Die fabelhafte Welt der Lifestyle-Nomad_innen

in Klartext von

…und ihre begrenzte Grenzenlosigkeit

Die bauchigen Glühbirnen hängen in unterschiedlichen Längen schwer von der Decke und tauchen den Raum in gemütliches Licht. An den grau gestrichenen Wänden sind Schilder befestigt, auf denen mit dicken schwarzen Buchstaben Sehenswürdigkeiten von Wien geschrieben stehen. Zwei flache Notebooks stehen auf einem Tischchen und laden jene auf eine virtuelle Reise ein, die kein eigenes smartes Gerät dabei haben, um das gratis WIFI zu nutzen. Ich lasse mich in die bunten Polster sinken. Müsste ich den Eingangsbereich des Wombats Hostels auf der linken Wienzeile mit einem Wort beschreiben, fiele meine Wahl ohne zu zögern auf „hip“. Es fehlt eigentlich nur mehr der Soja-Latte to go in meiner Hand. Ist dies der Lebensraum der Lifestyle-Nomad_innen?

„Nomade“ kommt vom altgriechischen nomás – weidend, umherziehend. Zugegeben, die Lifestyle-Nomad_innen, nach denen ich suche, weiden niemanden. Doch sie ziehen umher auf der Suche nach neuem Lebensraum. Überlebenswichtig ist nicht mehr das Vieh, sondern Smartphones und Laptops, um geografische Distanzen durch virtuelle Begegnungen wettzumachen. Lifestyle-Nomad_innen haben viel mit Digitalen Nomad_innen gemeinsam – Menschen, die aufgrund ihrer Arbeit mit digitalen Technologien ein ortsunabhängiges oder multilokales Leben führen.  Auch Lifestyle-Nomad_innen verspüren den Reiz eines multilokalen Lebens, des Reisens und des regelmäßigen Wechselns des Wohnortes. Doch im Vordergrund steht nicht zwingend die Arbeitsweise – sondern der Lifestyle.

Ich stehe an der Rezeption des Hostels und befrage Fabian, der seit etwa zwei Jahren hier arbeitet, nach jenen Lifestyle-Nomad_innen, die einen Zwischenstopp in Wien einlegen. „Diejenigen, die nur mit zwei T-Shirts im Gepäck anreisen und auf einer monatelangen Tour durch die Welt sind, sind eher die Ausnahme hier“, erklärt er mir. Die Gäste, die hauptsächlich aus Mittel- und Westeuropa, den USA, Korea oder Australien ins Hostel kommen, haben höhere Ansprüche. Sightseeing am Tag, Party in der Nacht – das beschreibt knapp die Lieblingsaktivitäten der Besucher_innen. Ein kurzer Streifzug durchs Hostel spiegelt das wider. Der Vorraum lädt ein neue Leute kennenzulernen – in der realen und virtuellen Welt. Ich betrete die Bar, die jetzt, mitten am Nachmittag, leer ist, bis auf eine Barkeeperin, die durchsichtige Flüssigkeit in Flaschen abfüllt. Plakate auf der Wand preisen die hochprozentigen Getränke der Bar an und versprechen maximalen Rausch für minimales Geld. Ich weiß natürlich, dass viele der Leute die hierher kommen, Menschen sind, die ihren Wochenendtrip genießen und kein multilokales Leben als Lifestyle-Nomad_innen führen. Doch gleichzeitig ist das Hostel ein Raum, in dem es möglich ist, in das Leben der stetig Umherziehenden einzutauchen.

Doch nochmals zurück zu jenem Nomadismus, der auf dem Weiden von Vieh basiert und weit weniger beschleunigt vonstattengeht. Umherziehende Gruppen waren und sind oft mit Staatlichkeit im Konflikt. Viele Regierungen sind überfordert mit diesen Menschen, deren Verständnis von Grenzen, Privateigentum und Wirtschaftlichkeit sich von jenen vieler sesshaften Bürger_innen unterscheidet. Auch Lifestyle-Nomad_innen müssen sich mit bürokratischen Hindernissen wie Visa und globalen Versicherungen herumschlagen. Doch gleichzeitig sorgt ihr Heimatstaat für ihre Reisegrundlage und bestimmt somit ihr nomadisches Sein  durch den Reisepass. Es ist ein Reisepass, der Türen und Grenzen öffnet. Nur wenige Reisepässe weltweit eröffnen diese Möglichkeiten. Und so hinterlässt die vertretene und stolze Selbstbezeichnung „Weltbürger_innenschaft“ einen fahlen – weil exklusiven – Nachgeschmack.

Ich setze mich wieder in den Eingangsbereich des Hostels. Aus den Boxen schallt Musik. Neben mich setzen sich zwei junge Frauen, eine mit Notebook, eine mit Handy, und tauchen ins weltweite Netz ein. Vorsichtig beginne ich mit ihnen zu sprechen. Sie sind aus Seattle und Studentinnen eines einjährigen Studiengangs, der von ihrer US-amerikanischen Uni in Prag angeboten wird. Gerade sind sie auf einem Wochenendtrip in Wien. Die eine der beiden möchte nach ihrem Jahr in Prag gerne als Au-Pair nach Australien. Studium im Ausland, Work and Travel, Au Pair oder Freiwilligendienste sind nur ein paar der institutionalisierten Möglichkeiten, die jungen Lifestyle-Nomad_innen offenstehen. Ich frage die beiden, worauf sie beim Reisen am schwersten verzichten können. Sie reagieren mit fragenden Blicken und ich versuche mich zu erklären, bis mir eine der beiden erklärt, ihr Handy würde sie wohl ungern zu Hause lassen. Ich merke, dass meine Frage fehl am Platz ist. Reisen bedeutet hier nicht Verzicht oder Beschwerlichkeit.

Zugegeben, das Nomad_innenleben ist reizvoll. Nie ließen sich Freiheit und Sicherheit so gut verknüpfen wie heute. Günstige Flüge locken neue Orte und Menschen kennenzulernen und neue Sprachen zu erproben. Außerdem ist es gleich viel einfacher die Welt zu entdecken, wenn abends ein gemütliches Bett garantiert ist, Bankomaten weltweit Scheine ausspucken und sich geografische Weite zumindest temporär mit virtueller Nähe überwinden lässt. Mittlerweile bekommt die Zeit des Umherziehens einen ehrenvollen Platz im Lebenslauf zugewiesen und wenn fremdes Essen mal keinen Spaß mehr macht, findet sich in jeder größeren Stadt eine Pizza. Aber was ist mit jenen Nomad_innen, deren Umherziehen kein Lifestyle sondern Notwendigkeit ist? Jenen, die Multilokalität nicht leben, weil sie sich dafür entschieden haben, sondern, weil sie sich dazu gezwungen sehen? Wenn das Kreuzfahrtschiff in der Karibik voll ist, steht ein weiteres zur Verfügung. Wenn ein Schiff, das von der Küste Libyens Richtung Italien aufbricht, überfüllt ist, zucken die Beobachter_innen die Schultern. Der Pass österreichischer Lifestyle-Nomad_innen öffnet Grenzen. Der Pass afghanischer Umherziehender verschließt sie. Lifestyle-Nomad_innen steht die Welt offen. Doch diese Offenheit ist nicht grenzenlos. Ohne Pass verwandelt sich die Grenze in eng geknüpften Zaun. Und ohne Style steht das Leben ziemlich allein da.

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