Ars Oblivionalis – Eine Frühlingsreise

in Utopie von

Eine 1,5-wöchige Reise durch das eindrucksvolle Land Bosnien und Herzegowina. Was ich auf dieser kurzen Reise über die Geschichte, ihre Interpretation, ihre Überlebenden, ihre Erinnernden und ihre Vergessenden gelernt habe. Und warum in unseren Zeiten die Pflicht zur Erinnerung einer Ars Oblivionalis weichen müsste.

Foto von Julian Chalabi

Warum ich mich auf den Weg machte

Was wurde nicht schon alles über den Jugoslawienkrieg geschrieben! Alle möglichen Dinge kann man darüber lesen, und am Ende versteht man noch weniger als am Anfang. Unter anderem solche frustrierenden Erfahrungen haben mich dazu gebracht, dieses Jahr die 1.5 Wochen, die ich von meiner Arbeit frei bekam, dazu zu nutzen, ein ehemals jugoslawisches Land zu besuchen: Bosnien und Herzegowina.

Für mich war es das erste Mal, dass ich tiefer in den „Balkan“ eindrang, das osteuropäische Kollektiv, das so oft so falsch in einen Topf geworfen wird, wobei die Unterschiede, die es immer gab und geben wird, untergehen. Warum sich also nicht ein eigenes Bild machen, sagte ich mir, der sich alles Mögliche über das Grauen der düsteren Julitage damals ein Jahr nach meiner Geburt im Jahre 1995 durchgelesen hat, das sich in dem kleinen Dörfchen Srebrenica im Osten zugetragen hat. Die Armee der Republik Srspka stürmte damals das Städtchen, obwohl es von den UN-Truppen als „Sichere Zone“ deklariert worden war. Nachdem sie die niederländischen Truppen der UNPROFOR [United Nations Protection Force] entwaffnet hatten, fingen sie eine große Gruppe von Zivilisten, die versuchten von Srebrenica über Potocari in eine von bosnischen Truppen beherrschte Stadt zu fliehen, ab und nahmen sie gefangen. Sie versammelten die Gruppe in einem alten Fabrikgelände, wo sie anschließend die meisten Frauen und Kinder mit Bussen in Sicherheit fuhren, und richteten darauffolgend über 8000 muslimische Männer hin. Dieses Vorgehen verhinderte nicht, dass sich trotzdem ein paar Kinder unter den Hingerichteten finden ließen.

 

Grenzen des Verstehens

Doch auch die längste Belagerung, die in Zeiten des modernen Krieges je stattgefunden hat, in der Stadt, in der ich mich jetzt befinde, bereitete mir schon seit jeher Kopfschmerzen. Der Name Sarajevo wird auf immer mit dieser Belagerung in Verbindung bleiben.

Wie? Belagerung? Was soll das bedeuten? Ich selbst wurde noch nie belagert, ich war noch nie Mitglied einer politischen oder gesellschaftlichen Entität, die „belagert“ wurde. Was heißt das? Ich las und las, aber ich konnte nicht verstehen – warum wohl? Fehlt mir eine Fähigkeit zu verstehen?

Als ich mit dem Bus von Jajce, wo mich netterweise ein hübsches Mädchen für einen Tag eingeladen hatte, den Tag mit ihr und ihren Freund_innen zu verbringen, durch die bosnisch-herzegowinischen Berge fuhr, da spürte ich die Klaustrophobie angesichts dieser mich umschließenden Giganten im Magen – war das ein Gefühl der Belagerung? Nein, denn dazu fehlten mir zweierlei Dinge: Erstens müsste ich 1.425 Tage mit diesem Gefühl verbracht haben, zweitens fehlten mir auch die 13.952 Toten, die es damals vor und nach meiner Geburt in Sarajevo gegeben hat. Die Videoaufnahmen und Bilder welche ich gesehen habe, Erschossene auf den Strassen liegend zeigend, die ich jetzt überquerte, waren nur schwer zu ertragen.

Aber ich lese diese Zahlen, und ich weiß, dass diese Menschen starben, als ich zum ersten Mal das Privileg hatte, das Licht dieser ambivalenten Welt zu erblicken; und doch: Ich spüre nicht, was diese Zahl bedeutet. Ich weiß, wie ein Toter aussieht: Ich besuchte einst meine tote Großmutter, die da so vor mir lag, was mich völlig kalt ließ, abgesehen von meinem lächerlichen Aberglauben, sie könnte plötzlich die Augen aufreißen und zu schreien beginnen. Ich weiß auch was es heißt tot zu sein, zu sterben, ich habe es zwar nie erlebt, aber ich kenne die biologischen Fakten. Ich habe aber noch nie jemanden sterben sehen, abermals eines meiner unzähligen Privilegien als gesicherter Mensch in einem gesicherten politischen Korpus, der mich, koste es was es wolle, schützen würde, komme was wolle, es sei denn, er müsste sich zwischen mir und den wirtschaftlichen Faktoren entscheiden. Was es heißt umgebracht zu werden verstehe ich sowieso nicht. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass ein Scharfschütze da oben auf Sarajevos Hügeln sich dazu entschließt, mir eine Kugel in den Kopf zu schießen. Warum sollte er das tun? Das erschließt sich mir nicht, denn mir fehlen die Erfahrungen – diejenigen, die ich habe, habe ich aus Geschichtsbüchern und den Abendnachrichten. Ich sehe das Böse im Menschen nicht, das vor 20 Jahren in Sarajevo und Srebrenica gewütet hat. Ich habe es noch nie gesehen.

