„Rassen gibt es nicht und doch töten sie“

in Gastbeiträge/Klartext von

Rassismus – in der öffentlichen Debatte ist der Begriff häufig nicht mehr als ein moralisierendes Schlagwort. Doch gerade in seiner aktuellen anti-muslimischen Form ist er weitaus mehr als ein bloßes Vorurteil. Er schafft und befestigt ungleiche Machtverhältnisse, legitimiert Gewalt und bedroht gerade jene Werte, die auch dem islamistischen Fundamentalismus ein Dorn im Auge sind. Wie also funktioniert antimuslimischer Rassismus?

Was antimuslimischer Rassismus ist, lässt sich vielleicht am besten dadurch eingrenzen, was er nicht ist: Er ist keine Kritik an einer Religion, er ist keine Reaktion auf ein (tatsächliches oder auch nur angenommenes) Verhalten von Muslim_innen, keine Angst vor dem angeblich Fremden und keine Folge islamistischer Terroranschläge; er ist nicht bloß ein Vorurteil über den Islam, nicht nur eine Wahlkampfstrategie rechter und rechtsextremer Parteien und auch kein bloßer Vorwand für globale Macht- und nationale Überwachungspolitiken. All diese Dinge können mit antimuslimischem Rassismus zu tun haben, ihn verstärken oder ihn sich zu Nutze machen, der Begriff ‚Rassismus‘ meint aber etwas anderes.

RASSISMUS UND RESSENTIMENT

In einer abstrakten Definition lässt sich Rassismus als ein Verhältnis verstehen, in dem eine gesellschaftlich mächtigere Gruppe diese Macht verwendet um – erstens – sozial Schwächere zu definieren und sie damit zu einer einheitlichen Gruppe zu erklären. Das geschieht auf Basis von zugeschriebenen Charakteristika wie einer angeblich einheitlichen Kultur, Religion, Ethnizität oder vermeintlichen biologischen Merkmalen. Das obenstehende Zitat der feministischen Soziologin Colette Guillaumin bringt es auf den Punkt: Diese einheitlichen Gruppen – ob nun auf vermeintlich biologischer, kultureller oder religiöser Grundlage – existieren nicht als ‚wirkliche‘ Einheiten, doch ändert das nichts daran, dass die Konstruktion selbst real sehr wirkmächtig ist und zu Diskriminierung und Gewalt bis hin zum Mord führt. Im antimuslimischen Rassismus wird die Wirksamkeit dieser sozialen Konstruktion zum Beispiel dann sichtbar, wenn nach islamistischen Terroranschlägen „die Muslime“ aufgefordert werden, „Verantwortung zu übernehmen“ und „sich zu distanzieren“.

An der Einseitigkeit solcher Aufforderungen wird auch deutlich, dass es im Rassismus – zweitens – immer um (Definitions-) Macht geht. Das ungleiche Verhältnis lässt sich mit einem Gedankenexperiment verdeutlichen: Wie würden die Reaktionen ausfallen, wenn Mehrheitsösterreicher_innen nach jedem rassistischen Angriff auf Asylwerber_innen, nach jedem verhetzenden, hasserfüllten Facebook-Posting allesamt zu Distanzierungen aufgerufen würden? Zu Recht, würden wir uns gegen diese Verallgemeinerung von einigen Täter_innen auf alle weißen Österreicher_innen verwehren. Dass das für ‚Andere‘ nicht gelten soll, ist ein Teil rassistischer Verhältnisse.

Zum Rassismus gehört – drittens – dass diesen ‚erfundenen‘ Gruppen bestimmte, meist negative, Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Zuschreibungen kennzeichnen Mitglieder dieser Gruppe als ‚anders‘, die nicht ‚wie ‚wir‘ sind. Sie werden als ‚uns‘ unterlegen und/oder als bedrohlich vorgestellt. Es ist das, was man selbst nicht haben kann und nicht einmal wünschen darf, was dem ‚Anderen‘ zugeschrieben und in diesem gehasst wird. Wird so alles Verbotene nach außen projiziert, erstrahlt das ‚Eigene‘ umso heller. Aus dieser Perspektive lassen sich viele Elemente des antimuslimischen Rassismus entschlüsseln: Wird etwa Sexismus, Traditionalismus, fehlende Toleranz und Meinungsfreiheit auf ‚den Islam‘ projiziert, erscheinen die europäischen Gesellschaften als Hort der Emanzipation, Gleichberechtigung und Aufklärung. Wird ‚der Islam‘ als gewalttätig gezeichnet, als undemokratisch und nicht in der Lage, andere Lebensweisen, Religionen oder Kulturen zu tolerieren, rechtfertigt das scheinbar die Diskriminierung von Muslim_innen und die eigene Intoleranz. In solchen Zuschreibungen spielen eigene verleugnete Wünsche eine wesentliche Rolle: etwa Wünsche nach unumstrittener Dominanz, nach einfachen, einheitlichen Lebenswelten, nach der Sicherheit traditioneller Ordnungen, nach unbedingter Anerkennung als Mitglied einer Gemeinschaft.

