Ihr begeistert mich!

in Geschichten aus der NMS/Kolumnen

Ich darf es als Lehrerin ja nicht offen zugeben, aber die 3a ist meine Lieblingsklasse. Denn die Kinder sind sehr sozial veranlagt. Sie hassen Ungerechtigkeiten und empören sich berechtigterweise über alles, was ihnen ungerecht erscheint. Sie diskutieren gerne über verschiedenste Themen und mögen Gruppenaktivitäten. Wenn es hart auf hart kommt, unterstützen sie sich gegenseitig. Und dies, obwohl die Klasse heterogener nicht sein kann. Tatsächlich ist die Klasse relativ klein, aber kulturell sehr vielfältig. Insgesamt sind es achtzehn Kinder, die aus neun unterschiedlichen Herkunftsländern stammen. Einerseits ist dies eine riesige Bereicherung für die Klasse, andererseits führt dies nicht selten zu Missverständnissen und kleinen Streitigkeiten unter den Mitschüler*innen. Unter den Lehrer*innen ist die 3a nicht sehr beliebt. Trotzdem wissen die anderen Lehrer*innen die Stärken der Klasse auch zu schätzen. Mein Kollege drückt es leicht ironisch aus: „Die 3a hat Charakter.“

Dabei gibt es mehrere Faktoren, welche die Klasse divers, aber auch problemanfällig machen. Einerseits kommen einige Schüler*innen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ein Mädchen, beispielsweise, wohnt im Heim. Manche Kinder haben so viele Geschwister, dass sie selbst gerne freiwillig länger in der Schule bleiben, weil es dort ruhiger ist. Wir haben sechs sogenannte Integrationskinder. Diese Schüler*innen haben Lernschwierigkeiten oder leichte körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. Ein Schüler hat letztes Jahr seinen Vater verloren und sitzt seitdem nur apathisch im Unterricht. Drei Kinder sind nach einer langen Flucht erst vor drei Jahren in Österreich angekommen und lernen seitdem Deutsch. Seit einer Woche haben wir einen neuen Schüler aus Syrien, der weder Deutsch noch Englisch spricht. Viele Schüler*innen, unabhängig davon, wie lange sie schon Deutsch können, haben ein Problem, sich differenziert auszudrücken. Wenn zum Beispiel ein*e Mitschüler*in nervt, dann heißt es: „Oida, halt die Fresse, bist du behindert?“. Daran müssen wir noch arbeiten.

Dieses Jahr unterrichte ich in dieser Klasse unter anderem das Fach Berufsorientierung.

Das Thema, das gerade auf dem Lehrplan steht: Der Gender Pay Gap. Ich muss zugeben, ich habe schon ein bisschen Bammel vor dieser Unterrichtseinheit. Ich frage mich, ob ich das Thema altersgerecht (13-14 Jahre) und verständlich erklären kann. Außerdem bin ich auf die Reaktionen der Schüler*innen auf dieses Thema gespannt. Denn viele Kinder in der Klasse kommen aus sozial schwachen Familien, in denen die Mütter zum Großteil keine bezahlte Arbeit verrichten. Die Kinder aus Afghanistan erzählen mir zum Beispiel, dass sie in ihrem Heimatdorf noch nie eine Frau haben arbeiten sehen. Wie soll ich bei diesem Hintergrundwissen der Kinder die Stunde vorbereiten? Muss ich mit Vorurteilen rechnen?

Am nächsten Tag teile ich einen Zeitungsartikel zur Gehaltsschere in Österreich aus, wir lesen ihn gemeinsam, klären das Vokabular und los geht’s mit dem Beantworten der Fragen. Kurze Zeit später ruft Selma ungehalten aus der dritten Reihe: „Oida, Frau P., das ist ja ur-unfair!“ Die Empörung über die Gehaltsschere ist groß und mündet sogar in leichten Aggressionen gegenüber der Ungleichheit. „Verdienen Sie auch weniger als Herr S.?“ Auch die Burschen sind aufgebracht: „Was soll das? Nur weil die Frauen sind!“.

Ich erkläre ihnen, in welchen Berufen das Gehalt gleich hoch ist und in welchen Bereichen nicht. Wir diskutieren darüber, was man gegen diese Ungerechtigkeit tun kann und welche Argumente es dagegen gibt. Sie hören gespannt zu, machen Vorschläge und Pläne über ihre eigene berufliche Zukunft. Wir kommen vom Einen ins Andere. Letztlich mündet die hitzige Diskussion im Diskurs „Diskriminierung am Arbeitsplatz“. Ein Bursche erzählt von seiner Schwester, die wegen ihres Kopftuches am Arbeitsplatz diskriminiert wird. Ein anderer Schüler ruft daraufhin: „Ja, bei meiner Schwester ist das auch so!“. Wir sprechen darüber, warum es diese Machtverhältnisse gibt und wie wir damit im Berufsleben umgehen können. Schon lange habe ich nicht mehr so eine Energie in der Klasse gespürt. Auch wenn die Stunde nicht wirklich nach Plan verläuft, merke ich, dass wir mitten im Lernprozess sind. Diese Diskussion werden sie sicherlich nicht so leicht vergessen.

Am Ende der Stunde möchte ich das Wichtigste nochmal wiederholen: „Wer kann nochmal in wenigen Worten zusammenfassen was die Gehaltsschere ist, bzw. wie sie aussehen sollte, damit Gleichberechtigung in der Bezahlung von Mann und Frau herrscht?“. Ein Integrationsschüler, der sich sonst sehr selten meldet und weniger gute Noten hat, springt mit seiner Bastelschere auf, klappt sie zuerst auf, dann zu, und ruft: „So sollte es aussehen, Frau P.! Wenn die Schere geschlossen ist, dann ist gleichberechtigt.“

In meiner Ausbildung habe ich immer wieder eingeprägt bekommen, die Kinder begeistern zu müssen, damit sie etwas lernen. Doch meist ist es umgekehrt. Die Schüler*innen begeistern und überraschen mich immer wieder aufs Neue mit ihrem Gespür und Drang gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Ich gehe glücklich aus dem Klassenzimmer und nehme mir vor, in Zukunft Vorurteilen gegenüber den Familienverhältnissen der Kinder keinen Raum mehr zu geben. Wenn man nämlich bedenkt, dass diese Kinder trotz ihrer teilweise schwierigen sozialen Hintergründe, diese Sensibilität für gegenwärtige soziale und feministische Themen aufbringen können, dann bin ich mehr als zufrieden, und mach’ mir um die Zukunft unserer Gesellschaft keine Sorgen, oida!

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