Was der Vagabund gut kann

in Utopie von

Lyrische Fetzen. Tagebuchschmierereien. Erkünsteltes. Sommer 2013. Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina. Könnte auch sonst wo sein.

Als mich das Fernweh riss und auf die Straße schliff, fand ich uns wieder – mich und meine Daumen. Nicht Damen – Daumen. Letztere Erwähnung war meiner Erwägung nach auch das geeignetste Verkehrsmittel: Um zu verreisen. Um mit Menschen zu verkehren. Um die Welt zu preisen und zu ehren.

Die flüchtige Kunst, anzukommen

Ich begann mein Teilzeit-Vagabundenleben vor der eigenen Haustür: Dort erstoppte ich das erste Auto. Dort begann ich, das –weh zu lindern und die Fern– zu weiten.

Auf einem Bergpass an der slowenischen Grenze machte ich die erste längere Pause. Ich entstieg dem Auto der netten Dame, die dort oben nur mal eben Zigaretten kaufen wollte. Ankommen und durchatmen. Mein Blick: bergauf. Meine Füße: folgen ihm. Langsam erklomm ich einige Höhenmeter. Schritt für Schritt, wie Jesus übers Wasser – ich übers steinere Meer.

Foto von Lukas Rachbauer

Ich setzte mich auf einen starken Felsen, begann zu meditieren, wurde vom Jesus zum Buddha. Ich nahm erste Züge; inhalierte tief die Luft, die aus den frischen Bergen kam. Ich saß da, mit breitem Lächeln, und die Freiheit war mir ins Gesicht geschrieben.
Ein Gedanke, formuliert von J.P. Sendker, fiel mir willkommen in die Freuden meiner Achtsamkeit:

„Der Flüchtigkeit trotzen. Nicht in Gedanken gleich weiterreisen und auch nicht mit der Vergangenheit verhaftet bleiben. Die Kunst, anzukommen. An einem Ort zur selben Zeit zu sein. Ihn mit allen Sinnen wahrnehmen. Seine Schönheit. Seine Hässlichkeit. Seine Einzigartigkeit. Sich überwältigen lassen, ohne Furcht. Die Kunst zu sein, wo man ist.“

Die mühselige Kunst des Helfen(lassens)

Ein Gedichtlein entstand in mir. Es ließ mich nicht mehr los:

„Ich weiß nicht, was es ist,
doch es betrübt mich zu tiefst,

Dass niemand mehr stoppt, jeder nur fließt,
Im eigenen Auto, die Mienen verdrießt.“

Autostoppen kann sehr mühselig sein, wenn alle, die Platz im Auto haben, an dir vorbeifahren. Und es kann sehr schön sein, wenn jene, die Platz im Herzen haben, stehen bleiben, auch wenn sie keinen Platz haben.

Oft scheint mir, viele Leute wollen nicht mehr miteinander sprechen. Sie wollen allein sein. Erreichbar nur für die besten Bekannten und über Internet und Handy – nicht aber durch Fremde. Wenn ich solche Menschen an Tankstellen frage, ob sie neben den paar Litern Benzin auch noch ein paar Kilogramm meiner Wenigkeit mitnehmen könnten, ernte ich zunächst misstrauische Blicke. Doch dann nehmen manche mich mit. Denn – ein Vorteil für mich, ein Nachteil für diese Art von Menschen – sie trauen sich auch nicht recht Nein sagen.

Foto von Lukas Rachbauer

Ich bin nicht gemein – in keiner Hinsicht. Ich bin einzigartig und ich versuche, jede Autofahrt ebenso zu machen. Meine Mitnehmer_innen schätzen das in der Regel sehr, wenn es auch oft eine Weile dauert. Zunächst sind sie stumm, ärgern sich, sich einlullen lassen zu haben und die Schwere des Schweigens nun spüren zu müssen.

Dann bedanke ich mich. Stelle Fragen, gebe Antworten und erzähle, höre zu.
Später schweben Erleichterungen – gar Freuden – im Auto; wie Seifenblasen kann ich sie sehen. Darin spiegeln sich Menschen, die schon lange nicht mehr aufgeschlossen waren, mit Fremden ihr Leben geteilt haben. Es sind Menschen, die normal im Zug neben ihrem Rucksack sitzen, als wäre er ihr einziger Freund, den Laptop auf dem Schoß, die Stöpsel im Ohr und sich ärgern, wenn jemand in der Nähe kommuniziert oder sich neben sie setzen möchte. Dabei möchten sie doch neben dem Rucksack sitzen. Widerwillig geben sie ihn zur Seite, machen Platz, schweigen nun zu zweit.

Am Ende der Autofahrt höre ich oft: „Schön, dass heute noch Menschen auf diese Weise reisen. Es hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen. Vielleicht nehme ich jetzt wieder öfters jemanden mit.“
Ja, wirklich? Das freut mich sehr! Wirklich. Ich glaube nämlich, dass uns diese ganze Angst schadet. Dass eine durchlässigere Komfortzone uns gut tut. Dass Freiräume für soziale Kontakte und Austausch einen zufriedener machen können. Vielleicht glaube ich das, weil die Menschen mich oft weiter mitnehmen wollen, als ich selbst es will. Manche bestehen darauf noch einen großen Umweg zu fahren, um die Freude, die sie am Helfen und Teilen empfinden, noch zu intensivieren. Aber vielleicht bin ich auch naiv, habe mich einlullen lassen und sollte mir ein gesundes Misstrauen aneignen. Vielleicht sollte ich mehr fernsehen. Oder die Heute lesen.

