Anders Reisen mit Roger Willemsen

in Klartext von
Panoramablick auf Mount Bromo in Indonesien kurz vor Sonnenaufgang, sehr romantisch

„Ich kann kein grundsätzlich Anderer werden, ich kann nur meinen Konjunktiv bereisen“. Wie Roger Willemsen mich und meine Art zu reisen verändert hat.

Wir haben Anfang Februar 2016 und ich bin unglücklich. Dabei sollte ich allen Grund zur Freude haben. Ich komme gerade von einem erfolgreichen Bewerbungsgespräch für einen Sommerjob, die Praktikumsstelle ist mir sicher und jetzt warten ein paar schöne Wochen Ferien auf mich. Dennoch bin ich schlecht drauf, und ich weiß auch warum. Ich hab Fernweh, aber so richtig.

Seit ich mit meinem Studium und dem damit verbundenen flexiblen Studentenleben begonnen habe, habe ich auch das Reisen endgültig für mich entdeckt. Jeden Sommer hab ich was anderes ausprobiert: Backpacken in Südamerika, Couchsurfen, ein kurzes Volontariat in Ostafrika, alleine durch Indonesien und zwischendurch einige Städtetrips in Europa mit Freund_innen. Also kann ich mich wirklich nicht beklagen, nichts von der Welt gesehen zu haben. Aber einmal angefangen, wird man gierig! Sind einmal die Möglichkeiten abgewogen, stoße ich bei der Fantasie und den Wünschen nach neuen Reisezielen, neuen Landschaften, neuen Kulturen, neuen Freund_innen und Erfahrungen auf keine Grenzen. Wenn’s aber ums Geld geht, kann ich fürs Erste sämtliche Ambitionen begraben. Ein Umzug in eine neue WG steht vor der Tür und auf meinem Konto herrscht gähnende Leere. Ich bin frustriert, überlege mir wilde Varianten, wie es sich vielleicht doch ausgehen könnte, bin aber wohl oder übel 2016 noch an meinen heimatlichen Alltag gebunden.

Wer ist dieser Roger Willemsen?

Ich versuche mich abzulenken, klicke mich ein bisschen durch YouTube und meine Social-Media-Seiten und lande zuletzt auf Twitter. Dort wird wieder einmal der überraschende Tod eines Prominenten betrauert, diesmal sogar ein Deutscher: #RIPRogerWillemsen

Das ist mir jetzt fast sogar ein bisschen peinlich. Kennt ihr das, wenn man Menschen erst durch ihren Tod kennenlernt? Roger Willemsen, ein deutscher Publizist, Autor, Fernsehmoderator und „Deutschlands beliebtester Intellektueller“ ist im Alter von 60 Jahren an Krebs gestorben. Die Internettrauer ist groß, meine Twitterwall wird mit Zitaten, Nachrufen und Interviews zugespamt und irgendwie kommt mir sein Gesicht doch ein bisschen bekannt vor. War der nicht mal bei Jan Böhmermann im NEO Magazin? Und so klicke ich mich fast den ganzen Tag durch alle möglichen Roger Willemsen Beiträge, was völlig in einer Art Interview-Binge-Watching auf YouTube ausartet. Sowas ist mir ehrlich gestanden noch nie passiert: Ich „kenne“ diesen Mann keine 5 Stunden, aber ich bin vollkommen fasziniert von ihm und seinen Erzählungen. Und weil ich zugegebenermaßen zur Heldenverehrung neige, werde ich innerhalb kürzester Zeit zum größten selbsternannten Roger-Willemsen-Experten des Mostviertels.

Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, verliert früh seinen Vater, quält sich durch die Schule, studiert Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie, promoviert über die Literaturtheorie von Robert Musil, hält sich mit kleinen Nebenjobs über Wasser, bis er sich als freier Autor, Übersetzer und Korrespondent in London niederlässt. Trotz großen Erfolgs zieht sich Willemsen als Moderator im Fernsehen zurück. Er konzentriert sich hauptsächlich aufs Reisen, schreibt Bücher und tritt öffentlich vermehrt auf Bühnen auf. Er wechselt regelrecht die Seiten und wird vom Interviewer zum Interviewten.

Willemsen beginnt, meine Perspektive zu verändern

Und von eben diesen Interviews, Reden und anderen öffentlichen Auftritten kann ich gerade nicht genug bekommen. Denn Roger Willemsen ist ein großartiger Erzähler! Mit seiner herzlichen, enthusiastischen Art erinnert er mich spontan an einen guten Freund, der mir begeistert von seiner letzten Reise erzählt und es nimmt kein Ende: Die Geschichten werden immer verrückter und intensiver. Man kann es sich kaum vorstellen, dass ein einziger Mensch in seinem Leben so viel erlebt, gesehen und gespürt hat, an so vielen Orten war und so viele verschiedene spannende Menschen getroffen hat. Viele dieser Begegnungen und Erfahrungen hat Roger Willemsen in seinen Büchern festgehalten und ich habe mir im letzten Jahr fast sein gesamtes Werk besorgt und regelrecht aufgesaugt.

