vereinnahmen uns. Der Geschmack von Ziege, Kochbananen, Bohnensoße, Chilireis und Chiligemüse – natürlich vieles mit der nötigen Dosis Palmöl – stärkt die Intensität der Erinnerungen. Nach den ersten Bissen erkennen wir: Wir haben Pepper mit Chili verwechselt. Ein Anfängerfehler. Aber die Schärfe tut dem Genuss keinen Abbruch. Das Essen versetzt mich kurz in eine andere Zeit. Eine Zeit als der Planungshorizont sich bis zur nächsten Mahlzeit erstreckte. Als der Geist übersättigt von neuen Eindrücken mit Weltbildrelativierungen beschäftigt war. Wir sind „satisfied“ und das freut auch unsere Bedienung. Sie scherzt mit uns.
Die zahlreichen anwesenden Männer sitzen vereinzelt an Tischen. Sie starren auf ihre Mobiltelefone oder halten ein Schläfchen. Wir kümmern sie nicht. Das ist ungewöhnlich. Irgendwann erscheint Barack Obama am Bildschirm. Ein Gast ruft seinen Namen. Einige sehen auf und zeigen sich solidarisch.
Beim Verlassen des Lokals ernte ich freundliches Lächeln. Nicht jenes, das zahlenden Gästen gilt. Es ist ein Lächeln der Gastfreundschaft. Ahsante sana für eine Stunde Erinnerungen.

Gregor Karnitschnig

Kommentar verfassen