 

Über den Vorteil, ein Fremder zu sein

Ein Denkmal im Veliki Park erinnert an die Kinder, die während der Belagerung von Sarajevo 1992-1995 getötet wurden. (Foto von Julian Chalabi)

 

 Man reist – es ist bekannt – um den eigenen Horizont zu erweitern. Doch als ich abends durch die Straßen Sarajevos stolziere, mit meinem Rucksack auf dem Rücken, die umliegenden Gebirge und Hügel betrachte, die mich jetzt einschließen – zumindest bis ich mich entschließe, ihnen zu entkommen – da fällt mir auf, dass mein Horizont zwar Grenzen besitzt, aber andererseits Grenzen öffnet, die vielleicht für manchen Bosnier unmöglich zu öffnen sind. Eines meiner Privilegien ist es zum Beispiel auch, dass ich Distanz zu den Ereignissen besitze, die dieses Land immer noch verfolgen.

Zum Beispiel weiß ich, dass Noam Chomsky die Ereignisse in Srebrenica mit der 2004 stattgefundenen US-Invasion in Fallujah im Iraq vergleicht, dabei feststellt, dass die Ereignisse in Srebrenica damals von den Medien vor allem aus Propagandazwecken so hervorgehoben wurden, wie keines der ähnlichen Ereignisse später. Dabei stürmten US-Soldaten nach mehrere Wochen dauernden Bombenanschlägen ein Krankenhaus in der genannten Stadt, sandten Frauen und Kinder hinaus, warfen die Patienten auf den Boden und richteten weitere Zerstörung an. Der Grund war der, dass das Krankenhaus die zivilen Opfer der Irak-Invasion öffentlich machte, und deshalb für die US-Soldaten als möglicher Terroristenunterschlupf identifiziert wurde. „Absent of an official inquiry, the scale of crimes is unknown.“ Doch „medical experts found dramatic increases in infant mortality, cancer and leukemia, even higher than Hiroshima and Nagasaki. Uranium levels in hair and soil are far beyond comparable cases.“

Edward S. Herman und David Peterson kommen in ihrem 2010 erschienenen Buch „The Politics of Genocide“ auf ein ähnliches Ergebnis: Gab es ähnliche Reaktionen auf die Massaker im Flüchtlingslager in Libanon, das als Sabra und Shatila Massaker in die Geschichtsbücher verstaut wurde oder auf die schrecklichen Gräueltaten der indonesischen Armee in Osttimor? Die Anteilnahme an schrecklichen Ereignissen und Massakern scheint immer auch von der politischen Wichtigkeit abzuhängen, was den Ort und die Betroffenen der Verbrechen betrifft.

 

Verschiedene Leben

 Doch liegt es an mir darüber zu urteilen, welche Toten mehr Beachtung verdienen und welche nicht? Für mich ist ein Ermordeter zu viel – 8000? Was soll ich damit anfangen? Was ich auf dieser Reise lerne ist wie weit ich mich entfernt fühle von diesen Ereignissen, obwohl sie Tag für Tag stattfinden, die meist nicht von mir gesehen werden, weil ich Besseres zu tun habe – zum Beispiel Gitarre oder Videospiele zu spielen. Und kann man es mir verübeln, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie es für die bosnischen Muslima sein muss nach einer solchen Tragödie, während der sie ihre Söhne und Ehemänner verloren haben, normal weiterzuleben? Die Antwort fällt schwer zu geben.

 

Die Pflicht zur Erinnerung und die Ars Oblivionalis

Foto von Julian Chalabi

 

Vielleicht liegt der Vorteil meiner inneren Distanz darin zu glauben, dass der Erinnerungskult, geschürt durch grausame Bilder Ermordeter, die in allen Museen die Wände füllen, manchmal mehr schlecht als recht das erzielt, was er erzielen möchte: Nämlich nicht zu vergessen. Denn kann es nicht sein, dass wir neben der Pflicht, nie zu vergessen, dass das alles geschah als wir die Augen bewusst davon wegrichteten, auch eine Pflicht haben die Erinnerungen zu zähmen und ethnische und politische, kollektive Traumata zu überwinden? Dies zu meistern – wäre das nicht die Ars Oblivionalis welche Umberto Eco für unmöglich hielt? Ich sehe hier Schritte in diese Richtung – ich höre muslimischen Gesang, ein junger bosnischer Mechaniker, der im Geschäft seines Vaters arbeitet erzählt mir, dass hier alle – Katholiken, Muslime, Serben, Kroaten, Bosnier – zusammenleben müssen – „wir haben keine Wahl, aber es ist auch gut so. Der Krieg ist 20 Jahre her, wir müssen nach vorne schauen und weitermachen.“ sagt er mir in seinem exzellenten Deutsch, das er im Exil in Deutschland zu Kriegszeiten gelernt hat. Nach vorne schauen, um die Konflikte zu überwinden, was letztlich immer mehr in unserer eigenen Verantwortung liegt, als wir es uns eingestehen wollen.

 

Julian Chalabi

Zitate aus https://chomsky.info/20120606/ (21.04.2017)

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