Jugenddroge des 21. Jahrhunderts? – Pornopanik im Faktencheck

in Gastbeiträge/Gschichtln

Durch die leichte Zugänglichkeit von Onlinepornografie kommen Jugendliche so früh wie wahrscheinlich nie zuvor mit Pornografie in Kontakt. Der erste Sex, den sie mitbekommen, dürfte in der Regel nicht ihr eigener oder der eines zufällig irgendwo aufgestöberten Pärchens sein, sondern Sex im Porno. Das kann einem schon einmal Sorgen machen. Grund für überschießende Panik, wie sie Raphael Bucher in seinem hier erschienenen, leider nicht besonders gut belegten Artikel „Onlinepornographie – Jugenddroge des 21. Jahrhunderts“ verbreitet, sollte es aber dennoch nicht sein.

Ich werde zeigen warum und dafür die folgenden Behauptungen Buchers einem Faktencheck unterziehen: (1) Pornografie führt zu falschen, schädlichen Körperbildern und damit bei Mädchen zu Hemmungen und bei Burschen zu unrealistischen Ansprüchen an Partnerinnen; (2) Pornografie objektiviert Frauen und muss somit als frauenverachtend angesehen werden; (3)  Pornoportale verfolgen unternehmerische Interessen und sind „Geldmaschinen mit gesellschaftlichem Einfluss“; (4) die Pornoindustrie drängt unerfahrene Mädchen in Darstellerinnenjobs und fördert damit den Menschenhandel; (5) Pornografie macht süchtig; (6) Pornokonsum ist schädlich, er führt zu „statistisch bewiesener Zunahme an Vergewaltigungen, ehelich-häuslicher Gewalt, Trennungen und Job-Verlusten“; (7) wir brauchen Aufklärung, Alternativen und gesetzliche Verbote.

 

(1) Pornografiekonsum führt zu falschen, schädlichen Körperbildern – das ist nicht belegt und nur teilweise plausibel

Mir ist keine Studie bekannt, die zeigte, dass Jugendliche, die mehr Pornografie konsumieren, eher zu problematischen Körperidealen neigen als Jugendliche, die weniger konsumieren. Und selbst wenn es die geben sollte (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren), belegte das noch nicht, dass der Pornografiekonsum die Ursache davon wäre. Korrelationen geben noch keinen Aufschluss über Kausalitäten und experimentellen Studien mit Pornos bei Jugendlichen, die überprüfen könnten, ob tatsächlich ein Kausalzusammenhang besteht, wird so schnell keine Ethikkommission zustimmen.

Plausibel erscheint die Hypothese ja durchaus, doch inwieweit trifft sie wirklich zu? Unrealistische Körperbilder begegnen uns nicht nur im Porno, sondern auch in Magazinen, in der Werbung, in Kinofilmen, auf Youtube und Instagram. Warum hier gerade Pornografie eine so wichtige Rolle spielen soll, ist nicht unmittelbar einsichtig. Mit einer Ausnahme: Geschlechtsteile, also Penisse, Vulven, Schamlippen etc., sehen wir in der Regel nur im Porno. Und da hat die klassische „Pornovulva“ mit inneren Schamlippen, die so klein sind, dass sie nicht aus den äußeren herausragen, vielleicht tatsächlich einen Einfluss darauf, was wir als „normal“ erachten, es in Wahrheit aber nicht ist.

Aber ansonsten? Ich habe eher den Eindruck, dass in Pornos (zum Beispiel in alternativen Pornos, aber zum Beispiel auch in Amateur-Pornos) sehr unterschiedliche Körper gezeigt werden (diversere Körper als beispielsweise auf Instagram und Youtube, woran sich Jugendliche wahrscheinlich eher orientieren). Und natürlich gibt es da manchmal auch Frauen mit langen Schamlippen und – leider selten – Männern mit kleinen Penissen (Warum spricht Bucher hier eigentlich nur von den möglichen Komplexen und Hemmungen von Mädchen?). Meiner Auffassung nach sollte die Vielfalt der Darstellung gefördert werden (warum nicht verschiedene Vulva- und Penisdarstellungen in Biologielehrbüchern?) und nicht die Verfügbarkeit pornografischen Materials eingeschränkt werden.

