Wir müssen über Weiße sprechen

in Gastbeiträge/Gschichtln

Wer anti-rassistisch agieren will muss sich zuerst selbst verstehen. Ein Versuch der Aufklärung.

Liebe*r Leser*in, stell dir bitte den stereotypischen Weißen vor. Was heißt es weiß zu sein? Falls dies schwierig erscheint, gibt es dafür einen einfachen Grund: Weiße sind es nicht gewohnt, über die Bedeutung ihres Weiß-Seins nachzudenken. Warum auch? Weiß-Sein stellt in unserer Gesellschaft den Normalzustand dar und es gibt deshalb kaum Gründe auch darauf hinzuweisen. Blickt man in Zeitungsartikel, kommen Weiße gut ohne Label aus. Selten werden weiße Politiker*innen oder Schauspieler*innen auch so genannt. Alle gesellschaftlichen Regeln richten sich nach dieser scheinbar unsichtbaren Normvorstellung, angefangen von Schönheitsidealen bis hin zur Repräsentation in Politik und Medien.

Die Praxis, Menschen rassifiziert zu labeln, ist keine Frage des Aussehens, sondern eine Frage der Hierarchie

Zunächst sollte angemerkt werden, dass „Rasse“ das Produkt von Rassismus ist, und nicht umgekehrt. Die Praxis, Menschen rassifiziert zu labeln, ist keine Frage des Aussehens, sondern eine Frage der Hierarchie. Weiß-Sein bildet die Spitze dieser Hierarchie und kreiert resultierend daraus auch unsere Normvorstellungen. Da Weiß-Sein der Norm entspricht, ist es perfekt an unseren kulturellen Hintergrund angepasst. People of Color besitzen diesen Luxus jedoch nicht. In Diskussionen über Rassismus haben sie oft mit Vorwürfen der Überempfindlichkeit und Delegitimierung ihrer Erfahrungen zu kämpfen.

Hier lässt sich ein gesellschaftliches Muster erkennen: der (weiße) Bias zugunsten der Norm wird als Objektivität geframed und wahrgenommen. Abweichungen von der Norm werden dagegen oft als ideologisch oder irrational abgetan. Der vorherrschende Diskurs in den Medien trägt seinen Teil dazu bei. People of Color werden oft mit Begriffen wie „sozial benachteiligt“ in Verbindung gebracht. Im Gegenzug dazu werden Weiße selten als „bevorteilt“ oder „privilegiert“ beschrieben. Dieses Framing führt dazu, dass Rassismus oft als alleiniges Problem von People of Color dargestellt wird, während die Rolle von Weißen in der Machtstruktur verschleiert wird. Dies heißt natürlich nicht, dass Weiße nicht strukturell, etwa durch Armut, benachteiligt werden können. Es gibt wenige strukturelle Barrieren von denen nur People of Color betroffen sind, allerdings gibt es viele Barrieren, von denen People of Color überproportional betroffen sind, z.B. erschwerte Wohnungs– und Arbeitssuche.

„Ich bin kein Mörder, viele meiner besten Freunde leben!“

Da Weiß-Sein mit gesellschaftlicher Unsichtbarkeit einhergeht, werden Weiße nicht als Kollektiv wahrgenommen. Durch diesen Mythos der Individualität wird Rassismus nicht als systematisches Problem angesehen, sondern als Taten von Individuen. Für viele sind „echte“ Rassist*innen beispielweise nur diejenigen, die, überspitzt formuliert, mit Springerstiefeln und Hakenkreuztattoo herumlaufen. Rassismus wird so auf bewusste Handlungen reduziert. Daraus folgt die weit verbreitete Vorstellung, dass nur „schlechte“ oder unmoralische Menschen rassistisch denken und handeln können. Da sich die meisten Menschen selbst als gute und moralische Menschen wahrnehmen, führt dies zur falschen Annahme, dass man als „guter“ Mensch nicht an einem rassistischen System beteiligt sein kann. Diese beschränkte Auffassung von Rassismus trägt dazu bei, dass Weiße vorhersehbar mit überproportional großer Empörung reagieren, wenn sie mit ihrem eigenen Rassismus konfrontiert werden1. Besonders bei Liberalen und Progressiven wird ein Hinweis auf rassistische Denkmuster oder Handlungen sofort als Angriff gegen das aufgeschlossene und weltoffene Selbstbild empfunden.

