#metoo – mehr als nur ein Hashtag?

in Aktuell/Klartext

CC BY 2.0

Die #metoo Posts auf meiner Facebook Timeline werden weniger. Noch letzte Woche haben zahlreiche Bekannte und Freundinnen den Status gepostet, manchmal mit einer Geschichte, manchmal ohne. Jede Posterin zeigte – ja, auch ich bin von sexueller Belästigung und/oder Gewalt betroffen, ja, auch ich habe so etwas erleben müssen. Ich musste jedes Mal schlucken, wenn ich einen solchen Status sah – sie also auch? Nicht, dass mich das wundert – aber die #metoo Posts gehen nahe, weil sie Verletzlichkeit zeigen. Und weil sie von Personen gepostet werden, die wir kennen. Die Betroffenen sind nicht hinter einer offiziellen Zahl versteckt, sondern zeigen ihr Gesicht, sie sind unsere Schwestern, Mütter, Töchter, unsere Freundinnen und Bekannten. Vor etwa zwei Wochen startete die Schauspielerin Alyssa Milano die Aktion auf Twitter. Anlass war die Affäre um den Hollywood Filmproduzenten Harvey Weinstein, gegen den zahlreiche Frauen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs erhoben haben. Doch die #metoo Bewegung startete nicht in Hollywood und auch nicht 2017, sondern vor etwa zehn Jahren.

Die Kraft der Empathie

Am Anfang des „me too MovementTM“ stand die persönliche Geschichte von Tarana Burke. Sie schreibt auf ihrer Website: „The me too MovementTM started in the deepest, darkest place in my soul“. Als Sozialarbeiterin arbeitet Burke mit Jugendlichen. 2006 kam ein Mädchen zu ihr, Heaven. Sie öffnete sich gegenüber Burke und erzählte ihr vom Freund ihrer Mutter, der „monströse Dinge aller Art mit ihrem sich entwickelnden Körper“ tat. Burke war geschockt und sandte Heaven in ihrer Hilflosigkeit zu einer anderen Sozialarbeiterin. Danach sah Burke die zurückgewiesene Heaven nie wieder.

www.justbeinc.org
Tarana Burke

Der Vorfall ließ Burke nicht los, genauso wie die Frage, warum sie Heaven nicht einmal „me too“ – ich auch – sagen konnte. Worauf genau sich ihr „me too“ bezog, lässt Burke offen. Weil aber viele Mädchen und Frauen Sexismus, welcher Art auch immer, am eigenen Leib zu spüren bekommen, gründete Burke die me too Bewegung und die Jugendorganisation Just Be Inc. Diese setzt sich die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Ganzheitlichkeit von jungen Women of Color zum Ziel. „The power of empathy is sorely undervalued“, sagt Burke. Stimmt, denke ich, wenn ich den Kloß im Hals beim Lesen der #metoo Posts spüre.

Empathie – aber von wem?

Wir haben 2017 und beinahe jede Frau könnte #metoo posten. Laut dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser ist jede fünfte Frau ab dem 15. Lebensjahr von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen, jede dritte von sexueller Belästigung. Ein Post kann Empathie erzeugen – aber von wem? Meinen Facebook Freund_innen? Und reicht mir das? In Rückblick auf den Wahlkampf, der auch die Themen für die neue Regierung vorgelegt hat, waren laut SORA vor allem drei Themen vorrangig: Asyl, Sozialleistungen und Sicherheit. So, wie die Themen diskutiert wurden, bekamen Frauen, die von sexueller Gewalt und Sexismus aller Art betroffen sind, Empathie nur zu spüren, wenn sich ihr #metoo auf einen migrantischen und/oder muslimischen Mann bezog. Und dabei stand keinesfalls die Empathie im Vordergrund, sondern viel eher die Antipathie gegenüber „den Anderen“. So gibt es im Wahlprogramm von Sebastian Kurz ein Kapitel zu Gewalt gegen Frauen und Kindern, untergeordnet dem Teil „Ordnung und Sicherheit“.  Das Kapitel zieht zugleich die Verbindung zu Ausländer_innen/ Flüchtlingen/ Muslim_innen. Somit werden die Probleme als von außen kommend umschrieben: „Von dem Grad an Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, der für Frauen in unserer westlichen Welt selbstverständlich ist, können Frauen anders geprägter Kulturen leider oft nur träumen.“ Gewalt gegen Frauen und Kindern ist jedoch kein rein ausländisches Problem, die Hintergründe sind komplex und müssen auch umfassend angegangen werden. Als Maßnahmen schlägt die ÖVP u.a. härtere Strafen vor und die Eröffnung von fünf neuen Frauenhäusern in ganz Österreich. Auch von den anderen beiden großen Parteien, FPÖ und SPÖ, wurde Gewalt gegen Frauen nicht außerhalb des Themenkomplexes Sicherheit/Migration thematisiert.

