¿Dónde está Santiago Maldonado?

in Aktuell/Klartext

Politische (Un)sicherheit in Argentinien

Vor drei Wochen tauchte im südargentinischen Fluss Chubut der Leichnam eines jungen Mannes auf. Seit er 78 Tage zuvor von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde, durchziehen Proteste das Land. Wieso schlägt sein Schicksal so hohe Wellen?

Protestaufruf
Online-Protestaufruf zur Forderung des Auftauchens von Santiago Maldonado

Santiago Maldonado war ein Menschenrechtsaktivist aus Buenos Aires, der die indigene Bevölkerungsgruppe der Mapuche bei ihrem Kampf gegen den italienischen Textilkonzern Benetton unterstützte. Im Besitz des Konzerns befindet sich ein Stück Land, welches für die Mapuche als heilig gilt und damit einen wichtigen Teil ihres kulturellen Erbes darstellt. Durch Besetzungen versuchen die Mapuche daher das Land in der südargentinischen Provinz Chubut zurückzugewinnen.

Weder sind Proteste gegen die Aneignung von Boden durch multinationale Konzerne in Argentinien eine Seltenheit, noch sind es gewaltsame Zusammenstöße mit den
nationalen Sicherheitskräften. Dennoch erhielt der Zusammenstoß am ersten August in der Provinz Chubut besondere Aufmerksamkeit: An jenem Tag wurde Santiago Maldondado das letzte Mal lebend gesehen, bevor er im Zuge derselben Demonstration von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde. Sein Verschwinden entfachte eine landesweite Welle von Protesten, sowohl auf den Straßen großer Städte als auch im Netz. Tausende Menschen fragten sich „¿Dónde está Santiago Maldonado?“ (Wo ist Santiago Maldonado?).

Eine nähere Betrachtung des historischen und aktuellen Kontext Argentiniens erlaubt erste Erklärungsversuche für eine derartige Mobilisation der argentinischen Bevölkerung.

Argentinien als Land der Desaparecidos

Das spurlose Verschwinden von Menschen durch den staatlichen Sicherheitsapparat gehörte vor allem während der Militärdiktatur von 1976-1983 zur alltäglichen Lebensrealität der argentinischen Bevölkerung. Schätzungen zufolge verschwanden in jenen sieben Jahren über 30.000 Menschen, die politisch anders dachten oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Nicht selten trifft man junge Erwachsene an, deren Onkel oder Schwager seit jener Zeit verschwunden ist.

Durch Santiago Maldonados Schicksal wird damit die Erinnerung an eine Vergangenheit wiederbelebt, die noch lange nicht aufgearbeitet ist. Zahlreiche der Menschenrechtverletzungen bleiben ungesühnt und wenige der Verschwinden sind aufgeklärt. Vor allem aber zeigt sich, dass das politisch motivierte Verschwinden von Menschen sowie die Willkür der Sicherheitskräfte eben keinesfalls der Vergangenheit angehören. Nicht nur in ihrer Erinnerung, auch gegenwärtig steht die argentinische Bevölkerung einem staatlichen Sicherheitsapparat gegenüber, welcher vielmehr Unsicherheit und Gefahr darstellt als Sicherheit. Die Anwesenheit der Polizei vermittelt statt Schutz Angst – die Angst wieder Opfer von willkürlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzung zu werden.

Die Politisierung von Santiago Maldonado

Der Staat scheint seine Aufgabe, die Einhaltung der Menschenrechte zu garantieren, zu vernachlässigen, wenn nicht sogar aktiv an deren Verletzung beteiligt zu sein. Das werfen der aktuellen Regierung vor allem Oppositionsparteien vor. Im Fall Santiago Maldonado kam es angeblich bei der Aufklärung zu unnötigen Verzögerungen und einigen Ungereimtheiten. Angehörige der konservativen Partei Cambiemos, der auch Präsident Mauricio Macri angehört, kontern mit Theorien, nach denen sich Santiago Maldonado versteckt hielt und am Ende geopfert wurde oder sich gar freiwillig geopfert hat, um die Bevölkerung gegen die Regierung aufzustacheln.

Welche der Versionen auch immer wahr sein mag, Fakt ist, dass der junge Aktivist in einer politisch hochwichtigen Zeit verschwand und starb: in der heißen Phase der Parlamentswahlen. Die Vorwahlen wurden am 13. August, 12 Tage nach seinem Verschwinden, abgehalten und die letzte Runde am 22. Oktober, fünf Tage nach dem Fund seines Leichnams.

Argentinien als politisch zerrissenes Land

Demonstration
Demonstration gegen Macris Sparprogramme

Die politische Instrumentalisierung eines verlorenen Menschenlebens ist Symptom einer politisch tief gespaltenen Gesellschaft. Seit Jahren zeigen sich vor allem junge Argentinier*innen
unzufrieden mit den Sparprogrammen des neoliberal ausgerichteten Macri. Andere Teile der Bevölkerung sehen ihn als den einzigen, der Argentinien aus der wirtschaftlichen Krise führen
kann. Sie fürchten Armut und Arbeitslosigkeit, häufig aber auch die Gewaltsamkeit oppositioneller Demonstrierender und indigener Gruppierungen.

In der Hauptstadt des Landes gibt es im Schnitt an drei Tagen der Woche Demonstrationen. In vielen Fällen kommt es dabei zu gewaltsamen Ausschreitungen beider Seiten. Der Fall Santiago Maldonado ist für das ohnehin gespannte Verhältnis innerhalb der argentinischen Gesellschaft ein weiterer Tropfen, in ein Fass, das dem Überlaufen gefährlich nahe ist.

 

Weiterführende Information zur argentinischen Wahl und zu den Ermittlungen von Santiago Maldonados Tod.

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