Arbeiter*innenlieder – und was davon übrig blieb!

in Empört Euch/Gschichtln/Kunst

Ihr Proletarier*innen, Revolutionär*innen, linksversiffte Gutmenschen aller Länder, vereinigt euch! Kommet in Scharen! Steigt auch ihr ein, Genoss*innen, wir nehmen den Informations-Superhighway durch YouTube und reisen durch Zeit und Geschichte der Arbeiter*innenlieder! Also steckt die Kopfhörer in die Ohren und stellt den Vodka kalt!

Nachdem ich jetzt hoffentlich alle Klischees untergebracht habe, beginne ich mein Thema etwas ernster. Eigentlich wollte ich für die neue Printausgabe der Gschichtldruckerei zum Thema „Baustelle Arbeit“ eine kleine Zeitreise machen und die Ursprünge der Arbeiter*innenlieder beleuchten. Musik zu zeigen, ohne sie zu hören, ist aber irgendwie ein Dilemma, also nehme ich euch jetzt mit und führe euch online durch die Welt der Arbeiter*innenlieder.

 

Demonstrierende Menschenmenge auf der Straße
©Ben_Kerckx/pixabay

 

 

Arbeiter*innenlieder…was?!

Stellt euch vor, ihr seid Sklav*innen, Sträflinge, oder vom Leben wenig begünstigte, einfache Leute – ihr werdet zur Arbeit gezwungen, und das einzige, was euch gestattet wird, ist dabei zu singen. Ebenso wie eure Lage, sind die Texte traurig oder zornig – der Blues entsteht. Oder ihr singt in der Gruppe, mit euren Leidensgenoss*innen, ihr seid wütend, ihr wollt gegen diese empfundene Ungerechtigkeit antreten, stellt euch politisch auf und bildet ein Gemeinschaftsgefühl aller Arbeiter*innen. So oder zumindest so ähnlich entstanden wohl die Arbeiter*innenlieder gemeinsam mit dem beginnenden Marxismus zur Mitte des 19. Jahrhunderts und sie sind seither eng verknüpft mit der Arbeiter*innenbewegung.

 

 

Arbeiter*innenlieder wurden vorrangig von der sogenannten Arbeitermusikbewegung gepflegt, die es sich zur Aufgabe machte, das Proletariat auf diese Art kulturell zu bilden und damit einen gesellschaftlichen Wandel zu forcieren. Jedoch spaltete sich die Arbeiterschaft politisch in mehrere Richtungen auf – hauptsächlich in einen kommunistischen Teil und einen sozialdemokratischen Teil – deren Arbeiter*innenlieder sich auch voneinander unterscheiden. So entwickelte sich das kommunistische Arbeiter*innenlied zum revolutionären Kampflied, während die sozialdemokratische Variante politisch eher harmloser wirkt.

Heute verbindet man im deutschsprachigen Raum das Arbeiter*innenlied, welches vor allem in den 70er Jahren wieder stark an Popularität gewann, mit der kommunistischen Strömung, wobei die berühmtesten deutschen Arbeiter*innenlieder heute von allen politisch linken Gruppen gepflegt werden. Lieder von Hanns Eisler, Ernst Busch, Bertold Brecht und Kurt Weill sind regelrechte Klassiker der sozialistischen Bewegungen. Inhaltlich geht es um Widerstand, Klassenkampf, Solidarität. Die Melodien sollen leicht ins Ohr gehen, nicht selten sind sie Märschen nachempfunden.

 


 

Arbeiter*innenlieder als Hymne

 

Die Internationale, sozusagen die Hymne der Arbeiter*innenbewegung, entstand ursprünglich in Frankreich nach der Zerschlagung der Pariser Kommune. Sie diente bis 1943 als Nationalhymne der Sowjetunion und galt als die inoffizielle Hymne der DDR.

 

Ein weiteres Arbeiter*innenlied ist bis heute die offizielle Nationalhymne Frankreichs: die Marseillaise.

Ursprünglich wurde dieses Lied 1792 zur Kriegserklärung Frankreichs an Österreich verfasst unter dem Titel „Kriegslied für die Rheinarmee“. Nach mehreren Veränderungen ist die heutige Variante wörtlich übersetzt noch immer sehr kämpferisch. So erklingt zum Beispiel bei französischen Sportveranstaltungen folgender bemerkenswerter Text:

Auf, Kinder des Vaterlandes,

Der Tag des Ruhmes ist gekommen!

Gegen uns ist der Tyrannei

Blutiges Banner erhoben.

Hört ihr auf den Feldern

Diese wilden Soldaten brüllen?

Sie kommen bis in eure Arme,

Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen

die Kehlen durchzuschneiden.

Zu den Waffen, Bürger,

Formiert eure Truppen,

Marschieren wir, marschieren wir!

Unreines Blut

Tränke unsere Furchen!

 

 

 

Arbeiter*innenlieder zur Zeit des NS-Regimes

Auch die Nationalsozialist*innen nutzen bereits in den 1920er-Jahren eigene Kampflieder und bedienten sich dabei bei sozialistischen Arbeiter*innenliedern. So wurden die Texte von  Auf, auf zum Kampf!  und des ursprünglich russischen Liedes „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ für die SA umgedichtet. Das bekannteste Kampflied der Nationalsozialisten war jedoch das Horst-Wessel-Lied.
Ansonsten entstanden vor, während und nach der Machtergreifung viele neue sozialistische Arbeiter*innenlieder. Das „Einheitsfrontlied“ von Ernst Busch und Bertold Brecht entstand 1933 am Ende der Weimarer Republik mit dem Appell, dass die entzweiten Arbeiter*innenbewegungen der Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen nur gemeinsam als Einheitsfront etwas gegen den Nationalsozialismus ausrichten könnten.