So habe ich mit Roger Willemsen die „Enden der Welt“ bereist, war mit ihm in Bangkok, am Nordpol, im Amazonas, in Patagonien, bin mit ihm durch Deutschland („Deutschlandreise“), durch seine Jugend und Vergangenheit („Der Knacks“) gereist. Ich habe ihn bei seiner „Afghanischen Reise“ begleitet und mit ihm spannende Mitmenschen („Gute Tage – Begegnungen mit Menschen und Orten“) und Guantanamo-Häftlinge („Hier spricht Guantanamo“) interviewt. Ich habe mit ihm geliebt („Kleine Lichter“), und jede Menge besondere, aber auch banale Momente aufgesogen („Momentum“).

Besonders letzteres Buch hat mich schwer beeindruckt. Dabei klingt das Format lächerlich einfach. Roger Willemsen beschreibt kurze Momente, Gespräche und Situationen, die er auf seinen Reisen erlebt oder im Alltag aufgeschnappt hat, und zwar so präzise und detailreich, dass man sich konzentrieren muss, um nichts zu verpassen. Dieser Text ist nichts für eine Zugfahrt und keine Einschlaflektüre. Man muss immer genau bei der Sache sein. Jeder Absatz ist ein neuer Moment, der sich grundlegend und zusammenhangslos vom Letzten unterscheidet. Das kann extrem anstrengend sein, aber für mich hat es sich sehr gelohnt. Noch nie hat mich ein Buch so gefesselt, noch nie war die Immersion so stark, noch nie war die Neugier so groß, wohin geht’s wohl als nächstes? Und Roger Willemsens unglaubliches Gespür fürs Detail schafft es, dass man als Leser_in leicht in die Szene eintauchen kann und sie erlebt, als wäre man wirklich dabei.

Ebenso lesen sich auch seine Reiseberichte. Besonders überrascht war ich von der Deutschlandreise. Man erwartet eigentlich nichts Weltbewegendes. Man kennt Deutschland, für uns Mitteleuropäer ist das wohl nichts Besonderes mehr, aber die eingefangene Stimmung durch die präzise Beschreibung kleiner, banaler Kaffs oder einer einfachen Zugfahrt durch den Osten war überraschend erfrischend und motiviert mich, mein eigenes Heimatland auf eine ähnliche Weise neu kennenzulernen.

Generell hat Roger Willemsen durch seine Bücher und Interviews meine Denkweise und Einstellung zum Reisen massiv verändert – durch ihn hat sich eine große Selbstreflexion zu diesem Thema ergeben. Warum reise ich eigentlich? Warum hab ich immer wieder so ein starkes Fernweh? Was ist der Zweck? ‚Um neue Orte zu sehen, neue Menschen kennenzulernen, neue Erfahrungen zu sammeln, eventuell um Abstand vom Alltag zu bekommen, von Sorgen loszulassen, oder ,vielleicht etwas pathetisch gesagt, sich selbst zu finden? Das wären zumindest ein paar Antworten, die mir spontan einfallen würden. Aber habe ich mich da in der Vergangenheit nicht ein bisschen selbst betrogen?

Was haben mir meine Backpacking-Reisen gebracht?

Beim Backpacking in Peru und Bolivien, als ich mit zwei Freundinnen für sechs Wochen mehr oder weniger von Hostel zu Hostel und von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gepilgert bin? Natürlich habe ich viele neue Eindrücke bekommen und viele spannende neue Orte gesehen, aber so richtig eintauchen in die neue Umgebung konnten oder wollten wir nicht. Wir sind, vermutlich eher unbewusst, den Touristenströmen gefolgt, haben außerhalb der Hostels kaum neue Leute kennengelernt, schon gar keine Einheimischen, und wie oft habe ich den Satz gehört: ‚Wenn man nicht in Machu Picchu war, war man nicht in Peru! ‚. Ein ausgesprochener Blödsinn, aber selbstverständlich waren wir auch dort, sogar mit einer 4-tägigen Inkatrail-Hiking-Tour zum Goldpreis, und natürlich war es großartig, aber eben auch Massentourismus pur. Ohne vernünftige Spanischkenntnisse wäre alles andere auch viel zu mühsam geworden.
Im Hostel angekommen ist die erste Frage jene nach dem WiFi Passwort, um die neuen Eindrücke auf den sozialen Medien mit den Freund_innen zu teilen und nachzulesen, was es denn so Neues gäbe. Die Gemeinschaftsbereiche waren voll mit uns Smartphone-Zombies, die nebeneinander kommunizierten, anstatt miteinander. Und die Fotos, die jeder schoss, waren weniger Erinnerungsstücke als Beweisfotos à la ‚Seht her, ich war wirklich da‘, und so klappert man die Points-of-Interest im Reiseführer wie eine Checkliste nach und nach ab, ohne richtig angekommen zu sein.