Die vergessene Kunst des Naturgenusses

Ich war in den letzten Wochen von Österreich bereits bis nach Plitvička Jezera getrampt, dem Edelstein der kroatischen Nationalparks. Dort hatte ich die Nacht in einer kalten Höhle verbracht. Sie war riesig und nach Dämmerungseinbruch von einem Sternenhimmel aus glitzernden Glühwürmchen geschmückt. Sie gab mir hervorragend Schutz vor dem wundersamen Gewitter und den mindestens ebenso tosenden Preisen für Tourismusunterkünfte um den Nationalpark.

Nationalpark Plitvička Jezera. Von Riah95. Creative Commons: by-nd/2.0/

Noch abends nahm ich ein Bad in den wasserfallreichen Ausläufen des Silbersees und seinen Kumpanen, deren Wasser noch immer so unecht blau und klar war, dass ich es bedenkenlos trank.
Flussaufwärts war das Baden verboten, dort war der vom Tourismus überschwemmte Hauptteil des Nationalparks. Wo ich war, verschlug es nur selten jemanden, wie es schien, für gewöhnlich Ortsansässige, die das Paradies hier ebenfalls badend genossen. Das Glück schien also mal wieder auf meiner Seite zu sein. Ich badete im Sonnenschein. Dann kam ein Gewitter auf. Eine faszinierende Blitz-Kinonacht in der Höhle folgte. Und am Morgen regnete es noch weiter.
Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen, sammelte Kräuter für einen Tee und packte meinen Rucksack für die nächste Etappe: Bosna i Hercegovina.

Die funkelnde Kunst des Träumens

Ich kam ohne Probleme über die Grenze. Müde ging ich schlafen. Es war eine warme Nacht und ich schlief unter freiem Himmel. Ich betrachtete die glitzernden Sterne. Da überkam mich dieses Gefühl, welches ich schon gewöhnt bin zu haben, wenn ich in die Sterne blicke. Jeder Mensch, der gelegentlich achtsam in die Sterne blickt, kennt es. Es hat so etwas Winziges, doch auch Bedeutendes anhaftend. Es glitzert voll Hoffnung zu uns. Es sind dieselben Hoffnungen, die mir auch überall sonst auf der Welt, wenn ich die Sterne betrachte, entgegen strahlen.

Ich erinnerte mich an die Worte eines kränklichen Buben, den ich einst auf der anderen Seite der Welt abends auf einer kleinen Terrasse traf. Ich stellte mich zu ihm und wir blickten gemeinsam in die Sterne. Nach einer Weile deutete er auf den am hellsten leuchtenden Stern im Orion und sagte: „Das ist mein Lieblingsstern. Siehst du in Österreich die gleichen Sterne?“
Ich wusste die Antwort, doch ich brauchte lange, um sie auszusprechen, da mich seine Frage, so tiefsinnig behaftet wie sie war, beinahe verstummen ließ.
Ich antwortete: „Ja, überall auf der Welt sehen wir die gleichen Sterne.“

Milchstraße über den Felsen Foto von Lukas Rachbauer und Jonathan Mayr

Die naive Kunst, Glück zu haben

Wie kam es, dass Fortuna mir immer so wohlgesonnen war? Dass ich so oft die richtigen Orte zu den günstigsten Zeiten und mit nicht austauschbaren Menschen fand? Dass alles wie geplant verlief, obwohl ich nicht einmal Pläne hatte, die im Sand hätten verlaufen können?

Natürlich gab es auch schwere Zeiten, Frust durch stundenlanges Warten am Straßenrand, Tage, an denen ich mich gerne in ein gemütliches Bett gelegt hätte. Doch nie wünschte ich mir: Wäre ich doch Zuhause geblieben! Hätte ich doch nicht jenen Menschen vertraut! Im Gegenteil: dort wo mein Vertrauen am größten war, gab es am Ende doch das meiste Glück zu spüren.
Oder waren es gar nicht Glück und Schicksal, die mich so bereicherten, sondern mein leerer Geldbeutel? War er es, der mich zwang, mich auf Zufälle, namentlich Menschen, einzulassen? Zu Trampen? Unbefugt zu kampieren? In Höhlen zu schlafen? In fremden Autos und auf Parkbänken? War es also die teils erzwungene Offenheit, die ich an den Tag, auf Parkbänke und auf Menschen legte? Sind es Zweifel an die Menschheit, Ungläubigkeit an die Humanität, mangelnder Optimismus, verstimmte Herzen, Furcht vor dem Irdischen, welche uns hindern, von einem Vertrauensmoment in den nächsten zu gleiten?

Foto von Lukas Rachbauer

Wohl war es Glück, wohl Naivität, wohl lief es eben einfach gut. Und ich danke den Menschen, die mir halfen. Und noch mehr danke ich denen, die sich weiterhin gelegentlich blind auf andere verlassen und ihnen so zeigen, dass wir noch immer eine große Familie sind.

Tobias Schlagitweit

Anmerkung: Der Artikel erschien erstmals in der Ausgabe 5 der Gespräche im Grätzl (2013). Für diese Onlineausgabe wurde er überarbeitet.

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