 

Das „Solidaritätslied“, ebenfalls von Bertold Brecht und Hanns Eisler, thematisiert die soziale Frage schon nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Der Text wurde jedoch mehrfach geändert, der heute am weitesten verbreitet Liedtext entstand während dem Zweiten Weltkrieg.

 

Die Geschichte hinter „Die Moorsoldaten“ ist sehr düster. So entstand das Lied 1933 im KZ Börgermoor in Norddeutschland, in dem hauptsächlich politische Gegner des Nazi-Regimes inhaftiert waren. Mittlerweile wurde das Lied in viele weitere Sprachen übersetzt.

 

Auch das italienische Partisan*innenlied „Bella Ciao“ entstand während dem zweiten Weltkrieg. Es zählt zu den bekanntesten Arbeiter*innenliedern weltweit und wurde zur Hymne antifaschistischer Bewegungen.


Gibt es heute noch Arbeiter*innenlieder?

Ohne Internet hätte ich wahrscheinlich niemals Kontakt zu Arbeiter*innenliedern gefunden. Ich bin weder Mitglied einer sozialistischen Gruppierung oder der Arbeiter*innenbewegung, kenne Erster-Mai-Aufmärsche nur vom Hörensagen und zu meinem Freundeskreis zählen nur wenige Kneipenrevolutionär*innen, die mir Hasta siempre, Comandante Che Guevaravorsingen. Für viele sind Arbeiter*innenlieder linke Propaganda oder einfach ein Relikt der Geschichte, die in der angepassten Konsumgesellschaft von heute keine Verwendung mehr haben. Dabei gibt es auch heute genug Kriege, Wirtschaftskrisen, soziale Probleme und weitere Ungerechtigkeiten, die bearbeitet werden könnten oder sogar sollten. In der neuen Ausgabe der Gschichtldruckerei habe ich versucht, ein Arbeiter*innenlied zu schreiben, aber wer kann mir ein bekanntes neues Arbeiter*innenlied der letzten zehn Jahre nennen? Gibt es denn noch eine große, geschlossene Arbeiter*innenbewegung? Wenn ich die Wählerstromanalysen und Wahlmotive der letzten paar Wahlen in Österreich betrachte, zweifle ich stark daran. So bin ich selbst erst über die Kunst und auch eher durch Zufall zu dem Thema gelangt.

 

Gerade in der Wiener Theaterszene sind politische Revolutionsrevuen wieder in Mode gekommen. Hier wird mit Arbeiter*innenliedern weitergemacht und geschichtlich gute Arbeit geleistet in Bereichen, die man im Schulunterricht selten hört. Als Beispiel möchte ich Stücke vom Wiener Volkstheater (Alles Walzer, alles brennt 2016) und Werk-X (Proletenpassion 2015 ff) nennen. Letzteres ist ein geniales Remake einer Wiener Festwochen – Produktion 1976 der österreichischen Politrock-Band „Die Schmetterlinge“ und dem Literaten Heinz Rudolf Unger, die die Themen Bauernkriege, Pariser Kommune, Oktoberrevolution und Faschismus geschichtlich und musikalisch bearbeiten. Dabei entstanden viele neue Arbeiter*innenlieder, das berühmteste davon ist das Jalava-Lied:

 

Mit halb zugedrücktem Auge findet man auch in Musicals Ansätze neuer Arbeiter*innenlieder, allen voran in „Les Misérables“.


 

Wie umgehen mit Arbeiter*innenliedern?

Die Zeiten hier in Mitteleuropa sind im Vergleich zu den 1930er Jahren sicher etwas ruhiger geworden, seit der 1968er Bewegung ist die Bereitschaft zur offenen, groß angelegten Revolution außerhalb der WG-Küche auch eher zurückgegangen. Obwohl es genug zu singen, genug zu rebellieren, genug aufzuzeigen gibt, scheint die Zeit einer großen Arbeiter*innenbewegung und ihrer Kampflieder vorbei zu sein. Ob das gut oder schlecht ist, kann diskutiert werden. Arbeiter*innenlieder wurden oft umgetextet, für Propagandazwecke missbraucht, von extremen politischen Richtungen und Regimen für sich eingenommen, um eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit und politische Identität zu stärken. Ob das auch im Sinne der ursprünglichen Verfasser*innen und Komponist*innen dieser Lieder war, sollte stark angezweifelt werden. Nichts desto trotz handelt es sich um politisches Liedgut, welches von linken Parteien und Gewerkschaften gepflegt wird.
Ob es sich jenseits der Kunst und Geschichtsaufarbeitung in Europa noch einmal ausprägt, ist meiner Ansicht nach wegen dem Fehlen einer geschlossenen, starken Arbeiter*innenbewegung eher fraglich. Denn in den letzten Jahren haben sich die Arbeitsverhältnisse stark verändert, es gibt immer weniger Hackler*innen im klassischen Sinne. Stattdessen entwickelte sich eine Vielzahl neuer Formen von oft prekärer Arbeit. Neue, populäre Arbeiter*innenlieder könnten diese Gruppen eventuell zusammenschweißen und ihren Kampf für menschenwürdige Arbeitsbedingungen vorantreiben. Wir können gespannt sein, ob es in den nächsten Jahren Entwicklungen in diese Richtungen geben wird.
2 Hände reichen sich
© johnhain/pixabay

 

Bernhard Kobler

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