Ist Hausarbeit wirklich Frauensache?

in Empört Euch

Ursprünglich sollte hier ein Ausschnitt des Artikels „Planung ist die halbe Arbeit. Der mental work-load und warum ein Großteil der Hausarbeit im Kopf passiert“ stehen. Ebendiesen Artikel habe ich vor ein paar Monaten für die siebte Printausgabe der Gschichtldruckerei geschrieben. Basierend auf zugebenerweise überzeichneten, eigenen Erfahrungen im WG-Alltag stelle ich darin das Konzept des mental work-load vor. Mir erscheint es höchst brauchbar, um die tatsächliche Last von Hausarbeit sichtbar zu machen.

Was ist der mental work-load?

Kurzgefasst zeigt das Konzept auf, dass Hausarbeit neben dem offensichtlichen physischen Aspekt des Aufgabenerledigens auch einen psychischen besitzt. Hausarbeit geht immer mit Verantwortungsübernahme einher: du musst schauen, dass Klopapier nachgekauft und die Miete bezahlt wird. Diese übernommene Zuständigkeit führt dazu, dass von gewissen Personen erwartet wird, ständig mitzudenken. Sich ständig daran zu erinnern, sich an etwas erinnern zu müssen – sei es der Kauf von Klopapier am Nachhauseweg oder das Begleichen von Rechnungen. Wer mehr über den mental work-load wissen will, kann gerne einen Blick in unsere druckfrische siebte Ausgabe (siehe rechts) oder auf den Comic “Fallait demander“ von Emma werfen.

Illustration mental work-load

Kritische Reaktionen auf den Artikel

Ich möchte diese Gelegenheit nämlich stattdessen nutzen, um mich mit der Kritik auseinanderzusetzten, die ich von zwei Lesern auf genannten Artikel erhalten habe. Ja, ich verwende bewusst die männliche Form und ja, das Geschlecht ist für eine fundierte Reaktion auf die Kritik relevant. Beide Leser bezogen sich auf folgenden Absatz:

Obwohl Männer sicherlich mehr Hausarbeit erledigen als noch vor einigen Jahrzehnten, wird die Verantwortung für häusliche Angelegenheiten häufig immer noch Frauen zugeschrieben. Wenn Männer im Haushalt ‚mithelfen’, ist es eine anerkennungswürdige Errungenschaft. Wenn Frauen sich nicht im Haushalt betätigen, sind sie hingegen schlechte Mütter und Partnerinnen. In den Köpfen vieler Menschen ist eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung, in welcher Männer der öffentlichen Sphäre der Produktionsarbeit und Frauen der privaten Sphäre der Reproduktionsarbeit angehören, die Norm.

Ein Leser fand, dass dieser „feministische Rundumschlag“ nicht nötig gewesen wäre, da es in dem Artikel nicht um Geschlecht gehe und der mental work-load von anderen Faktoren wie zum Beispielen von Charaktereigenschaften und persönlichen Erfahrungen abhängig sei. Der zweite Leser habe sich bis zum obigen Absatz mit den beschriebenen Situationen identifizieren können und dann gemerkt, dass es gar nicht um ihn, sondern um Frauen, gehe.

Die geschlechterspezifische Teilung von Hausarbeit

Stimmt, der Charakter einer Person und ihre individuelle Lebensgeschichte spielen mit Sicherheit eine tragende Rolle bei der Frage, ob sie eher dazu neigt, Verantwortung anzunehmen oder abzugeben. Ebenso haben externe Faktoren wie die Haushaltszusammensetzung, das Bildungsniveau, etc. zweifellos einen Einfluss. Vielleicht mehr als das Geschlecht.

