Von der Disziplin, Freigeister zu sein

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Ich habe den Trend des „Unboxing“ nie verstanden. Neue, noch verpackte Gegenstände, die vom Paketdienst geliefert wurden, vor der laufenden Handykamera auszupacken scheint mir eine eigenartige Mischung zwischen der nostalgischen Sehnsucht nach vergangenen Kindergeburtstagen und dem Verlangen immer neuerer Konsumartikeln. Doch als die neue Printausgabe der Gschichtldruckerei „(Wider)willig reisen“ kartonweise von der Druckerei geliefert wurde, konnte ich die Spannung gut nachvollziehen, die viele beim „Unboxing“ verspüren. Da lag sie nun, unsere sechste Ausgabe, blitzblau darauf wartend, durchgeblättert, bestaunt und gefeiert zu werden.

Weltschmerz, Sehnsucht, Freigeist

Das Feiern erledigten wir am 24. Mai in den Räumlichkeiten des „Sale für Alle“. Gleich zu Beginn nahm uns Martin Rothe mit auf eine musikalische Reise. Weltschmerz war da zu spüren, die Sehnsucht, sich auf den Weg zu machen und gleichzeitig die Sehnsucht, nicht fort zu müssen. Doch auch die Aufforderung, für ein besseres Morgen in See zu stechen, um Utopien über apokalyptische Vorstellungen siegen zu lassen, schwang in seiner Musik mit. Schließlich stellte ein Lied die Frage: „Habt ihr die Disziplin, Freigeister zu sein?“.

Eine Frage, die wir Gschichtldrucker_innen mit Blick auf die letzten Wochen und Monate mit guten Gewissen bejahen können. Nächte durchzuarbeiten um zu layouten, um eigene Artikel nochmal umzuarbeiten, zu zeichnen, zu organisieren, für unsere Ideen mobil zu machen – das fordert viel Disziplin. Doch ohne unserer Vision, gesellschaftliche Utopien zur Praxis werden zu lassen, würde es die Gschichtldruckerei nicht geben. Freigeist ist dabei unersetzlich.

AirBnB, Bewegungsfreiheit, dritte Piste

Nach der musikalischen Reise tauchten wir tief in die Inhalte der neuen Ausgabe ein. Im Zuge eines Worldcafés diskutierten Autor_innen und Gäste über ausgewählte Artikel und stellten sich Fragen wie: Welchen Unterschied gibt es zwischen dem Couchsurfing und AirBnB? Wie kann ich das Konzept der globalen Bewegungsfreiheit aus juristischer Perspektive argumentieren? Warum gehen Jagd und Safari in Burkina Faso Hand in Hand? Welche smarten Anwendungen erleichtern mir meine nächste Reise? Wie kann ein gendersensibles Kinderbuch aussehen? Welche außergewöhnlichen Souvenirs erinnern Menschen an ihre (wider)willigen Reisen? Außerdem gab es eine Life-Schaltung zum Klima Camp in Wien Schwechat und wir konnten uns mit den dortigen Aktivist_innen von „System Change, not Climate Change!“ unterhalten, die weiterhin gegen die dritte Piste am Flughafen kämpfen.

Es wurden viele Gespräche geführt, rege Diskussionen angestoßen und schließlich tanzten und feierten wir bis in die frühen Morgenstunden. Für gesellschaftliche Veränderung braucht es die Verbindung unterschiedlicher Ebenen: Freigeist und Disziplin, Vordenken und Querdenken, tiefen Weltschmerz und große Hoffnung, harte Arbeit und ausgelassenes Feiern, Utopie und Praxis. Und vor allem braucht es den Dialog. Mit der neuen Ausgabe wollen wir einen solchen anstoßen. Wir warten auf eure Antworten!

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