Ein Jahr später war ich wieder Backpacken, diesmal in Indonesien und alleine. Im Nachhinein betrachtet, war das eine viel intensivere und lohnenswertere Erfahrung. Ich musste viel mehr aus mir herausgehen, um sozialen Kontakt zu schaffen. Ich war auf mich allein gestellt, war zugegebenermaßen auch ab und zu richtig einsam, konnte aber auch mutiger sein, neugieriger sein, mich einfach einmal in den Slums von Jakarta verirren, viel auf mich hören, faul sein, weil ich ohne soziale oder freundschaftliche Zwänge durch die Tage leben konnte, ohne Kontrolle, ohne Zeitplan. Ich bin in viele überfordernde Situationen geschlittert, konnte dadurch aber auch oft viel stärker in die neue Welt eintauchen. Besonders gute Erfahrungen konnte ich beim Couchsurfen sammeln. Hier trifft man immer wieder auf interessierte Menschen, die einem auch viel mitgeben. Auch andere Reisende habe ich als Solo viel schneller und intensiver kennengelernt, man verbringt einige Tage miteinander, völlig zwanglos aber immer absolut, tauscht Erfahrungen, feiert, erforscht gemeinsam die neue Welt und trennt sich dann wieder in die einzelnen Individuen auf. Nie habe ich so im Hier und Jetzt gelebt, wie in dieser Zeit und in diesen Zuständen. Es ist völlig egal, was war und was morgen sein wird – das überlegt man sich am besten auch erst morgen – ein Zustand, der nur außerhalb des Alltags möglich zu sein scheint.

Reisetagebuch statt Fotobuch

Was mir außerdem stark aufgefallen ist, sind die vielen Ecken und Kanten an mir selbst. Ich würde nicht sagen, dass mich meine verschiedenen Reiseerlebnisse stark verändert haben, obwohl das viele in meinem Umfeld behaupten. Ich habe vielleicht viel dazugelernt, wie die Fähigkeit, den Blickwinkel zu ändern und möglicherweise auch eine gewisse Bescheidenheit, aber im Kern habe ich eher sehr viel mehr an mir selbst entdeckt als mich verändert. „Ich kann kein grundsätzlich Anderer werden, ich kann nur meinen Konjunktiv bereisen“, sagt Roger Willemsen im Interview mit EMOTION. Wer wäre ich im Dschungel von Bolivien? Wer wäre ich am Jakobsweg? Was könnte ich schaffen, wenn ich im Kinderheim in Mombasa helfen würde. Dieser neue Ansatz gefällt mir sehr gut. Er geht weg vom reinen Sightseeing und Abenteuerurlaub und forciert die persönliche Empfängnisbereitschaft und Neugier auf völlig neue, herausfordernde Situationen. Also überlege ich mir im Moment weniger: ‚wohin will ich‘ sondern ‚was will ich erleben‘? und konzentriere mich bei der nächsten Reise weniger auf die bessere Fotoperspektive, sondern achte auf den Geruch der Straße, das Gefühl vom Wind und der Sonne und die Gesichter der Menschen. Vielleicht bleibt sogar die Kamera mal ganz zuhause und ich schreibe, wie Roger Willemsen, einfach mal die Eindrücke und die Augenblicke auf, aber nicht für ein neues Buch, sondern für mich selbst. Denn wenn mir eine Sache nach dem Heimkehren immer aufgefallen ist, dann ist es die Tatsache, dass ich im Nachhinein am Reisetagebuch immer viel mehr Freude habe, als am Fotobuch.

Kennenlerntipps zu Roger Willemsen:
Interview zum Thema „Reisen“:
http://www.emotion.de/schones-neues/kultur/roger-willemsen-gestorben
Interview bei der Fernsehsendung THADDEUSZ / RBB:
https://youtu.be/OvvJ8POlo74
Lateline-Podcast zum Buch „Die Enden der Welt“:
http://mp3.podcast.hr-online.de/mp3/podcast/lateline/lateline_20100907.mp3

 

Bernhard Kobler

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