Der Preis des Überlebens

in Empört Euch/Kreaktiv von

Ein Bericht über einen „Dschungel“ mitten in Europa.

Ich sitze im Zug, vor der Fahrt habe ich geduscht; ich habe eine Flasche Wasser und Essen dabei und gute Schuhe an. Mein Personalausweis steckt in meinem Portemonnaie, ich habe Geld in der Tasche und in meinem Beutel stecken ein Buch und mein Laptop, mit dem ich mich die Zugfahrt über beschäftigen kann.

Während ich an die letzten Tage zurückdenke, habe ich das Gefühl aus einer anderen Welt wieder in die Heimat zu fahren. Ich habe unglaublich nette Menschen kennengelernt, unvergessliche Gespräche geführt und schreckliche Bilder gesehen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Meine Erinnerungen stammen aus Grande Synthe, einem Ort in der Nähe von Dunkerque und Calais. Dort haben sich mehrere hundert Flüchtlinge in einem kleinen Wald, namens Puythouck niedergelassen.

„Niedergelassen“ ist natürlich ein ganz und gar falsches Verb. Die Flüchtlinge, die in Nordfrankreich bleiben, lassen sich dort nicht nieder. Es geht ihnen allen nur um eins – nach Großbritannien zu kommen. „The U.K.“ ist der Traum, das Ziel, das Versprechen auf ein sicheres, friedliches Leben. Nachdem der „Djungel von Calais“ aufgelöst und das Camp „La Linière“ in Grande Synthe abgebrannt ist, bleibt den Flüchtlingen aus aller Welt nichts anderes übrig, als sich zu verstecken und in Wäldern und Parks nach Unterschlüpfen zu suchen.

Die Bilder sind erschreckend. Zelte, die mehr schlecht als recht zwischen den Bäumen versteckt sind, Kinder, die mit leeren Blicken auf dem Boden sitzen, Männer, die umherwandern. Kleine Müllberge am Straßenrand, Menschenmengen, die sich um jedes Auto, jeden Freiwilligen drängen, um etwas Essbares oder Nützliches zu ergattern, Menschen in Warnwesten, die versuchen, die Männer und Frauen mit allem zu versorgen und ihre dringlichen Fragen zu beantworten.

Ein Zuhause zwischen den Bäumen. Foto: Camille Vern

Eine eigene Europa-Karte

Diese hundert Quadratmeter, die neben einem großen Einkaufszentrum und am Rand der Autobahn liegen, scheinen nicht in das Europa zu passen, in dem ich aufgewachsen bin. Mehrere Männer sprechen mich an. Wo ich herkomme? Aus Deutschland. „Ahhh Deutschland! Ich spreche ein bisschen Deutsch“, antwortet ein 20jähriger aus dem Irak. Ich frage nach, wo er in Deutschland gewesen sei. Er rattert ein paar Städte herunter: München, Frankfurt, Köln, Düsseldorf. Aber Deutschland sei „scheiße“, schließt er seine Erzählung ab. Erstaunt sehe ich ihn an und frage nach. Zwei Jahre habe er auf seinen Pass gewartet und es sei nichts passiert. In Deutschland habe er die schrecklichste Nacht seines Lebens verbracht. Nun sei er nach Frankreich gekommen und möchte endlich nach England oder Irland oder Schottland oder Wales. Hauptsache nach Großbritannien! In London wartet ein Job als Automechaniker auf ihn.

Er ist nicht der einzige, der Deutschland als „scheiße“ bezeichnet. Ein Afghane erzählt mir eine ähnliche Geschichte. Nur syrische Christen würden Papiere bekommen. Er sei Muslim, was solle er denn tun?! Ich bin verwundert über diese harte Kritik. In Europa gilt Deutschland als das vorbildliche Land, das alle Flüchtlinge aufnimmt. Doch anscheinend ist auch dort die Aufnahme von Fliehenden schwieriger und die Bedingungen härter, als ich angenommen hatte. Die Menschen hier urteilen schlimmer über die Deutschen, die laut Politiker_innen und Medien Flüchtlingsheime zur Verfügung stellen, als über die Franzosen, bei denen sie im Wald, auf der kalten Erde schlafen müssen.

Ein junger Irani spricht mich auf Deutsch an. Er habe zwei Jahre in Wien gelebt, dort als Krankenpfleger gearbeitet und nur 1,80€ pro Stunde verdient. Dabei hat er einen Universitätsabschluss und spricht sechs Sprachen. Farsi, Arabisch, Kurdisch, Englisch, Deutsch, Französisch. Er habe es schon satt, dass alle Menschen ihn als Übersetzer beanspruchen. Nach den zwei Jahren in Wien habe er genug gehabt, für einen so geringen Lohn zu arbeiten, während seine Kollegin, die er eingelernt hat, 15€ die Stunde bekommt. Auch er möchte nach England. Das große Ziel ist aber Kanada. Die Freiheitsstatue scheint ein ganzes Stück in den Norden gerückt zu sein.

