Ethisch korrekt reisen? Sicher nicht mit dem Flugzeug

in Empört Euch von
Flugzeug im Landeflug auf Südseeinsel.

Auslöser für diesen Kommentar war ein Artikel im Standard, in dem eine Auswahl von zehn „ethisch korrekten“ Reisezielen angegeben wurde. Neun davon in Überseegebieten, also de facto nur mit dem Flugzeug erreichbar. Artikel wie dieser, aber auch persönliche Facebook-Timelines, voll mit Fotos von Surfurlauben, Volunteer-Reisen, Südamerikatrips etc., suggerieren, dass Flugreisen zu den coolsten Sachen gehören, die es auf der Welt so gibt.

In der ZIB 24 vom 4. April wurde in einem Vorbericht zu einem Interview mit dem allseits bewunderten – zumindest von jungen, kapitalismuskritischen Menschen – Jean Ziegler die Hungerkatastrophe im subsaharianischen Afrika thematisiert: 20 Millionen Menschen sind akut vom Hungertod gefährdet. Die Ursache sei keine „Naturkatastrophe“, sondern der menschengemachte Klimawandel. Jean Ziegler sagt in Anbetracht der enormen Mengen an Nahrung, die täglich im Müll landen, zurecht, dass jedes Kind, das an Hunger stirbt, ermordet wird. Wer sind aber die Mörder? Es sind nicht nur Agrarkonzerne, böse Spekulanten oder unfähige Regierungen, sondern auch Menschen, die das Weltklima durch ihre Flugreisen anheizen.

Der Postwachstumsökonom Niko Paech rechnet vor, dass ein Hin- und Rückflug Deutschland – New York ca. vier Tonnen CO2 pro Passagier in die Atmosphäre bläst. Unter dem Gesichtspunkt globaler Gerechtigkeit stehen aber jedem Menschen nur 2-3 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr zu, um das im Pariser Abkommen verankerte 2-Grad-Ziel erreichen zu können. Ein Mensch, der nach New York und retour fliegt, dürfte also in den nächsten eineinhalb Jahren weder essen noch trinken noch atmen, um die Gemeinschaft mit seinem Verhalten nicht ungerecht hoch zu belasten. Das zeigt klar, dass weder ein hehres Ziel – wie ein einjähriges Volontariat – noch eine sehr ressourcenschonende Lebensweise (wie Veganismus, Konsumverweigerung, kein motorisierter Individualverkehr etc.) eine Flugreise rechtfertigen können.

In der Klimablase

Ein Flugzeug zu besteigen ist eine zutiefst politische und keine individuelle Entscheidung. Wir teilen alle dieselbe Klimablase – unsere Erdatmosphäre –, weshalb ein Mensch, der nie ein Flugzeug benutzt, genauso unter der Erderwärmung leidet, wie jemand, der jährlich zu seinen Freund*innen nach Spanien fliegt. Müsste jeder Mensch mit den von ihm produzierten Abgasen in seiner eigenen kleinen Klimablase leben, würden nur mehr lebensmüde Selbstmörder fliegen. Denn wer würde schon für eine einzige Reise nach Spanien sein Leben geben? Niemand.

Aus dieser Erkenntnis sollten wir Menschen, die ihre Reisefotos auf Facebook beifallsheischend veröffentlichen, nicht mehr mit Bewunderung überhäufen, sondern sie als das benennen, was sie sind: rücksichtslose Egoisten, denen ihr kurzfristiger Genuss wichtiger ist als eine intakte Lebensgrundlage für acht Milliarden Menschen (Tiere und Pflanzen noch außer Acht gelassen).

Um den globalen Turnaround hin zu einer sozialökologisch nachhaltigen Lebensweise zu schaffen, braucht es eine beispielgebende Avantgarde, die zeigt, wie lustvoll ein entschleunigtes, ressourcenschonendes Leben sein kann. Der schon erwähnte Niko Paech oder der WU-Professor Clive Spash gehören dazu: Sie nehmen (ihre eigenen) wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst und reisen trotz ihrer Stellung als intellektuelle Elite nicht mehr mit dem Flugzeug. Auch Studierende, die das Privileg haben, ihren Alltag jahrelang mit dem Erwerb von Wissen zu verbringen, müssen Teil dieser Avantgarde werden. Wer der Maxime, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, folgen will, reist nur mehr zu Fuß, mit dem Rad, dem öffentlichen Verkehr oder per Schiff. Vor allem aber nicht mehr mit dem Flugzeug.

Raphael Kößl

3 Kommentare

  1. Ich finde, es geht hier um viel mehr, als um ‚ethical correctness‘. Deshalb darf die Forderung nicht bei individuellen Bekenntnissen stehenbleiben! Die Organisation System Change not Climate Change fordert zum Beispiel „Klima vor Profite“. Das würde heißen, dass es eine saftige Kerosinsteuer gibt, auch wenn dies das heilige Wachstum der Flugindustrie bremsen würde. Das würde heißen, dass wir über eine 3. Piste gar nicht ernsthaft nachdenken müssen. Das würde heißen, dass Kurzstreckenflüge innerhalb Europas, wo es gute Bus- und Bahnverbindungen gibt, ganz einfach verboten werden.
    Wir sollten damit aufhören, immer nur Konsument_innen zu verantwortlichem Konsum aufzurufen. Vielmehr muss von Denjenigen, die in unserer Gesellschaft dazu erwählt wurden, die Spielregeln festzulegen, eingefordert werden, ihre Verantwortung wahrzunehmen!

  2. Ich weiß ja nicht, wie der „Postwachstumsökonom“ Niko Paech den CO₂-Fußabdruck eines Fluges VIE-JFK „vorrechnet“, aber Literaturwerte variieren je nach Flugzeugtyp zwischen 0,8 und 1,5 Tonnen CO₂-Ausstoß. Ein Blick auf die Triebwerksdaten einer Boeing 777, eine einfache Multiplikation ergibt für einen Passagier in der Economy-Class tatsächlich weniger als 1,5 Tonnen – hin und zurück.

    • 1. Deine Literaturwerte kenne ich nicht und sie decken sich auch nicht mit meinen – zugegeben sehr rasch vorgenommenen – Recherchen (Umweltbundesamt: http://www5.umweltbundesamt.at/emas/co2mon/co2mon.html; science.orf.at: http://science.orf.at/stories/2793116/;). Aber egal, selbst wenn deine Angaben stimmen. Ist es 2. trotzdem nicht möglich, dann noch globalgerecht nachhaltig zu leben. Das ist der Punkt. Es geht um eine Änderung des Lebensstil. Dieser neue Lebensstil, mit dem der Planet Erde vielleicht noch länger als die nächsten 150-200 Jahre für einige Milliarden Menschen Lebensgrundlage bleiben kann, setzt auf Regionalität, Entschleunigung und weniger materiellen Wohlstand – dazu gehört auch der Verzicht auf Flugreisen.

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