Chronik der laufenden Ereignisse

in Reisen/Schwerpunkt-Themen

steht auf dem kleinen schwarzen Notizbuch, das mich letztes Jahr auf meinem Weg von einem kleinen Dorf in den französischen Pyrenäen bis ans Ende der Welt begleitet hat. Es ist abgegriffen, aber die Schrift schimmert immer noch blau wie das Meer, dessen Bild mich jedes mal zu einem weiteren Schritt, einem weiteren Kilometer, einem weiteren Tag, bewegt hat. Mein Camino bestand aus unzähligen Momenten puren Glücks, purer Zufriedenheit, purer Freude – aber in ebenso vielen Momenten habe ich mich selbst verflucht überhaupt den ersten Schritt gemacht zu haben, habe alles in Frage gestellt, wollte mich einfach nur zusammenrollen, weinen und aufgeben.

Die Idee, fast tausend Kilometer quer durch ein Land zu laufen, das man in wenigen Stunden mit Bus, Bahn oder Auto durchqueren kann – und das um einiges komfortabler, schneller und billiger, als zu Fuß – erhält doch gerade durch ihre Absurdität erst ihren Reiz. Ich bin losgelaufen, weil ich etwas zu Ende bringen wollte, weil der Gedanke, bis ans Ende der Welt, Schritt für Schritt bis ans Meer zu laufen, mich so eingenommen hatte, dass mein Ziel nicht Santiago war, sondern der Moment, in dem ich die Sonne endlich im Meer untergehen sehen würde. Ich bin auf den Punkt zugelaufen, an dem kein Schritt mehr möglich war – zumindest nicht geradeaus.

Jedes Mal, wenn ich mich hinsetzte um festzuhalten, was diese sechs Wochen für mich so besonders gemacht hat, endet in einem Gefühl der Wortlosigkeit; der Unfähigkeit, in Worte zu fassen, was diese Zeit mit mir gemacht hat. Wie es sich angefühlt hat, morgens vor der Sonne aufzustehen, um die ersten Stunden des Tages nur mit dem Weg unter den Füßen und dem langsam lauter werdenden Zwitschern der Vögel zu verbringen. Mit jeden Schritt ein wenig wacher, der Himmel ein wenig heller. Das Gefühl, nach einem unendlichen Tag im Nichts der Meseta, begleitet nur von dem Geräusch des Windes in den Weizenfeldern und der erbarmungslosen Sonne im Gesicht, plötzlich die Spitze des Kirchturms in der Ferne zu sehen, die endlich das nächste Dorf und damit Schatten und kaltes Wasser ankündigt. Der Moment, in dem man nach einem solchen Tag völlig entkräftet auf einem dreibeinigen Plastikhocker im Flur einer Herberge zusammenfällt und sich nichts mehr wünscht, als sich endlich die über die Stunden unerträglich schwer gewordenen Schuhe von den geschundenen Füßen zu reißen. Die Gänsehaut, die einen dann überfällt. Das Blasenpflaster, das einem ein Pilgerbruder oder eine Pilgerschwester lächelnd zusteckt, wenn man verzweifelt seinen Fuß betrachtend am Wegrand sitzt.  Ein zugerufenes „Buen Camino!“, das letzte freie Bett in einer Herberge an einem Tag, an dem man keinen einzigen Schritt mehr hätte tun können. Die alte Dame, die einem hinterherläuft um zu erklären, dass man hier auf dem falschen Weg ist, ob einem denn nicht aufgefallen sei, dass es hier keine gelben Pfeile gibt. Dass das aber kein Problem wäre, sie sei den Camino schon fünf Mal gelaufen und kenne eine wunderschöne Abkürzung. Der alte Bauer, der einen an einem nebligen Morgen in den Bergen Galiciens fragt, warum man denn alleine unterwegs ist, wo denn der Verlobte sei. Dem man erklärt, dass es keinen Verlobten gibt und man gerade eigentlich ganz glücklich darüber ist. Der daraufhin kopfschüttelnd meint, ohne seine Frau – das wäre kein Leben.

Das Gefühl, sich abends zu fremden Menschen an einem Tisch zu setzten und wenige Minuten oder einige Stunden später aufzustehen und da plötzlich eine Verbindung zu spüren. Eine Verbindung zu Menschen, die man in seinem Alltag niemals getroffen hätte, weil sie zu anders, zu uninteressant oder einfach zu weit weg gewesen wären.

Dieser kleine Streifen Land hundert Kilometer unter der spanischen Nordküste schafft eine Welt, die viel zu friedlich scheint, um wirklich zu existieren. In der jeder jeden respektiert und schätzt, weil alle etwas gemeinsam haben.

Es sind die Menschen, mit denen man fast jeden Abend ohne es zu planen im selben Dorf landet und die mit der Zeit wie eine kleine Familie werden, die diesen Weg so besonders machen. All die Geschichten, die man erzählt und erzählt bekommt, den Weg unter den Füßen oder eine Flasche Wein auf dem Tisch vor einem. Der Regen, der ununterbrochen vom Himmel fällt und dank dem seit drei Tagen kein Kleidungsstück mehr trocken wird. Die Nächte in den nach einer Mischung aus Wollwandersocken und Tigerbalsam riechenden Schlafsälen unzähliger Herbergen, das Schnarchen. Jeden Tag der selbe und doch jeden Tag ein neuer Ablauf, der durch seine Einfachheit einen Raum in den Gedanken entstehen lässt, der vorher nicht da war.

Diese eine, die letzte Nacht, die man durchgewandert ist. In der nach einem langen Tag  beim Abendessen beschlossen wurde, dass Santiago doch nur noch 45 Kilometer entfernt ist und, dass man, wenn man jetzt losläuft, mit dem Sonnenaufgang auf dem Hügel über der Stadt steht. Etliche Stunden auf dem Platz vor der Kathedrale, voller Wiedersehen und Tränen des Glücks und der Erleichterung. Die Tauben auf den Kirchturmspitzen. Ein Mann mit Gitarre im Säulengang. Eine Frau, die Halleluja singt.

Bilder, wie aus einem viel zu kitschigen Film. So scheinen sie aber erst jetzt, wo ich darüber schreibe – vielleicht entsteht Kitsch erst in der Erzählung.

Der Moment, in dem man nach fast tausend Schritten dieses Blau durch die Bäume schimmern sieht, das endlich, endlich nicht mehr das Blau des Himmels, sondern das Meer ist. Das Gefühl, den Rucksack in den Sand zu werfen und ins Wasser zu laufen. Mit der ersten Welle, die die Zehen berührt, zu verstehen, dass man es geschafft hat.

Und abends, in Finisterre, fällt die Sonne vom Rand der Welt. 

Lia Knote

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