 

(2) Pornographie ist frauenverachtend – in geringerem Ausmaß als die meisten glauben

Wer sich nur ein wenig mit Pornografie beschäftigt hat, weiß: so vielfältig wie die sexuellen Phantasien der Menschen sind, so vielfältig ist auch Pornografie. Und natürlich gibt es Pornofilme, in denen Frauen tun, was Männer wollen und Szenen dargestellt werden, in denen Frauen von Männern (vermeintlich?) zu Dingen gezwungen werden, die sie nicht wollen. Nun gibt es zum einen sehr viele Menschen – und ja, auch Frauen – deren sexuelle Phantasien Elemente von Schmerz, (vermeintlichem) Zwang und Unterwerfung enthalten. Der amerikanische Sexualforscher Justin Lehmiller hat in einer Befragung von über 4.000 US-Amerikaner*innen herausgefunden, dass solche Phantasien aus dem BDSM-Bereich zu den häufigsten gehören. Pornografie bedient also auch hier teilweise Phantasien (genau so wie sie diese, zugegeben, auch anregt). Solange Pornokonsument*innen klar ist, dass es sich hier um inszenierte  Phantasien handelt und nicht um Handlungsanleitungen (und hier ist Aufklärung gefragt), ist dagegen meiner Ansicht nach so wenig einzuwenden, wie gegen Actionfilme, bei denen ja auch die wenigsten befürchten, die Zuseher*innen wollten die gezeigten Stunts nachturnen.

Zum anderen sind solche Darstellungen aber längst nicht so häufig und allgegenwärtig, wie manche glauben. Und vor allem: entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass Pornos in den letzten Jahren immer brutaler und frauenverachtender geworden seien, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. So hat ein Forscher*innenteam der McGill University herausgefunden, dass sich der Anteil von aggressiver non-konsensueller Pornografie unter den beliebtesten Filmen einer großen Pornoplattform zwischen 2008 und 2016 deutlich reduziert hat – von 13 % auf weniger als 3% (hier ein sehr guter Artikel über diese Studie). Videos, in denen Frauen deutlich Lust zeigten, gehören hingegen zu den beliebtesten. Dazu passen die Ergebnisse einer Studie, die zeigt, dass das Körperteil, das Männer am längsten betrachten, wenn sie (heterosexuelle) Pornos schauen, nicht etwa der Po oder der Busen einer Frau sind, sondern ihr Gesicht.

 

(3) Pornoportale verfolgen unternehmerische Interessen – ja, aber gibt es jemand, der/die ernstlich glaubt, sie täten das nicht?

Ja natürlich verfolgen Pornoportale unternehmerische Interessen – genauso wie Amazon, Etsy, Facebook, Youtube, Dawanda, Willhaben und übrigens auch der Biosupermarkt um die Ecke, das Schuhgeschäft, die lokale Buchhandlung, die Fahrschule, der Masseur, der Fahrradladen… Gibt es ernstlich irgendjemanden, den/die das wundert? Ob Pornoportale „Geldmaschinen“ sind (was immer das auch sein soll), kann ich nicht beurteilen, es würde mich allerdings auch nicht weiter stören, so lange sie ihr Geld mit ehrlichen Mitteln verdienen. Schon problematischer wäre ein „gesellschaftlicher Einfluss“ wie Bucher ihn unterstellt, wenn also Pornoproduzierende versuchten, auf Gesetzgebung und Forschung in diesem Bereich Einfluss zu nehmen. Eine solche Behauptung müsste aber erst einmal belegt werden.

Unternehmerische Interessen verfolgt übrigens auch die andere Seite: Therapeutinnen und Therapeuten, die mit „Entzugs-“ Therapien Geld verdienen, die vor allem in den USA boomenden Entzugskliniken und Entzugs(-online-)programme für vermeintlich Sex- oder Pornosüchtige, die übrigens nicht selten ultrareligiösen Gruppierungen und Organisationen nahe stehen und auch gerne mal die „Heilung“ von Masturbation und Homosexualität in ihrem Programm haben, und Vertreter*innen von NoFap-Bewegungen, die mit ihren Vorträgen und Büchern ebenfalls gutes Geld verdienen. Vor kurzem erst musste eine wissenschaftliche Zeitschrift ein Korrekturverfahren einleiten, weil ein bekannter Vertreter der NoFap-Bewegung in einem umstrittenen Paper seine eigenen kommerziellen Interessen nicht kenntlich gemacht hatte.

