Triest! Triest! Ein Spaziergang.

in Gastbeiträge von

Am Anfang war das Gewürz. So beginnt Stefan Zweigs biographischer Roman über Fernão de Magalhães, der es laut europäischer Geschichtsschreibung als erster wagte, den Planeten Erde zu umsegeln und damit die kühn errechneten Vorstellungen, die Welt sei eine Kugel und die wagen Vermutungen, es gäbe einen Ozean hinter den amerikanischen Kontinenten, in einer vor Entschlossenheit strotzenden, pionierhaften Reise als richtig bewies. Dass dabei eigentlich sein philippinischer Sklave Enrique, der auf einem früheren Eroberungszug der Portugiesen nach Europa verschleppt wurde, als erster Mensch nach Fortgang gen Westen von Ostern her wieder heimische Gefilde erreichte und nicht der königliche Entdecker von Gottes Gnaden, ist eine andere doch bemerkenswerte Geschichte. Dennoch stand wohl der Drang nach Gewürzen und in Folge der blutige Hunger nach Land und Gold am Beginn einer Ära der Seefahrt, deren Früchte auf fast vergessene Weise auch Österreich zu Gute gekommen sind. Von 1382 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörte die Hafenstadt Triest zum Habsburgerreich. Als Karl VI die Stadt 1719 zum Freihafen erklärte, nahm ein wirtschaftlicher Aufschwung seinen Lauf, der schließlich vor allem mit dem Bau der Südbahn Wien-Triest auch die Residenz westlich der Alpen erreichte und in selbiger den Grundstein der Wiener Kaffeehäuser und auch zig Kolonialwarenhandlungen, in denen die Herrn Karls arbeiten sollten, legte.

Von meinem Vater schnappte ich schließlich die Idee auf, per pedes, soll heißen aus eigener Kraft, über die Alpen zu schreiten und durch mir unbekanntes Terrain gen Süden bis ans Meer zu wandern. Die Erfahrung, lediglich zu Fuß unterwegs zu sein, metaphorisch von den österreichischen Bergen zur italienischen Adria hinabzuwandern und schließlich in dem geschichtlich so spannenden Triest mich vergangenen Zeiten und der Dichte an Kaffeehäusern in einem ganz eigentümlichen Ambiente, das weder Italien, noch Österreich oder Slowenien „ist“, hinzugeben, reizte mich und meinen Wandergesellen.

Zerlumpte Gesellen wollten wir sein, in die Wildnis, den Straßenrand bewohnend und Bergspitzen küssend; nur angewiesen auf des Schusters Rappen und die auf unserem Rücken verstauten Habseligkeiten machten wir uns auf den Weg, der stets beschauliche Abschnitte flankierte: 1802 ging Johann Gottfried Seume von Leipzig bis nach Italien. In seinem „Spaziergang nach Syrakus“ schildert der Exzentriker und Pionier der Gehkultur seine Erlebnisse, in einer Zeit, welcher heutige politische Grenzen fremd doch umkämpft waren. Dann wiederum den Pfaden der alten Reichsstraße folgend, die in Wien als Triester Straße beginnt und bei Triest als Strada per Vienna oder Dunajaska Cesta endet. Auf alten Pilgerwegen, welche Kärntner Slowen_innen jahrhundertelang über die Karawanken Richtung Süden führte, wanderten wir, entlang der im ersten Weltkrieg so blutig umkämpften Isonzofront im so paradiesischem Sočatal, wobei jene Namen auf italienisch beziehungsweise slowenisch den selben türkisfarbenen, an karibische Gewässer erinnernden Fluss bezeichnet. All diese Wege sind größtenteils im relativ neu gezogenen Alpe Adria Trail zusammengefasst; ja, so ganz landstreicherisch und der Nase folgend war unser Fortgang dann doch nicht.

Da ist die körperliche Herausforderung, zu gehen. Und das war die Anekdote auch schon: gehen. Nichts als schlafen, trinken, essen, gehen. Zehn bis Vierzehn Stunden täglich, zwei Wochen am Stück. Fühlt sich so der Jakobsweg an? Ich weiß es nicht, doch war es manchmal meditativ, vielleicht spirituell, anstrengend auf jeden Fall. Und fast beängstigend, wie weit es sich zu Fuß geht.

Dann im impressionistischen Stile wohl ergiebig zu beschreiben die Veränderungen landschaftlicher wie kultureller Natur. Schroffes Gefels, Nadelwald und Heidikulisse wird sukzessive von sanften Hügeln, Oreganodüften und schließlich dem Salzwassergeruch abgelöst. Am Klo muss schließlich gehockt, nicht gesessen werden, das Papier ist ein- nicht dreilagig und es wird in den Mistkübel, nicht in die Klomuschel geworfen. Lediglich die Duftsteine riechen ähnlich.

Politisch aufgeladen und historisch immens ergiebig stellte sich die Begegnung mit einer Gruppe älterer Damen in einem italienischen Vorort von Triest heraus, die in ein kleines Gespräch mündete. Schon wollten wir weitergehen, als mich die nette Frau „Hai Fame?“ fragte und ich zögerlich andeutete „Njo, wenns was gibt, hamma scho an Hunger.“ Dieses Angebot endete kurz darauf in einer kühlen Garage, deren Wände und Decke vollends mit Tito, Che und Lenin tapeziert und behangen waren. Eine Melange aus primär slowenisch und deutsch braute sich zusammen, wir wurden einmal mehr auf unserer Reise gewahr, dass die slowenische Minderheit in Italien unter habsburgerischem Regime am meisten Rechte hatte. Leide vernebelte uns der süffige hausgemachte Wein, der Sprachenmischmasch und die – ob dieses Kommunistenkabinetts schier paradox anmutende – apolitische, gesellige Runde jegliche Diskussion rund um Minderheiten und Partisanentum; dennoch lernten wir hier mehr als in so mancher Geschichtsvorlesung und wankten unserem Reiseziel entgegen.

Nach dreihundertsechzig Kilometern zu Fuß erblicken wir das Meer und sind – nota bene – relativ unbeeindruckt. Warum? Irgendein Sprichwort besagt, dass die Seele nur zu Fuß mitreisen könne, alle anderen Fortbewegungsarten seien zu schnell für den Menschen. Plötzlich erschien das Meer ganz nahbar, selbstverständlich – und nicht wie eine Zauberwelt, nachdem ich dem Flieger entsteige. All die Begegnungen, Düfte, Stunden, Strapazen, Hochs, die ich während unserer Reise sammeln durfte, wurden mir dank meiner Füße zu Teil, die mich schließlich ans Meer, in Richtung Gewürze und der großen Welt getragen haben. Oder wie es Johann Gottfried Seume vor über zweihundert Jahren in seiner Vorrede zu Mein Sommer formulierte: „Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.“

 

 Jakob Frühmann

 

Literatur:

  •  Beyerl, Beppo (2013): Die Straße mit sieben Namen. Von Wien nach Triest. Löcker.
  •  Marktl, Martin/Christ, Astid (2013): Alpe-Adria-Trail: Vom Großglockner nach Triest. 41 Etappen. Rother Wanderführer.
  •  Preisendörfer, Bruno (2012): Der waghalsige Reisende. Johann Gottfried Seume und das ungestützte Leben. Kiepenhauer: Köln.

Dieser Artikel erschien im Dezember 2015 in der 5. Ausgabe der Zeitschrift Gespräche im Grätzl (GiG), der Vorläuferin der Gschichtldruckerei.

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