Fridays For Future: Wer, wenn nicht wir?

in Kreaktiv

Unsere Zukunft wird zerstört von Menschen, die die Folgen nicht mehr erleben werden, um kurzfristige Profite zu verzeichnen und ein desaströses Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten. Ein Besuch beim wöchentlichen Klimastreik am Heldenplatz.

Heyo, take me by the hand. Strong in solidarity we stand. Fight for climate justice, fight for climate ju-u-sti-ice. Heyo…

Der Gesang am Heldenplatz schwillt an. Eine große Gruppe Menschen, man kann sie fast nicht mehr Gruppe nennen, hält sich an den Händen und singt gemeinsam das alte Lied mit neuem Text, weil heute nicht mehr der Wagen angespannt und die goldenen Gaben eingeholt werden, sondern weil wir alle, hier und jetzt, für Klimagerechtigkeit einstehen müssen. Denn der Klimawandel, oder treffender die Klimakrise, ist die größte Bedrohung unserer Zeit. Und sie geht uns alle etwas an.

Schüler*innen, Studierende und Menschen allen Alters streiken gemeinsam

„Once you fully understand it, you can never go back“. Wenn du [die Klimakrise] erst einmal verstanden hast, gibt es kein Zurück mehr, sagte Greta Thunberg in einem Interview auf die Frage, warum sie begonnen hat, jeden Freitag alleine vor dem schwedischen Parlament zu streiken. Mit ihrem Aktivismus hat die 15-jährige Schülerin eine weltweite Bewegung ausgelöst, in deren Namen sich immer mehr junge Menschen in immer mehr Städten jeden Freitag versammeln und für Klimagerechtigkeit streiken. So auch in Wien, als Fridays For Future Vienna (FFF). Was die Bewegung fordert*, sind echte Maßnahmen zur Einhaltung des 1,5°C Ziels des Pariser Klimaabkommens**. Beschlossen wurde dieses Ziel bereits am Pariser Klimagipfel 2015, bei dem sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen seiner Erreichung verschrieben haben.

Das derzeit vorherrschende, neoliberale Wirtschaftssystem […] führt uns auf schnellstem Weg in die Klimakatastrophe.

Und doch scheint die Entwicklung zu stocken, wenn nicht sogar in die Gegenrichtung zu gehen: Deutschland zögert den Ausstieg aus der Kohleindustrie hinaus, in Österreich sollen fossile Großprojekte wie die 3. Flughafenpiste und der Lobautunnel gefördert werden und anstatt in nachhaltige Infrastruktur zu investieren, hat unser Verkehrsminister nichts Besseres im Sinn, als das Tempo-Limit auf den Autobahnen zu erhöhen. Blickt man auf andere Kontinente und Großmächte, sieht es noch düsterer aus – in den Vereinigten Staaten regiert derzeit sogar ein Präsident, der den wissenschaftlich belegten Klimawandel leugnet. Und in Brasilien lässt der neu gewählte Präsident Bolsonaro eines der wichtigsten Ökosytseme der Welt, den Amazonas, roden. Das derzeit vorherrschende, neoliberale Wirtschaftssystem, das seine Berechtigung auf immer weiteres Wirtschaftswachstum stützt, führt uns auf schnellstem Weg in die Klimakatastrophe – da endloses Wachstum nur mit der immer weiter steigenden Produktion von Konsumgütern, der Ausbeutung von Rohstoffen und somit dem Ausstoß von Unmengen an CO2 einhergeht.

Das wollen die Menschen am Heldenplatz nicht hinnehmen. Für die Mitinitiatorin des Streiks Katharina Rogenhofer ist eine große Motivation, dem Kampf für Klimagerechtigkeit hier Gehör zu verschaffen und öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die internationale Bewegung hat schon Weiteres erreicht: In Flandern (Belgien) musste die Umweltministerin unter dem Druck der Proteste zurücktreten und in Deutschland wurden Vertreter*innen von FFF zu einem Treffen mit der Kohlekomission eingeladen, erzählt Rogenhofer. Das alles beweist, welche Wirkkraft der Aktivismus eines einzelnen Menschen – in diesem Fall der Schülerin Greta Thunberg – entfalten kann und ist für Rogenhofer nur einer der zahlreichen Gründe weiterzumachen mit den Protesten.

Bei einer Tasse Tee können Passant*innen mit Klimaaktivist*innen ins Gespräch kommen – oder auch einfach nur ein bisschen Zeitung lesen.

Ein weiteres zentrales Anliegen der Bewegung ist, mit den Menschen ins Gespräch  zu kommen. Den Klimawandel in ihr Bewusstsein zu bringen, sie zum Nachdenken, Empören, Mitmachen anzuregen. Deswegen wird am Heldenplatz auch „Tea for Future“ angeboten, wo Passant*innen mit Klimaaktivist*innen über einer Tasse Tee ins Gespräch kommen können. Dabei geht es laut Rogenhofer in erster Linie um den Austausch von Meinungen und Sorgen und um’s Zuhören, nicht um dogmatisches Zureden – damit sich auch Menschen, die sich bisher nicht damit auseinander gesetzt haben, dem Thema öffnen.

Am Held*innenplatz treffen sich jeden Freitag Vormittag Klimaheld*innen – so lange, „bis sich etwas ändert“, wie eine Aktivistin sagt. Dort, wo die Klimakrise gemacht wird, wird auch dagegen protestiert – bunt, kreativ, ausdauernd und bestimmt. Zum 15. März 2019 hat die Bewegung FFF Vienna einen weltweiten Klimastreik*** ausgerufen. Zahlreiche Wissenschaftler*innen und öffentliche Personen haben sich bereits damit solidarisiert, immer mehr Schulklassen und Universitätsangehörige bestätigen ihre Teilnahme. Also sei auch du dabei!

*Die Forderungen von Fridays For Future Vienna sind im Einzelnen auf der Facebook-Seite oder der Website der Bewegung nachzulesen.

** Das 1,5°C Ziel besagt, dass sich bis 2030 das Durchschnittsklima um nicht mehr als 1,5°C erhöht haben darf. Schon eine Erhöhung um 0,5°C führt zu deutlich mehr Extremwetterfällen, wie Klimaforscher*innen ermittelten. Die Erwärmung des Klimas ist gekoppelt an den Ausstoß von CO2. Geht man danach, ist die Grenze der „zulässigen“ CO2-Menge bereits seit einigen Monaten überschritten. Beim 2°C-Ziel, „darf“ die Menschheit noch rund 17 Jahre lang weiter CO2 produzieren. Dem Sonderbericht des Weltklimarates zu Folge führt die gegenwärtige Klimapolitik zu einem Anstieg von mehr als 3 Grad.

***Facebook-Event für den 15. März

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