God bless you

in Kunst von

Seit er nach Europa gekommen war – und fast nichts war ähnlich hier mit dem Land, aus dem er gekommen war; seit er nach Europa gekommen war, sah er das Grüne und das Dürre entschwand mehr und mehr seinem inneren Auge. Er sah den Wohlstand hier und das Überangebot an Waren und Dienstleistungen. Es war etwas, das er erhaschen konnte, doch immer nur einen kleinen Zipfel davon.

Aman träumte,
er trug noch die Fröhlichkeit dem Leben gegenüber in sich –
die Fröhlichkeit, wenn das Leben über den Tod siegt,
die Fröhlichkeit, die jedenfalls am Tag stärker war, als alle Albträume, die ihn in der Nacht regelmäßig aufsuchten.

Grenzzaun bei Melilla; Foto: Ongayo: commons.wikimedia.org/wiki/File:Verjamelilla.jpg (CC-BY-SA)

Wer sprach schon gerne über die Flucht, über den Kampf, am Leben zu bleiben, darüber, zu entdecken, dass viele Träume und Hoffnungen sich als falsch herausgestellt hatten.

In der Nacht sah er die Brüder und Schwestern, die aus dem Sudan wieder zurückgeschickt wurden in sein Land,
wo sie in Gefängnissen landeten – in Containern, die in der Wüste aufgestellt wurden, wo sie in der prallen Sonne ausgesetzt waren.
In der Nacht sah er seine Brüder und Schwestern, die den Weg durch die Wüste angetreten hatten, ein Freiwild für kriminelle Schlepperbanden und die Polizei. Sie gewährte die Durchreise nur, wenn sie die Schwestern in der Nacht holen konnte. Diese kamen im Morgengrauen zurück und waren ganz verstört, sprachlos geworden.
Eine Panne, ein Fußmarsch, alles konnte tödlich enden. Die Gerippe in den Sanddünen würden schnell verweht und niemandem mehr auffallen. Sie konnten die Erschöpften nicht mehr mitschleppen, die eigene Auszehrung war schon zu groß geworden… .

In der Nacht sah er sie, wie sie bei Ceuta und Melilla oder zwischen der Türkei und Griechenland die hochgesicherten Grenzzäune passieren wollten, und der eigens dafür präparierte Stacheldraht riss schwerheilende Wunden in ihr Fleisch.
Er sah sie schwimmen oder Flüsse überqueren, die Polizei schussbereit, die Flüchtenden hoffen, dass sie unsichtbar waren für die Kugeln.
Er sah, wie sie mit falschen Papieren auf den Flughäfen darauf warteten, dass die Passkontrollen sich bestechen ließen.

Kleine Schlauchboote auf der Meerenge von der Türkei zu den griechischen Inseln sah er, die von meterhohen Wellen hin- und hergerissen wurden. Nur vier Paddeln und die Schwimmwesten schon vorher zerschlissen, wussten sie nicht mehr, wo das Land wieder anfangen würde, ob vor oder zurück, sie hatten die Orientierung total verloren.
In der Nacht sah er die großen Boote und die Verzweiflung seiner Brüder und Schwestern, zusammengepfercht, verdurstend, von der Sonne verbrannt, die Toten sah er, die ins Meer geschmissen wurden, die Lebenden, die ein Raub der Wellen wurden.

Er sah sie auf den Gleisen heimlich gehend, in der Nacht, stundenlang – die Schuhe schon zerschlissen und die Füße halbtot, manche auf Engstellen vom Zug einfach überfahren.

In der Nacht kamen ihm die unter, die auf Zwischenböden in Lkws mitfuhren, bewusstlos aus Mangel an Sauerstoff, bewegungsunfähig durch den engen Raum, die vor lauter Durst schon den eigenen Urin tranken, und die, die übers Gebirge gingen, wochenlang bei Wind und Kälte und Eis von einem Land ins andere gejagt.

Foto: Unsplash: https://www.pexels.com/photo/city-people-walking-blur-1719/ (CC0)

Beim Tag verkaufte Aman den „Augustin“ in der Wiener U-Bahn, er hatte sich eine Direktheit und Fröhlichkeit bewahrt, die in diesem trostlosen Untergrund mit den gehetzten und verbohrten Passagieren strahlte, weil sie so offensichtlich nicht hierher gehörte.

„How are you?“ – „Wie geht´s dir?“, und er gibt meinem pubertierenden Sohn gleich strahlend die Hand.
„And how are you?“ stellt dieser die Frage zurück.
„Oh, I am fine, thank you, I am very fine!“ – „Mir geht es gut, sehr gut!“, so der Zeitungsverkäufer.
“You should go out, to the sun, it´s a nice day…!” – Draußen an der Sonne wäre es doch viel besser, meine ich.
“No, everything is ok, I am happy, I am fine, God bless you!” – „Nein, nein, alles in Ordnung, es geht mir gut. Gott segne euch!“, war seine Antwort.

Judith Rachbauer

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