Sturm, Rauch und heiße Luft: Eindrücke vom Tag X

in Aktuell/Gschichtln von

Bilder von der Demonstration gegen die Angelobung der neuen Regierung am Montagvormittag – so, wie wir sie erlebt haben: bis auf eine kurze Ausnahme friedlich, entspannt, sonnig und arschkalt. Eine Chronologie abseits der heißen Luft, die einige Zeitungen produzieren, wenn sie über Demos berichten:

 

8:30, Treffpunkt Schottentor. Der Himmel ist klar und die Luft klirrend kalt. Was wird mich heute erwarten? Werden es mehr Polizist*innen als Demonstrant*innen sein? Wird die Demo friedlich verlaufen? Mit diesen Gedanken mache ich mich auf den Weg zum Treffpunkt der Gschichtldruckerei. Die erste Ernüchterung: obwohl ich fünf Minuten zu spät da bin, sind wir erst Zwei. Die Initiatorin unserer gemeinsamen Demo-Teilnahme hat verschlafen. Doch nach wenigen Minuten stoßen weitere bekannte Gesichter dazu und bringen warmen Tee, gute Stimmung und Geschichten vom Wochenende mit.

9:00, Es geht los. Wir sind (fast) vollzählig und schließen uns der wachsenden Menge an, die sich vor dem Gebäude der Uni Wien sammelt. Wenig später setzt sich der Zug in Bewegung und wir gehen den Ring entlang auf das Parlament zu. Es ist ein tolles und ermutigendes Gefühl, unter so vielen Menschen auf der Ringstraße zu spazieren. Zaghaft fange ich an, manche Parolen mitzuschreien. „Hoch, die internationale Solidarität!“, „Abtreibung ist Frauenrecht, bei Schwarz-Blau, da wird uns schlecht!“, „Was bedeutet Schwarz-Blau? Rassismus und Sozialabau“, „No Border, No Nation! Fight Deportations“, „Lieber ein Abszess am After als ein deutscher Burschafter“ sind einige davon.

10:00, Ankunft am Heldenplatz. Bei strahlendem Sonnenschein wandern wir durch die Tore auf den Heldenplatz. Viele sind vor uns, noch mehr kommen hinter uns nach. Ich blicke die Hofburg empor und stelle mir vor, wie Kurz, Strache und die Minister*innen feierlich durch die Säle schreiten. Für uns gibt es nichts zu feiern. Bei Tee und Jause diskutieren wir über die kommende Regierung. Unglaublich. Politik für die reichsten fünf Prozent. 60 Stunden Woche. Schwächung der Arbeiterkammer. Studiengebühren. Spaltung der Gesellschaft durch Feindbilder. Eine Regierungspartei, die völkische Ideale hochhält und es nicht schafft, sich vom braunen Rand zu distanzieren. Ziemlich bedrückend. Da ist es bestärkend, mit so vielen Menschen gemeinsam am Heldenplatz zu stehen.

10:30, Rauchgranaten und Wasserwerfer. Plötzlich macht es einen Knall und schwarze Rauchschwaden steigen dem blauen Himmel entgegen. Muss das sein, frage ich mich. Wir gehen einige Meter nach hinten, haben nicht das Bedürfnis mitten im Geschehen zu stehen. Schwer gepanzerte Polizist*innen springen über die Absperrung und drängen die Demonstrant*innen zurück. Zwei Wasserwerfer mit vergitterten Fenstern und bedrohlichen Wasserkanonen fahren auf. Die Abschreckung wirkt. Der Wasserwerfer kommt nicht aktiv zum Einsatz.

11:00, Die Angelobung. Neben uns werden Samba- Rhythmen getrommelt und ich wippe im Takt mit. Als der Live-Ticker am Handy die Angelobung verkündet, werden Buh-Rufe laut.  Immer mehr Menschen stimmen ein und bald schallt der ganze Heldenplatz vor Pfiffen und Buh-Rufen. Hoffentlich hören das die in der Hofburg, denke ich mir und stimme kräftig mit ein. Die Kundgebung ist noch nicht zu Ende, doch ich muss noch zu einer Vorlesung. Gestärkt und nachdenklich zugleich mache ich mich auf den Weg zur Uni.

Fotos: Elisabeth Mayer
Text: Lukas Rachbauer

Ich studiere Physik an der TU Wien. Neben dem Studium beschäftige ich mich viel mit internationaler Politik, Klimagerechtigkeit, Antifaschismus, Antirassismus, Armut und Reichtum.

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