Erwartungen an eine neue Regierung

Nach einem solchen Wahlkampf sind meine Erwartungen an eine neue Regierung in puncto Bekämpfung von Sexismus zugegeben gering. Frauenrechte wurden eher als Topos verwendet, um die „europäische emanzipierte Frau“ von der „muslimischen unterdrückten Frau“ abzugrenzen. Ob bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Strache und Kurz Themen wie Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit Einzug finden, ist fragwürdig. Tendenziell zeigen rechte Parteien keinen oder wenig Einsatz für Frauenrechte und auch die parlamentarische Repräsentation ist meist weit von einer annähernd ausgeglichenen Verteilung entfernt – für die FPÖ wird ein Frauenanteil von 19% im Nationalrat vorausgesagt. Die SPÖ liegt im aktuellen Nationalrat bei 33%. Die Grünen, die Spitzenreiter_innen mit 57% waren, haben den Einzug nicht mehr geschafft. Und wie konsequent Kurz sein Reißverschlusssystem weiterverfolgen und somit den prozentualen Anteil von 27% verbessern wird, wird sich weisen.

#metoo – und was nun?

Noch immer sitze ich vor meinem Laptop und überlege, ob auch ich #metoo posten soll. Erleben musste ich sexuelle Belästigung nicht nur einmal. Aber was soll solch ein Post bringen? Noch dazu, wenn meine schwarz-blau-Malerei immer realistischer wird?

Ein Einzelfall bewegte Tarana Burke dazu, eine Bewegung zu gründen – und zwar eine, die sich für Menschen einsetzt und mit Betroffenen und Unterstützer_innen zusammenarbeitet (und somit den Namen Bewegung verdient). Ihr Anspruch ist folgender: „We want to turn victims into survivors and survivors into thrivers.“ Die virale Aktion #metoo macht Opfer sichtbar, menschlich. Sich selbst so verletzlich als Betroffene zu zeigen, ist schwer. Gleichzeitig fühlen sich viele Frauen bestärkt durch die Solidarität im Netz – ein Grund für den vergleichsweise großen Erfolg von Hashtag-Feminismus. Allerdings scheint das Posten des Hashtags auf dieser ersten Stufe – der Sichtbarmachung des Problems – zu verharren.

Ein viraler Anfang

Doch ein #metoo post sollte nur der Anfang sein – und zwar ein viraler, im doppelten Sinne des Wortes. Denn als Frau darf ich mir weder den Emanzipationsbedarf absprechen lassen, noch bei dem Gefühl der Ohnmacht ausharren, das zum Beispiel mich so leicht überkommt, wenn mir jemand an den Hintern fasst. Vor allem in Zeiten wie diesen müssen wir viel Kraft und vielleicht auch Überwindung aufwenden, um nach dem #metoo nicht einfach die Enter Taste zu drücken. Nach dem #metoo müssen wir Räume schaffen, um Allianzen zu schmieden, Handlungen zu setzen und um dafür zu sorgen, dass unsere Entgegnung zu Bewegung führt und Wegschauen unmöglich wird.

2 Comments

  1. Liebe Sophia, danke für deine gründliche Analyse! Ich stimme zu und merke, wie sich ein Gefühl der Übelkeit breitmacht, wenn ich sehe, wie die Politik uns Frauen zum Zweck der zunehmenden Verhetzung auseinanderdividiert.

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