Besonders bei Liberalen und Progressiven wird ein Hinweis auf rassistische Denkmuster oder Handlungen sofort als Angriff gegen das aufgeschlossene und weltoffene Selbstbild empfunden.

Die Reaktionen Weißer auf Rassismus sind derart vorhersehbar, dass es scheint als würden alle Weiße vom gleichen Skript ablesen, denn meist fallen die Reaktionen unter „color-blindness“ alá „Ich sehe jeden nur als Mensch (und daher kann ich kein Rassist sein)!“ oder vermeintlich weltoffene Hinweise auf Bekanntschaften oder den Freundeskreis wie „Ich bin aus Wien, und ich war auf Erasmus in Spanien!“. Floskeln wie diese dienen dem Sprechenden in erster Linie dazu, sich als „guten“ Menschen zu positionieren und sich somit Verantwortung zu entziehen, denn in argumentativer Hinsicht sind sie größtenteils wertlos und irrelevant. Erstere Aussage basiert auf einer Definition von Rassismus, die bewusstes Handeln als ausschlaggebendes Kriterium verlangt (d.h. Rassismus sind nur Handlungen, die mit voller Absicht von Individuen begangen werden). Zweitere Aussage impliziert im Umkehrschluss auch, dass Rassist*innen weder in Wien noch im Ausland leben könnten. Der Hinweis auf ein diverses Umfeld beruht auf der oberflächlichen Annahme, dass Rassismus durch Kontakt allein verschwindet. Soziale Konstrukte lösen sich nicht auf, nur weil Kontakt zwischen Gruppierungen besteht. Als Mann würde ich beispielsweise nie behaupten, dass mein Gender-Bias verschwindet, nur weil ich ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter und mehrere gute Freundinnen habe.

White fragility beschreibt die Tendenz von Weißen, mit offener Ablehnung bis hin zu Emotionen wie Wut oder Angst auf Rassismus zu reagieren.

Es folgt dadurch, dass eine Person of Color zwar freundlich auf Rassismus hinweisen kann, jedoch wird sie es aufgrund der obigen Dynamik schwerhaben, argumentativ zu Weißen durchzudringen. Die US-amerikanische Soziologin Robin DiAngelo benennt dieses Phänomen mit dem Begriff, „white fragility“. White fragility beschreibt die Tendenz von Weißen, mit offener Ablehnung bis hin zu Emotionen wie Wut oder Angst auf Rassismus zu reagieren. Zusammenfassend meint sie dazu: „If you call me [a white person] a murderer, I’ll just laugh, because I’m not a murderer. But if you call me a racist, I’ll lose my s***.”

Unsere eigenen psychologischen und emotionalen Blindspots sind, per Definition, schwierig zu erkennen, und die größte Hürde besteht wohl darin, diese auch als eine Form von Macht zu verstehen und wahrzunehmen.

 

Takeo Ogawa studiert Anglistik und Biologie in Wien. Gschichtldruckerei-Follower kennen ihn von der Veranstaltung Living Library zum Thema Alltagsrassismus.

 

1: Aktuelle Beispiele für dieses Phänomen gibt es auch in der österreichischen Politik, etwa als die EU-Abgeordnete Claudia Schmidt trotz zutiefst rassistischem Facebook Post beteuerte, dass sie keine Rassistin sei.

Im Verlaufe des Artikels werden oft englische Begriffe, wie People oft Color verwendet. Dies liegt daran, dass leider nur sehr wenig Werke (und somit Begriffe) zur Rassismusforschung übersetzt wurden. Zudem sollte den Leser*innen bewusst sein, dass Begriffe wie Race bzw. „Rasse“ oder Person of Color soziale Kategorien/Konstrukte beschreiben.

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