Allerdings sind viele der genannten Faktoren nicht derart mit Machtstrukturen verbunden wie es das Geschlecht ist. Es wäre eine schlichte Realitätsverweigerung zu behaupten, die gesamte Gesellschaft würde es gleich bewerten, ob ein Mann oder eine Frau Hausarbeit erledigt. Genauso wenig kann angenommen werden, Hausarbeit fände in einem Rahmen statt, in dem Geschlecht nicht relevant und machtförmig sei. Laut Statistik Austria haben 2008/2009 Männer täglich (!) um eineinhalb Stunden weniger Hausarbeit verrichtet als Frauen. Wer glaubt, diese genderspezifische Schieflage hätte sich innerhalb der letzten 10 Jahre gebessert, wird enttäuscht: ein Blick auf den European Gender Equality Index 2017 zeigt, dass 2015 in Österreich 83 Prozent der Frauen täglich Hausarbeit verrichteten, während es bei den Männern nur 28,4 Prozent waren. Damit schnitt die Alpenrepublik übrigens etwas schlechter ab als der EU-Durchschnitt von 78,7 und 33,7 Prozent.

Ich erlaube mir diesen „feministischen Rundumschlag“ daher ganz bewusst, um die anekdotenhafte Beschreibung meines Lebensalltags auf eine allumfassendere, gesellschaftspolitisch relevante Ebene zu heben.

Von Hausmännern und Karrierefrauen

Natürlich hätte der Artikel auch von einem Mann geschrieben werden können. Zweifellos gibt es genug Männer, die die beschriebenen Situationen zigfach erlebt haben. Gerade der zweite Leser schien sich aber durch meine Ausführung zur geschlechterspezifischen Teilung von Hausarbeit seines eigenen Engagements im Haushalt abgesprochen zu fühlen.

Das tue ich ganz und gar nicht – ich räume lediglich der gesellschaftlichen Tatsache, dass Frauen statistisch gesehen mehr Hausarbeit verrichten als Männer, Raum ein. Das ist nicht dem Umkehrschluss gleichzusetzen, Männer würden keine Hausarbeit erledigen. Es geht hier nämlich nicht um einzelnen Männer und Frauen. Genau genommen geht es nicht einmal so sehr um die Gruppe der Männer und Frauen an sich, auf denen das statistische Wissen basiert. Tatsächlich geht es um die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die mit diesen Gruppenzugehörigkeiten verbunden sind. Frauen erledigen mehr Hausarbeit, weil es zum Idealbild der Frau gehört, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein. Nachdem damit Frauen eine bezahlte Arbeitsstelle und damit der Zugang zu einem eigenständigen Einkommen weniger selbstverständlich zugesprochen wird als Männern, ist mit dieser Gruppenzugehörigkeit ein Nachteil verbunden. Umgekehrt entspricht es der männlichen Norm für ebendieses Einkommen zu sorgen, während Männern ein Recht auf die Teilhabe am Leben ihrer Kinder häufig abgesprochen wird.

Feminismus für Frauen UND Männer

Es geht in feministischer Kritik nicht darum Männer anzugreifen oder abzuwerten – es geht um eine Kritik an den Machtverhältnissen, die sowohl Männer als auch Frauen in vorgegebene Rollen pressen und auf verschiedene Weise benachteiligen. Sie definieren bestimmte Verhaltensweisen als normal, andere als abnormal. Dieses dichotome, schwarz-weiß Denken muss überwunden werden, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu erreichen: ein Gewinn an Frauenrechten beraubt Männer keiner Rechte. Ich möchte die Leser also weder diskreditieren noch demotivieren. Es ist großartig, dass sie sich die Verantwortung für den Haushalt mit ihren Mitmenschen teilen und sich für ein gleichberechtigtes Miteinander engagieren. Solange das allerdings nicht die Norm ist, sehe ich keinen Grund geschlechterspezifische Ungerechtigkeiten nicht explizit aufs Tapet zu bringen.

Lasst uns reden…

Ich bin für die Reaktionen auf meinen Artikel sehr dankbar. Einerseits zeigen sie auf, wie Worte und Phänomene verschieden interpretiert werden können und eröffnen auch mir als Autorin neue Blickwinkel. Andererseits, stoßen sie damit die Debatte zu einem gesellschaftlich hoch relevanten Thema an, dessen Behandlung für alle Beteiligten zu fruchtbaren, neuen Einsichten führen kann. Ich freue mich auf weitere Meinungen und Stimmen, liebe Lesende!

Illustration: Elisabeth Mayer

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