„Wenn es sein muss, verbrenne ich meine Fingerkuppen oder benutze Säure um meine Haut wegzuätzen. Wenn das der Preis ist, den ich zahlen muss, mache ich das!“

Er fragt mich, ob er zurück nach Österreich geschickt wird, wenn er in England um Asyl bittet. Ich erkläre ihm, dass ich keine Juristin bin und mich mit der englischen Flüchtlingspolitik nicht gut genug auskenne. Doch nach dem Dublin Abkommen können Flüchtlinge in das europäische Land abgeschoben werden, in dem sie als Erstes registriert waren. Dieses Land ist nämlich für sie verantwortlich, entscheidet über ihr Asyl in Europa. In Wien hat Hassan seine Fingerabdrücke abgeben müssen. Er nimmt meine Erklärungen nickend zur Kenntnis und meint: „Wenn es sein muss, verbrenne ich meine Fingerkuppen oder benutze Säure um meine Haut wegzuätzen. Wenn das der Preis ist, den ich zahlen muss, mache ich das!“ Ich sehe in seine schönen grünen Augen und bemitleide diesen jungen Mann, der in „unserer Welt“ eine glänzende Zukunft vor sich hätte. Wer sechs Sprachen sprechen kann, einen medizinischen Abschluss hat und gut mit Menschen umgehen kann, dem steht doch die Welt offen! Nein, nicht in dieser Welt. Ich schäme mich, dass die Regierungen, die mich und meine europäischen Nachbarn repräsentieren, ihn zu solchen Maßnahmen zwingen.

Verstecken Spielen – mit einer Murmel oder mit ISIS…

Ein kleiner Junge kommt auf mich zu und zeigt mir stolz seine Schuhe. Sie sehen neu aus und schützen ihn gut vor Regen und Kälte. Aus seiner kleinen blauen Daunenjacke holt er eine Murmel heraus und beginnt mit mir zu spielen. Gesten und übertriebene Mimiken reichen aus, um mit Ahmad zu spielen und ihn zum Lachen zu bringen. Grinsend schüttelt er immer wieder den Kopf, wenn ich auf die richtige Hand tippe, in der er die schwarz-rote Murmel versteckt hat. Der Kleine verliert nicht gerne! Ich gebe immer wieder auf und tippe auf die leere Hand, die er mir stolz entgegenstreckt. Ahmad kommt aus Kurdistan. Er ist um die fünf Jahre alt und sollte mit seinem großen Bruder zur Schule gehen und in einem gemütlichen Bett schlafen.

Es gibt viele Kurden in Puythouck. Aus dem Iran und Irak. Ich unterhalte mich mit einem 27jährigen Kurden, der sagt, er würde gerne zu seinen Eltern und seinen Geschwistern zurückkehren. Doch er ist vor ISIS geflohen. „You know ISIS? You have seen on TV?“ (Kennst du ISIS? Hast du es ihm Fernsehen gesehen?“) Natürlich habe ich das. Er fährt sich mit dem Finger über den Hals und erklärt damit, was im Islamischen Staat mit Kurden passiert.

Essensverteilung im Camp. Foto: Camille Vern

Ich sehe mich in meinem Zugabteil um. Kann sich der Geschäftsmann auf der anderen Seite des Ganges vorstellen, wie es wäre, wegen seiner Religion verfolgt zu werden. Das kleine Mädchen, das ein paar Reihen weiter neben seiner Mutter sitzt, hat bestimmt nur ein paar Nächte im Urlaub im Zelt verbracht und musste nicht alle paar Wochen weiterziehen, ohne zur Schule zu gehen und vernünftig spielen zu können.

„Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd.“

Und ich sitze in ein paar Wochen wieder im Vorlesungssaal und lebe mein Studentenleben weiter? Es erscheint so absurd und ungerecht. Dass Menschen, die genauso sind wie ich, die ein schlagendes Herz in der Brust haben, derart unmenschlich behandelt werden. Einfach nur weil sie an einem anderen Ort geboren sind und vor Krieg und Armut fliehen müssen. Von Regierungen und von Menschen, die sich damit beschäftigen, welcher Hollywood-Star sich von welchem Rockstar getrennt hat und die mit ihrem Konsum und ihren Verhaltensweisen, den Planeten immer mehr dem Untergang weihen. Unsere Zivilisation hat sich immer auf Kosten anderer aufgebaut. Es war immer wichtiger festzustellen, wie viel Öl gefördert und wie viel Profit gemacht werden kann, als Menschenleben zu retten und fremde Kulturen zu respektieren. Durch diese Welt fahre ich nun mit dem Zug und schäme mich, zu ihr zu gehören. Um Sarah Lesch in ihrem Lied „Testament“ zu zitieren: „Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd.“

Camille Vern

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