 

(4) Die Pornoindustrie drängt unerfahrene Mädchen in Darstellerinnenjobs und fördert damit den Menschenhandel –  das mag es geben, ist aber nicht die Regel

Wenn es wirklich so wäre, dass Menschen (warum spricht der Autor nur von Mädchen, was ist eigentlich mit männlichen Darstellern?) diesen Beruf nicht aus freien Stücken wählten, dann müssten sie ziemlich unglücklich sein. Dann wäre auch der Anteil der Personen mit psychischen Störungen in dieser Personengruppe deutlich höher. Und dann müssten unter ihnen deutlich mehr Personen mit Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sein. Irgendwoher müsste ihre Bereitschaft ja kommen, diesen schrecklichen Beruf auszuüben. All dies ist jedoch nicht der Fall, wie eine Studie des amerikanischen Psychologen James D. Griffith zeigt. Pornosdarsteller/in ist also durchaus ein Beruf, den Menschen freiwillig ergreifen (können) und teilweise auch gerne ausüben.

Womit Darstellerinnen und Darsteller allerdings tatsächlich zu kämpfen haben, ist das Stigma, das mit ihrem Job nach wie vor verbunden ist, mit der Tatsache, dass ihnen oft nicht geglaubt wird, dass sie diesen Job aus freien Stücken gewählt haben und dass er für sie in der Regel ein Job ist wie jeder andere auch, mit schwierigen, aber auch schönen Seiten. Oft wird ihnen sogar unterstellt, es könne etwas mit ihnen nicht stimmen, wenn sie solch eine Tätigkeit ausüben. Wir sollten meiner Meinung nach aufpassen, dass wir uns solcher Stigmatisierungen nicht ebenfalls schuldig machen, und seien sie noch so gut gemeint. In diesem Zusammenhang besonders bedenklich finde ich den Verweis auf Kindesmissbrauch und Kinderpornografie. Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass das schrecklich ist und entschieden bekämpft werden muss, aber was hat das mit legaler Pornografie mit erwachsenen Darstellerinnen und Darstellern zu tun?

 

(5) Pornographie macht süchtig – nein, hierfür gibt es keine ausreichenden Belege

Hier kommen wir zur zentralen Behauptung des Artikels. Denn ja, wenn Pornografie ein ähnliches Suchtpotential hätte wie Heroin oder auch nur Nikotin, dann müssten Jugendliche tatsächlich davor geschützt werden. Tatsächlich ist „Pornosucht“ allerdings keine anerkannte psychische Störung wie etwa Alkoholsucht oder auch Spielsucht.  Obwohl es einige Versuche verschiedener Interessensgruppen gab, sie dort zu verankern, findet sich Pornosucht in keinem der beiden großen Diagnosesysteme ICD und DSM.  Zwar wurde in die neuste Auflage des ICD, ins ICD 11, eine Störung namens Compulsive Sexual Behavior Disorder aufgenomen, aber weder geht es hierbei speziell um Pornographie, noch bedeutet das, dass es sich um eine Sucht handelt, dass also Sex im allgemeinen oder Pornokonsum im Besonderen als süchtig machend angesehen werden. Das gibt nämlich die Forschungslage einfach nicht her. Wenn Pornographie süchtig machen würde, müssten Konsument*innen immer mehr und/oder immer extremere Inhalte konsumieren. Das ist aber nicht der Fall. Interessant außerdem: wenn sich Menschen selbst für pornosüchtig halten, dann hat das mehr mit ihrer moralischen Einstellung gegenüber Pornografie zu tun als mit ihrem tatsächlichen Konsum (hier habe ich etwas darüber geschrieben).

Auch die von Bucher erwähnte Studie der Neuropsychiaterin Valerie Voon (dass es sich dabei um eine weibliche Wissenschaftlerin handeln könnte, hat Bucher wohl nicht in Erwägung gezogen), in der gezeigt wurde, dass Pornographie bei intensiven Konsumenten dieselben Gehirnregionen aktiviert wie Drogen bei Drogensüchtigen, ist da kein ausreichender Beleg. Das ist einfach ein „spezifisch“ ausgebildetes Belohnungszentrum. Ich würde mal vermuten, dass meines zum Beispiel besonders intensiv auf Schwarzwälder Kirschtorte reagiert. Trotzdem wird (hoffentlich) niemand auf die Idee kommen, mich deswegen für psychisch krank zu halten oder Kirschtorten zu verbieten.

