„We try tonight“

in Kreaktiv von

Die Flüchtlingskrise zieht sich nun schon seit einigen Jahren durch unsere Berichterstattung. Als Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenregionen nach Europa gereist sind, haben sich in unserer Gesellschaft Parallelwelten gebildet. Erschreckende Bilder von Flüchtlingscamps können nun auch bei uns geschossen werden. Eine dieser Parallelwelten befindet sich in Nordfrankreich, zwischen Calais und Dunkerque.

Die Gassen zwischen den Hütten geben einen guten Eindruck des Alltags. Foto: Camille Vern

Eine asphaltierte Straße, die an zwei nebeneinanderstehenden weißen Containern, zu einer Schranke führt, bildet die Zufahrt zum Flüchtlingscamp der Gemeinde Grande Synthe, bei Calais in Nordfrankreich. Um zu meinem Arbeitsplatz und meinem Zuhause für die nächsten zwei Wochen zu kommen, muss ich mich als Erstes einer Polizeikontrolle stellen. Die Polizisten kontrollieren meinen Pass. Wieso ich denn aus Deutschland extra nach Frankreich komme? In Deutschland gebe es doch auch Flüchtlinge.

Bevor ich Zutritt zum Camp habe, muss ich mich im zweiten Container in eine Liste eintragen. Name, Vorname, Organisation. Alle freiwilligen Helfer_innen, die das Camp betreten, müssen sich in diese Liste eintragen. Dann erst darf ich die Schranke umgehen, die das Camp absperrt. Eine alte Palette bildet eine kleine Brücke, um den Pfützen, die der Regen der letzten Nacht hinterlassen hat, zu entgehen.

Ich muss noch fünf Minuten gehen, bevor mir das wahre Ausmaß des Camps bewusst wird. Als ich um eine Ecke biege, erstreckt sich eine geradlinige Straße vor mir, die das Gelände, das zwischen 1300 und 1500 Flüchtlinge beherbergt, teilt. Vereinzelt stehen Container zwischen einem Meer von kleinen Hütten, die aus Holzpaletten gebaut wurden. Die Container stellen Institutionen dar. Die Schule und die Bibliothek; das Butterfly House, in dem das Rote Kreuz Aktivitäten anbietet; der Free Shop (einer für Frauen, einer für Männer); die Büros der von der Regierung angeheuerten Organisation, die das Camp reguliert und kontrolliert; die Toiletten und Duschen.

Ein scheinbar endloses Gelände. Die asphaltierte Straße, die durch die Parallelwelt führt, ist wenige Kilometer lang. Foto: Camille Vern

Leben im Unterschlupf

Während ich durch das Camp zu einer Hütte gehe, um einer hochschwangeren Frau neue Hosen zu bringen, höre ich das Rauschen der Autobahn. Das Camp liegt direkt neben einer Autobahnausfahrt. Während die Lastwägen auf der A16 an den Shelters vorbeifahren, bilden Eisenbahnschienen die gegenüberliegende Grenze dieser Parallelwelt. Shelters – so werden im Camp die Hütten genannt: Unterschlupf.

In dieser Parallelwelt spielen Kinder lachend vor dem Children’s Centre Sackhüpfen und Mütter schieben Kinderwägen auf der einzigen asphaltierten Straße. Männer kommen mit Flip-Flops und kurzer Hose aus den Duschen. Draußen herrschen Minusgrade. Ich sehe den ersten Menschen zu, die sich bei der Essensausgabe anstellen. Reis mit Bohnen und Kichererbsen, dazu Salat. Das Essen wird von der britischen Organisation Refugee Community Kitchen vorbereitet und verteilt. Das Frühstück und das Abendessen kocht die Kesha Niya Kitchen, eine Initiative der deutschen Organisation Schönere Willkommenskultur e.V.

Im Free Shop heute im Angebot: Windeln, Milch, Zahnbürste, Deo, Bodylotion. Foto: Camille Vern

Auf dem Weg zum gelben Container winke ich Larsha zu, die ihre viermonatige Tochter auf dem Arm trägt, die in Deutschland auf die Welt gekommen ist. Sie erwartet schon ihr zweites Kind. Im gelben Container bereiten andere Volontärinnen des Women’s Centre den Free Shop vor. Dieser Free Shop ist nur für Frauen und Familien gedacht. Jeden zweiten Tag können diese sich Toilettenpapier, Taschentücher, Shampoo, Seife, Spülmittel und Windeln abholen.

Die Windeln sind nicht nur für Babys und Kinder gedacht. Auch die Frauen brauchen Windeln, denn wenn die Nacht über das Camp hereinbricht, die Freiwilligen es verlassen und die Sicherheitsleute sich in ihre Container zurückziehen, regieren Gewalt und Angst das Camp. Die Frauen ziehen sich lieber Windeln an, als im Dunkeln noch einmal ihre Hütte zu verlassen und möglicherweise Opfer von Übergriffen zu werden.

