Eine Weihnachtsgeschichte aus Gambia

in Kunst

Diese Tage bin ich in der kühlen Abenddämmerung Wiens mit meinem WG Kollegen durch die Kleingartensiedlung auf der Schmelz spaziert. Ebrima, mein Mitbewohner, hat mir dabei diese Geschichte erzählt:

In Gambia, einem vorwiegend muslimischen Land im Westen Afrikas, gibt es eine schöne Weihnachtstradition. Viele Christ*innen sind aus Cote d’Ivoire, Nigeria und Sierra Leone in das Land am Gambia-Fluss geflüchtet. Nach der Weihnachtsliturgie gibt es ein großes Fest, zu dem alle eingeladen sind. Die Einwanderer tragen dabei Akunku, eine traditionelle, rituelle Verkleidung und hölzerne Masken. Sie tanzen die alten Tänze so, wie ihre Urgroßmütter dies einst in ihren Herkunftsländern taten. Einige ältere Leute im Dorf stehen dem Fest allerdings skeptisch gegenüber. Sie sagen ihren Kindern, sie sollen nicht auf das christliche Fest gehen. „Aber alle im Dorf, besonders die Jungen, gehen hin!“, erzählt mir Ebrima mit leuchtenden Augen und lacht. Es wird getanzt, getrunken, geraucht und gelacht.

Schön, wie hier die Kulturen zusammenfließen! Ein christliches Fest verband sich mit Elementen alter Kulturen. Im Strom der Zeit floss es in ein fernes Land, Gambia. Dort traf es mit muslimischen Menschen zusammen und bekam so eine weitere, schöne und gleichzeitig urchristliche Bedeutung. Die Geschichte fand schließlich mit meinem Mitbewohner ihren Weg bis nach Österreich in unsere WG.

Um wieder auf die Weihnachtsgeschichte zurückzukommen: Das Jesuskind ist nicht als Sohn eines Königs in einem Palast oder als milliardenschwerer Erbe in einer Luxusvilla zur Welt gekommen. Die Situation der Familie war so, wie die von mehr als 60 Millionen Menschen heute. Zuerst die unfreiwillige Reise nach Bethlehem, erzwungen durch Augustus, Kaiser des repressiven römischen Imperiums – trotz der fortgeschrittenen Schwangerschaft Marias. Danach die Flucht vor den Schergen Herodes. Sie waren stets angewiesen auf Menschen, die bereit waren, ihnen zu helfen: Ein Versteck, Nahrung, Babywindeln. Jesus ist als Flüchtling auf die Welt gekommen, um die Versöhnung aller Menschen zu verkünden.

Die biblische Familie?!

Mein Vorschlag für alle, die heuer Weihnachten feiern: Ladet doch dieses Jahr eure Nachbar*innen zum Fest ein! Erzählt die biblische Geschichte von Jesus, Maria und Josef. Singt, tanzt und feiert gemeinsam. Vielleicht hört ihr dann auch die eine oder andere Weihnachtsgeschichte von euren Nachbar*innen.

Ich studiere Physik an der TU Wien. Neben dem Studium beschäftige ich mich viel mit internationaler Politik, Klimagerechtigkeit, Antifaschismus, Antirassismus, Armut und Reichtum.

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