Auf den Spuren der letzten Könige Westafrikas

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Medial ohne jegliche Aufmerksamkeit kämpft der westafrikanische Löwe nun schon seit einigen Jahrzehnten gegen das Aussterben. Einst von den Küsten Senegals über die Sahelzone bis hin nach Nigeria auffindbar, lebt er nun zurückgedrängt in wenigen winzigen Reservaten und Nationalparks. Diese Reisereportage folgt den Erlebnissen meiner Reise durch die Nationalparks Burkina Fasos.

Pama, Burkina Faso, die Sonne brennt vom Himmel und erhitzt den ausgetrockneten, staubigen Boden, 42 Grad im Schatten. Pama ist das Tor zum Parc National d’Arly auf burkinischer Seite, der zusammen mit dem Pendjari-Nationalpark in Benin und dem Parc National du W in Niger den WAP-Komplex bildet. Mit über 31.000 km2 Fläche bildet der WAP-Komplex einen der größten Nationalparks Westafrikas, durch den Park fließt sowohl der Niger als auch der Pendjari, ein Nebenfluss des Voltas. Einer der wenigen Bäume entlang der Straße bietet genügend Schatten, um ein wenig über den Transport-Preis in die Safari-Lodge zu verhandeln. Nach einigen unverschämten Angeboten – 40 Dollar für eine zwanzig Minuten lange Fahrt in einem Kleinbus – einigen wir uns mit einem Fahrer auf 400 CFA (circa 5 Euro) für eine Fahrt mit seinem Motor-King, einem dreirädrigen Motorrad mit Ladefläche. Über Stock, Stein und so manches Schlagloch erreichen wir eine Safari-Lodge einige Kilometer außerhalb Pamas.

WAP-Komplex mit den Nationalparks W, Arly und Pendjari in Benin, Burkina Faso und Niger (1)

Vollkommen verstaubt treten wir ein und werden sogleich von einer Schar Jagdtrophäen und einem Arsenal an Gewehren begrüßt. Unter dem traurigen Blick einer Antilope, deren präparierter Kopf über der Bar schwebt, versuchen wir den französischen Inhabern mit einer Mischung aus Französisch und Englisch unser Vorhaben zu erklären. Zu Beginn stoßen wir noch auf Unverständnis, eine reine Observer-Safari ist hier eher ein Raritätswunsch, auf dem täglichen Programm steht die Jagd nach Antilopen und Büffeln. Nachdem wir uns auf einen Preis für eine Ganztagestour am nächsten Tag geeinigt haben, beschließen wir den Rest des Tages am hauseigenen Pool zu verbringen. Während wir unter dem Schatten eines Vordachs Karten spielen und Bier trinken, erzählt uns ein Mitarbeiter der Lodge, dass 2015 bereits eine österreichische Gruppe den Nationalpark besucht hätte und sehr erfolgreich bei der Jagd gewesen wäre. Auf ihrer Abschussliste sei neben Antilopen und Büffeln auch ein westafrikanischer Löwe gestanden.

Um 5 Uhr morgens holt uns ein Jeep beim Hotel ab. Bei der Lodge steigt ein Wildhüter, bewaffnet mit einem kleinen Gewehr, zu, auch Proviant und Wasser werden eingeladen. Über holprige Forststraßen starten wir unsere Beobachtungstour durch die vom Harmattan – die Trockenzeit in Westafrika – stark ausgetrockneten Ebenen des Parc National d’Arly. Nach mehrmaligen Sichtungen von Antilopen treffen wir auf eine ganze Herde afrikanischer Büffel, die an einem Wasserloch ihren Durst stillt, eine Stunde später beobachten wir eine erste Familie von Elefanten. Zu Mittag treffen wir in einem kleinen Lager mitten im Nationalpark ein. Eine andere Gruppe aus der Lodge ist bereits da und macht sich schon wieder zum Aufbruch bereit. Ob wir einen Löwen gesehen hätten, werden wir gefragt. Wir sind zwar einigen Spuren zu Fuß gefolgt, jedoch ohne Erfolg, also verneinen wir. Daraufhin kommen wir mit einem französischen Galeristen ins Gespräch, der uns von seinen Big-Five-Erfahrungen erzählt – Big Five ist eine Bezeichnung von Großwildjägern für die fünf am schwersten zu erlegenden Tiere Afrikas: Elefant, Löwe, Leopard und Büffel (alle im WAP-Komplex auffindbar) sowie das Nashorn. Unsere neue Bekanntschaft versucht in den kommenden Tagen hier einen westafrikanischen Löwen zu erlegen, und bittet uns, uns sofort zu melden, falls wir ein Exemplar sichten.