 

(6) Pornokosum führt zu „statistisch bewiesener Zunahme an Vergewaltigungen, ehelich-häuslicher Gewalt, Trennungen und Job-Verlusten“ – nein, das ist so nicht richtig

Zunächst einmal: eine „statistisch bewiesene“ Zunahme von Vergewaltigung, ehelicher Gewalt etc. gibt es nicht. Über längere Zeiträume betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, sogar gesunken. Wenn die Zahl bestimmter Delikte wie zum Beispiel von Vergewaltigungen oder sexuellen Belästigungen zwischendurch (sprunghaft) ansteigt, ist das häufig darauf zurückzuführen, dass sich die Gesetzgebung geändert hat. So ist beispielsweise in Deutschland Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 überhaupt strafbar.

Doch selbst wenn all das zugenommen hätte, dann hieße das noch nicht, dass das auf vermehrten Pornografie-Konsum zurückzuführen wären. Betrachtet man den aktuellen Forschungsstand, wäre es sogar ziemlich unwahrscheinlich: so konnte der amerikanische Wissenschaftler Neil Malamuth in einem breit angelegten Review verschiedener Studien zeigen, dass der Konsum non-konsensueller Pornografie nur bei einer sehr kleinen Personengruppe das Risiko aggressiven Verhaltens erhöht: bei Männern, die aus anderen Gründen schon eine erhöhte Aggressionsneigung haben. Und wohlgemerkt, das gilt nur für Pornografie, in der nicht einvernehmlicher aggressiver Sex gezeigt wird, und für Kinderpornographie (die ja auch nicht einvernehmlich ist). Normale Pornografie, wie sie, wie wir oben gesehen haben, die meisten Menschen bevorzugen, dürfte hier nochmals deutlich harmloser sein. Sogar auf die sexuelle Zufriedenheit scheint ihr Konsum in der Regel keine negativen Auswirkungen haben – mit einer Ausnahme: bei streng religiösen Männern (hier ein guter Blogartikel dazu).

 

(7) Wir brauchen a) bessere Aufklärung b) Alternativen und c) gesetzliche Verbote – ja, ja und nein

Mehr Aufklärung ist immer gut, davon kann es nicht genug geben, die Initiative Achtung Liebe, bei der Studierende verschiedener Fächer Sexualaufklärung in Schulen machen, ist hier ein schönes Beispiel. Alternativen: ja, ebenfalls wichtig. Eine spannende Initiative ist hier zum Beispiel das Studierenden-Startup Feuer.zeug, das plant Pornos zu produzieren, die nicht nur feministischen sondern auch pädagogischen Standards genügen. Allerdings müsste hier die Bereitschaft bestehen, die entsprechenden Produkte auch angemessen zu bezahlen. Da Jugendliche nicht zur kaufkräftigsten Zielgruppe zählen dürften (wenn sie schlechten Porno umsonst haben können), sollte über (staatliche) Förderung guter Produktionen nachgedacht werden. Und es muss Zugänglichkeit gewährleistet sein: was hilft es, wenn diese Produktionen erst Erwachsenen zugänglich sind, während es bei kostenlosen Pornoportalen ausreicht, ein falsches Alter anzugeben? Verbote werden die wenigsten abhalten und gut gesicherte Altersprüfungen wecken erst recht das Interesse und damit die Motivation, sie zu umgehen. Abgesehen davon, dass sie meiner Meinung nach nicht nötig sind, denn nein, Porno ist nicht das Heroin des 21. Jahrhunderts – selbst dann nicht wenn darin – zum Entsetzen des Autors – „orgiastisch-animalisch“ gestöhnt wird und High Heels getragen werden.

 

Kathrin Gärtner ist promovierte Psychologin, lehrt wissenschaftliche Methoden und Sexualforschung und betreibt den populärwissenschaftlichen Blog Sex seriös

 

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