Wie können wir über Krieg sprechen? Authenzität und Abstraktion in „Niemandsland“

in Kunst von
Seyneb Saleh, Birgit Stöger © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Niemandsland von Yael Ronen handelt von Menschen, die auf unterschiedliche Weise in Krieg, Verfolgung und Traumata verstrickt sind. Das Stück versucht mit den Geschichten seiner Figuren verschiedene Perspektiven und Standpunkte in diesem vielschichtigen Themenkomplex einzunehmen.

Das Stück handelt zunächst von Azra, die vom Bosnienkrieg geprägt ist, aus dem sie geflohen ist und ihrer Tochter Leila, die als politische Aktivistin wieder in den Krieg zurückkehrt. Dann ist da der junge serbisch-stämmige Schauspieler Miloš, der sich auf künstlerische Weise mit dem Thema Kriegsverbrechen auseinandersetzt, bis er erfährt, dass er durch die Geschichte seines Vaters selbst davon betroffen ist. Der Kriegsreporter Fabian zerbricht beinahe an seiner Arbeit und an dem Zynismus, dass er selbst Profiteur des Krieges ist. Der Anwalt Nachmann entfernt sich von der guten Intention, anderen durch politischen Aktivismus helfen zu wollen, verstrickt sich in ein Netz aus Lügen und denkt schließlich mehr an sich selbst als an andere. Das Herzstück von Niemandsland sind allerdings Osama und Jasmin, ein Palästinenser und eine Israelin, die auch im wirklichen Leben verheiratet sind, aber nicht zusammen leben können. Für sie ist Österreich ein möglicher, sicherer Hafen.

Das gesamte Stück, sowie auch das Schauspiel in Niemandsland, sind von der Frage geprägt, wie man in einem sicheren, unversehrten Land wie Österreich überhaupt vom Krieg erzählen kann. Dabei ist sich das Stück bewusst, dass nicht vom Krieg zu erzählen auch keine Lösung ist, obwohl wenn man es nie richtig machen kann. Die Schauspieler_innen haben mit ihrem Schauspiel eine Zugangsweise zu dem Thema gewählt. Die Antwort auf die Frage heißt Ehrlichkeit, Authentizität, soweit es möglich ist. Dies hängt vermutlich auch mit Yael Ronens Arbeitsweise und der Entstehung des Stücks zusammen. Aus einer Problemstellung erarbeiteten die Schauspieleri_innen in gemeinsamer Diskussion mit der Regisseurin das Stück und seine Figuren. Dabei war die Geschichte von Osama und Jasmin der Ausgangspunkt für Fragen nach Grenzen, Begegnungen und Trennungen. Anschließend wurde das Stück durch Improvisation und viele Schritte der Neu- und Umgestaltung erarbeitet. Diese Arbeitsweise schlägt sich im Schauspiel nieder, welches durchwegs authentisch, alltagsnah und realistisch bleibt. Dabei fühlen sich die Schauspieler_innen in ihre Rollen ein und stellen deren Problematik wie ihre eigene auf die Bühne. Birgit Stöger als Azra und Seyneb Saleh als Leila spielen dabei ein dysfunktionales Mutter-Tochter-Gespann, das sich über alltägliche Dinge wie das Abendessen oder Leilas Wunsch, ihren eigenen Weg zu gehen, streitet. Birgit Stöger bringt dabei das realistische Porträt einer traumatisierten Frau auf die Bühne, die mit ihrer Vergangenheit nur umgehen kann, indem sie sich davon distanziert.

Entschieden tragen Osama und Jasmin zur Authentizität des Stückes bei. Sie geben der Geschichte eine weitere Prise an Relevanz und Lebensnähe. In ihrem Spiel fügen sich beide gut in das Schauspielensemble ein und fallen als Schauspiellaien nicht aus dem Konzept. Vielmehr verringert ihre Teilnahme am Stück den Vorwurf an der Rolle des Theaters, der im Stück dem Schauspieler Miloš gemacht wird. Als er für sein Stück die Rolle eines Kriegsverbrechers und Vergewaltigers spielt, mit der Intention, Probleme im Theater zu verhandeln, wird er forsch vom Kriegsreporter Fabian gemaßregelt. Er als privilegierter, unversehrter Mensch habe kein Recht über Dinge zu sprechen, die er sich nicht im Traum vorstellen kann oder will. Ironischerweise erfährt Miloš im Laufe des Stücks, was es bedeutet, doch von solchen Problemen betroffen zu sein.

Gebrochen wird die realistische Darstellungsweise der gegenwärtigen Ereignisse durch den Tanz zur Darstellung der Kriegsverbrechen, die in der Vergangenheit geschehen sind und die die Figuren immer noch heimsuchen. Der Tanz als Mittel zur Darstellung von Massenvergewaltigungen knüpft an die Frage an, wie man Krieg auf der Bühne überhaupt darstellen kann. Diese stumme, anti-realistische Form nähert sich einem Problem, das auch in dem berühmten Ausspruch Adornos, „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ behandelt wird. Wie kann Sprache etwas ausdrücken, das außerhalb des Sprachlichen liegt? Wie kann Kunst etwas darstellen, das außerhalb aller menschlichen Vorstellungskraft liegt? Die Wahl des Tanzes für diese Aufgabe ist eine gelungene, da der Tanz einerseits auf konkrete, körperliche Weise zeigen kann, was geschehen ist, und andererseits aufgrund seiner Abstraktion das stumme Grauen selbst offenbaren kann, ohne zu versuchen, eine authentische Erfahrung zu zeigen.

Das Stück Niemandsland nähert sich durch seine Darstellungsweise einem schwer darzustellenden Thema. Zentral ist dabei die Problematik, wie mit Kriegserfahrungen, Schreckgespenster der Vergangenheit für manche und bittere Realität für andere, umzugehen ist. Das Stück versucht sich dem einerseits durch ehrliches, unaffektiertes Spiel und andererseits durch symbolische, anti-realistische Darstellung zu nähern und reflektiert damit über die Unmöglichkeit, aber auch die Notwendigkeit, über Krieg und dessen Folgen zu sprechen.

Julia Ritter

Quelle: http://www.volkstheater.at/stueck/niemandsland/

Kommentar verfassen