Männlicher Westafrikanischer Löwe, Pendjari National Park (Benin) (2)

Der westafrikanische Löwe ist die am meisten gefährdete Unterart des Löwen, die Weltnaturschutzunion stuft ihn sogar als „vom Aussterben bedroht“ – der höchsten Gefahrenstufe in freier Natur – ein. In ganz Westafrika dürften nur mehr an die 400 Tiere in freier Wildbahn existieren. 2005 konnte man den Löwen noch in 21 verschiedenen Naturschutzgebieten in Westafrika sichten, heute findet man ihn nur noch an vier verschiedenen Orten – 90 % leben im WAP-Komplex, der Rest in Nigeria und im Senegal. Sollte der westafrikanische Löwe aussterben, würden einzigartige Gensequenzen verloren gehen, da sich der westafrikanische Löwe sehr stark von seinen Artgenossen in Ost- und Südafrika unterscheidet. Neben dem Jagdtourismus bedrohen auch Einheimische die Existenz des Löwen in Westafrika, vor allem durch Jagd auf Wild, das dem Löwen als Hauptnahrungsquelle gilt, sowie durch Bauern, die ihre Herden zu schützen versuchen. Der Kampf gegen das Aussterben erwies sich in den letzten Jahren als sehr schwierig, mitunter auch wegen fehlender finanzieller Mittel. Während der Schutz der wesentlich weniger gefährdeten Löwen Ost- und Südafrikas mit mehreren Millionen Dollar unterstützt wird, sind für den westafrikanischen Löwen kaum Gelder vorhanden – auch bedingt durch fehlende mediale Aufmerksamkeit.

Löwenpopulation in Westafrika, Stand 2014 (3)

Nachdem wir auch am Nachmittag keinen Löwen zu Gesicht bekommen haben, kehren wir spätabends in die Lodge zurück. In der Bar treffen wir auch auf unseren französischen Jäger, der heute keinen Erfolg hatte. Die Besitzer und er erzählen uns jedoch mehr über die Löwenjagd in Westafrika. In Burkina Faso sei es zum Beispiel erlaubt, in jedem Naturschutzgebiet pro Jahr einen Löwen zu erlegen, dieser müsse jedoch alt und von der Herde ausgestoßen sein. Somit wäre ein Abschuss von fünf Löwen pro Jahr in Burkina Faso erlaubt, was auch nötig sei, um die Rasse reinzuhalten und um Kämpfe zwischen alten, ausgestoßenen Löwen und noch paarungsfähigen jungen Löwen zu verhindern, welche die Existenz der Unterart ebenfalls gefährden würden. Doch die Schilderungen des französischen Jägers bringen uns zum Nachdenken. 2015 habe er hier zuletzt einen Löwen erlegt. 2015? Das war ja auch das Jahr in dem die österreichische Gruppe hier einen Löwen erlegt haben soll.

Am nächsten Tag verlassen wir mit flauem Gefühl im Bauch den Nationalpark Richtung Ouagadougou, um dort unser Visum zu verlängern. Nachdem wir realisiert haben, dass es in der Lodge mit Abschusszahlen anscheinend nicht so genau genommen wird, hoffen wir, dass unsere französische Bekanntschaft auch in den nächsten Tagen keinen Erfolg bei der Jagd haben wird.

Diese Reisereportage erschien in vollem Umfang in (Wider-)Willig Reisen, der aktuellen Printausgabe der Gschichtldruckerei. Die Zeitschrift ist erhältlich bei der Geschichtldruckerin/dem Geschichtldrucker Ihres Vertrauens und liegt auch in diversen Buchhandlungen über ganz Wien verteilt auf.

Weiterführende Literatur

Fakten und Zahlen des Artikels zur Situation des Westafrikanischen Löwen sind der aktuellsten Studie auf diesem Gebiet aus dem Jahr 2014 entnommen. Die Ergebnisse dieser englischsprachigen Studie sind auch online nachlesbar.

Henschel P, Coad L, Burton C, Chataigner B, Dunn A, MacDonald D, et al. (2014) The Lion in West Africa Is Critically Endangered. PLoS ONE 9(1): e83500.

https://doi.org/10.1371/journal.pone.0083500

Bildquellen

(1) Gregor Rom, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WAP-Komplex_deutsch.svg – CC-BY-SA 4.0

(2) Jonas Va de Voorde, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:West_African_male_lion.jpg – CC BY-SA 3.0

(3) https://doi.org/10.1371/journal.pone.0083500.g002 – CC-BY 4.0

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