Traumdestination ohne Freiheitsstatue

Heute haben wir BHs und Tücher im Angebot. Wie bei H&M beim Ausverkauf werden die Artikel durchwühlt und die Frauen suchen sich das Tuch, das ihnen am meisten gefällt, aus dem Haufen an Spenden. Lachend hält sich eine Dame einen Rüschen-BH an die Brust, bevor sie es wieder auf den Tresen wirft – er ist zu klein. Monna fragt mich nach Batterien für ihre Taschenlampe. Sie versucht heute Abend mit ihrer Familie nach England zu kommen. „We try tonight, go to U.K. Inshallah.“ Ich wünsche ihr viel Glück bei ihrer Flucht und hoffe, dass sie endlich ihr Ziel erreicht. Auch wenn es bedeutet, dass ich sie nicht wiedersehen werde und nie wieder Neuigkeiten von dieser Familie haben werde, die ich schon ins Herz geschlossen habe.

Mir wird erzählt, dass sich Schlepper im Camp befinden, die verschiedene Preise anbieten. Wenn der LKW-Fahrer, der Flüchtlinge auf seiner Ladefläche mitnehmen wird, Bescheid weiß, kostet es mehr, als wenn er ahnungslos bleibt. Dabei wird gesagt, dass die Reisenden bei diesem Preis sicher seien, ihr Ziel zu erreichen. Weiß der Fahrer nicht Bescheid, ist die Wahrscheinlichkeit um einiges geringer. Beim kleinsten Geräusch können die Flüchtlinge entdeckt und zurück nach Frankreich geschickt werden.

Aber trotz der Preise, trotz der Gefahren, trotz der Unsicherheit bleibt „the U.K.“ das Ziel. Es ist schwierig, einer jungen Mutter, die ihre Heimat verlassen hat und seit Monaten in einer kleinen Holzhütte ausharrt, zu erklären, dass ein Leben als Flüchtling in Großbritannien nicht leichter ist, als in Deutschland oder Österreich. Einige Menschen haben Familien in England, andere sprechen ein bisschen Englisch und möchten in das europäische Land einwandern, in dem sie sich ein wenig verständigen können. Für andere war es schon immer das Ziel. Wenn ein Mensch all sein Hab und Gut packt, seine Heimat verlässt, in dem Wissen, dass er nie wieder zurückkehren kann, will er das Ziel erreichen, das er sich von vornherein gesetzt hat – the U.K.

Im Women’s Centre wird den Frauen Englisch beigebracht. Die Kinder können beim Lernen des Alphabets schon mitlernen. Foto: Camille Vern

Ali Baba und sein Schatz – warme Kleidung und Nagellack

Bis sie ihr Ziel erreichen, richten sich die Familien so gut sie können ein. Auf den zwei Regalbrettern in den Holzhütten sammeln sich Kleidung, Essen, Windeln und Zahnbürsten. Eine junge Iranerin hat mich zum Tee in ihre Hütte eingeladen. Myriam weiß ihr Alter nicht mehr. 25 oder 26 Jahre alt sei sie – sie ist sich nicht mehr sicher. Neben uns liegt ihre fünfmonatige Tochter. Ich nehme sie in den Arm und sage scherzhaft, ich würde die kleine Hanna behalten. Myriam erwidert prompt: „Okay, you keep her. I go to U.K.!“ (“Okay, du behältst sie. Ich gehe nach Großbritannien!”) Ich lache, obwohl ich bestürzt bin, dass ein Fünkchen wahre Verzweiflung in dieser Aussage steckt. Mit einem Baby ist die Reise nach Großbritannien fast unmöglich. Das Kind muss stundenlang ruhiggestellt werden. Nach Monaten des Wartens möchten Eltern zu drastischen Maßnahmen greifen – Alkohol, Schlafmittel. Myriam erzählt, dass sie es schaffen, Hannah mit Zeichentrickfilmen auf dem Handy ruhig zu stellen. Doch nicht lange genug, um die Überfahrt zu überstehen.

Um 18 Uhr müssen die Freiwilligen das Camp verlassen haben. Bei Dunkelheit ist es zu gefährlich für Besucher_innen in der Parallelwelt. Ich verabschiede mich von Myriam. Es muss noch geputzt und aufgeräumt werden. Wie jeden Tag stellen wir ein paar Fälle von „Ali Baba“ fest. Die Frauen nehmen Stifte, Malblöcke, Kleidung und Handbesen mit, mit denen sie ihre Kinder und ihr vorübergehendes Heim besser ausstatten können. „Ali Baba“ versteht jeder im Camp, es bedeutet „Dieb“ oder „Stehlen“.

Es ist ein komisches Gefühl, aus dem Camp zu fahren und nicht zu wissen, wie es morgen aussehen wird. Vielleicht gibt es gute Nachrichten, vielleicht hat es jemand nach England geschafft. Vielleicht gibt es schlechte Nachrichten und eine Familie wurde aus ihrem Shelter vertrieben. Jeden Tag sieht man neue Gesichter, hört man neue Geschichten. Über einen Kreisverkehr verlassen die Freiwilligen das Camp und tauchen wieder in die andere Welt ein. Die Welt, in der wir aufgewachsen sind und in der alles gut ist – oder wo es zumindest so scheint.

Camille Vern

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