ABER ES GIBT DOCH WIRKLICH…

Wer so argumentiert wie ich gerade, bekommt häufig Belege dafür vorgelegt, dass ‚im Islam‘ doch wirklich Schlimmes geschieht, dass zum Beispiel Frauen unterdrückt und zwangsverheiratet werden, Antisemitismus weit verbreitet und Gewalt gegen LGBT an der Tagesordnung ist; dass islamische Regime brutale Körperstrafen durchführen und Dschihadist_innen zum Mord an (in ihren Augen) Ungläubigen aufrufen. All diese und noch mehr abscheuliche Dinge geschehen. Manchmal werden sie im Namen ‚des Islam‘ durchgeführt und gerechtfertigt. Grund genug, nun auch ‚den Islam‘ dafür verantwortlich zu machen und Muslim_innen als Bedrohung anzusehen? Wer dieser allzu einfachen Logik folgt, vergisst zwei einfache, aber wichtige Dinge: Zum ersten, dass weitaus der überwiegende Teil der Opfer fundamentalistisch-islamistischer Gewalt, aber auch derjenigen, die sich gegen diese Gewalt zur Wehr setzen, Muslim_innen sind. Zum anderen, dass wer die reaktionärsten Auslegungen der Religion oder gar fundamentalistische politische Ideologie mit ‚dem Islam‘ gleichsetzt, das Geschäft eben dieser Ideologie betreibt. Vergleichbar wäre es, die Neonazis des NSU, den Mörder Breivik oder die Folterer_innen von Abu Ghraib und anderswo als legitime Repräsentant_innen ‚ ‚westlicher Werte‘, der ‚Freiheit‘ und des ‚Fortschritts‘ anzuerkennen. Wer so denkt, anerkennt die Positionen einer kleinen Minderheit als repräsentativ für eine in sich vielfach gespaltene und differenzierte Weltreligion. Wer glaubt, dass „der Islam dem Westen den Krieg erklärt hat“, übernimmt die Parolen extremistischer, dschihadistischer Strömungen (lediglich mit umgekehrter Wertung), anstatt sie zu widerlegen. Damit werden deren Weltbild und letztlich auch ihre Werbestrategie bestätigt, da sie sich in Europa ja gerade die Ausgrenzung von Muslim_innen zu Nutze machen.

RASSISMUS ALS WELTERKLÄRUNG

Rassistische Denkmuster widersprechen zwar den Fakten, sind dabei aber nicht einfach nur irrational. Eine Funktion von Rassismus ist, dass er einfache Erklärungsmodelle für alle möglichen Probleme und Konflikte liefert. Solch einfache Deutungen sind zunächst bequem, weil sie uns die tatsächliche Komplexität der Welt vom Hals halten. Als Basis für Politik haben sie fatale Folgen. Antimuslimische Ressentiments finden sich aktuell als Deutungsmodelle auf allen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Lebens und werden von einer Reihe politischer Gruppierungen nach Kräften geschürt. Das ist in mehreren Hinsichten gefährlich: Zum einen werden damit an sich simple Konflikte (etwa Streit in der Nachbarschaft, weil Kinder zu laut oder Jugendliche frech sind) und rational zu lösende Probleme (z.B. im Schulsystem, wo es statt um Beziehungen zwischen Schule und Eltern plötzlich um „Integrationsunwilligkeit“ geht) zu einem unlösbaren ‚clash of cultures‘ stilisiert. Dieser ist für Verhandlungsprozesse und Kompromisse nicht mehr zugänglich. Zum anderen werden Politiken, die individuelle Freiheiten und die Rechte der Bürger_innen einschränken im Namen von Aufklärung, Emanzipation und Demokratie akzeptabel gemacht. Ein Beispiel sind Kleidungsvorschriften, die angeblich im Namen der Geschlechtergleichheit Frauen bestimmte Formen der Verhüllung verbieten. Wie und warum ein gesetzliches Verbot bestimmter Kleidungsstücke Frauen aus unterdrückerischen Verhältnissen befreien soll, konnten Befürworter_innen dieser repressiven Politik bisher nicht erklären. Deutlich zeigen lässt sich hingegen, dass solche Debatten Übergriffe und Gewalt gegen Frauen verschärfen, weil diese durch das Kopftuch als Musliminnen erkennbar sind. Dieses einfache Beispiel macht deutlich, dass es mitnichten um den ‚Schutz der Frauen’ geht. Vielmehr wird hier die Stigmatisierung von Teilen der Bevölkerung betrieben – eine Politik, die angesichts der realen Diversität europäischer Gesellschaften langfristig scheitern muss, bis dahin aber noch jede Menge Schaden anrichten kann. Nicht zuletzt weil sie, im Verein mit der Militarisierung der Grenzen und der Brutalität einer Asylpolitik, die jedes Jahr Tausende Tote billigend in Kauf nimmt, genau das zerstört, was europäische Gesellschaften dem Fundamentalismus und islamistischen Ideologien tatsächlich entgegensetzen könnten: Die Idee von Demokratie und Emanzipation jedes und jeder Einzelnen.

Stefanie Mayer

Stefanie Mayer ist Politikwissenschafterin und beschäftigt sich unter anderem mit kritischen Analysen von Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Rassismus. Ihr Artikel erschien in leicht geänderter Form im Sommer 2014 in der dritten Ausgabe der Gschichtldruckerei, die sich unter dem Titel „Guten Morgen Abendland“ besonders mit antimuslimischem Rassismus beschäftigte. Das Zitat im Titel stammt von der feministischen Soziologin Colette Guillaumin.

 

Kommentar verfassen