Die Fabel vom Nachtzug-Comeback

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Berichte über den Zustand des europäischen Nachtzugsystems scheinen von einem Extrem ins andere zu schwenken: Im März 2017 schrieb der Guardian noch ein Requiem für das Nachtzugsystem, zwei Jahre später titelte die New York Times „Once Threatend, Europe’s Night Trains Rebound“. Wurde in einer Spanne von zwei Jahren der Spieß wirklich um 180 Grad herumgedreht? Und ermöglicht der Nachtzug-Boom ein klimafreundliches Reisen und eine wirkliche Alternative zu Billigfliegern?

Eine Bestandsaufnahme

Von einem Comeback der Nachtzüge in ganz Europa zu sprechen, wäre stark verallgemeinernd. Ja, es wird dort und da ein Ausbau zumindest angedacht. Die schwedische Bahn plant etwa einen Ausbau ihres Netzes in den nächsten Jahren, Destinationen wie Hamburg oder Amsterdam sollten per Nachtzug erreichbar sein. Wann dieser Ausbau jedoch kommt, steht momentan noch in den Sternen. Trotz Forderungen der schwedischen Grünen, den Prozess zu beschleunigen, würde von Seiten der Schwedischen Bahn ein späterer Zeitpunkt bevorzugt werden. Nämlich erst, wenn das Projekt „Feste Fehmarnbelt-Querung“ (eine Tunnelverbindung zwischen Dänemark und Deutschland) fertiggestellt wäre – damit würde sich die Fahrtzeit auf dieser Strecke massiv verkürzen. Der Bau des Tunnels wurde jedoch noch nicht begonnen, mit einer Eröffnung vor 2028 ist nicht zu rechnen.

Auch aus der Schweiz kommen positive Signale, in Kooperation mit der ÖBB soll auch hier der Nachtverkehr erweitert werden. Hier fehlt es aber an passenden Zügen. Die eigenen wurden bei der Einstellung der Nachtzüge 2009 verscherbelt, nun dürfte es mindestens zwei bis drei Jahre dauern, bis neues Rollmaterial angeschafft werden kann. Weitere Indizien für das Revival der Nachtzüge findet man in Tschechien und der Slowakei. Die private Eisenbahnlinie Regiojet bietet seit 2017 einen Nachtzug von Prag nach Košice an. Durch eine Verlegung von Normalspurgleisen ist auch die Weiterfahrt in die Ukraine von Košice aus erleichtert.

Dem in diesen Ländern angekündigten und teils auch schon verzogenen Ausbau steht jedoch ein massiver Rückbau in etlichen anderen europäischen Ländern gegenüber. In Frankreich wurden seit 2016 etliche Routen eingestellt, besonders international gibt es kaum mehr Verbindungen. So wurden sowohl die Nachtzüge von Paris nach Madrid und Lissabon als auch jener nach Barcelona gestrichen. Während nach Barcelona eine brandneue TGV-Verbindung als Ersatz eingeführt wurde, ist die Zugreise nach Portugal oder Madrid nur mehr mit einigen Umstiegen möglich. Die Deutsche Bahn strich gar alle Nachtverbindungen. Zwar wurde ein Teil von der ÖBB übernommen, jedoch stehen unterm Strich einige Nachtrouten weniger im Fahrplan.

Nachtzug vs. Billigflieger

Die teils stattfindende Rückbesinnung zu Nachtzügen bei Europas Eisenbahngesellschaften wurde sicherlich angetrieben von den sich gerade im Aufschwung befindlichen Umweltbewegungen, wie etwa den Fridays for Future. Zugreisen sind nicht mehr nur für nostalgische, ex-interrailreisende Mittfünfziger*innen, sondern plötzlich auch eine Option für viele Junge, die aufs Reisen nicht verzichten wollen, aber dabei den Planeten auch nicht in Existenzprobleme bringen möchten. Warum Nachtzüge eine gute Alternative zum kontinentalen Flugverkehr sein könnten, liegt auf der Hand. Neben den offensichtlichen ökologischen Vorteilen, könnten vor allem andere Bequemlichkeiten den Umstieg auf die Schiene versüßen. So spart man sich den langwierigen Check-In ebenso wie eine zusätzliche Hotelübernachtung. Ob man spätabends in den Nightjet von Wien nach Rom einsteigt, oder erst frühmorgens nach Schwechat koffern muss, um seinen*ihren Flug zu erwischen, macht kaum einen Unterschied. Man kommt vielleicht sogar entspannter direkt in der römischen Innenstadt an und sitzt um 10 Uhr bereits bei einem Espresso am Piazza Navona, anstatt im stickigen Flughafenbus.

Jedoch wird es wohl trotzdem in den nächsten Jahren nicht zu einer massiven Verschiebung auf die Schiene kommen. Einerseits ist das unverhältnismäßig billige Fliegen für viele eine große Versuchung. Billig-Airlines, die seit dem Ende der 1990er den internationalen Zugverkehr immer weiter verdrängten, werden sich auch weiterhin als schwer zu bezwingende Konkurrenz erweisen. Ein klimafeindliches Steuersystem ermöglicht Flüge von Wien nach Krakau ab 30 Euro hin und retour. Da wird schnell mal ein spontanes verlängertes Wochenende gebucht, anstatt auf die direkte Bahnverbindung zurückzugreifen, die bei vergriffenen Sparschiene-Tickets jenseits der 100 € kosten kann.

Und auch auf Seite der Bahnunternehmen ist vieles nicht vorbereitet auf einen großen Boom: Ein verkrüppeltes internationales Netz aufgrund von Sparprogrammen, wenige und veraltete Zuggarnituren und fehlende Kooperation unter den europäischen Bahngesellschaften sind nur einige von vielen Problemen. Schlussendlich gibt es noch den Konkurrenzaspekt zwischen Klima- und Naturinitiativen. Etliche Investitionsprojekte in Schienennetze und vor allem Tunnel, welche den klimafreundlichen Transport von Waren und Menschen innerhalb Europas beschleunigen und diesen somit zu einer wirklichen Alternative zum Flug- und Straßenverkehr machen würden, stehen häufig (und so gut wie immer auch berechtigterweise) aufgrund von starken Eingriffen in die örtliche Umwelt in der Kritik von Naturschutzaktivist*innen. Diese Projekte kommen dabei häufig ins Stocken, teils auch zum Komplettstopp. Betroffen ist davon auch die zuvor erwähnte Feste Fehmarnbelt-Querung, welche die Fahrtdauer von Zügen zwischen Skandinavien und Kontinentaleuropa spürbar verkürzen würde.

Per Nachtzug in die Zweiklassengesellschaft?

Wird tatsächlich mal in den Ausbau investiert, steht ein weiteres Problem an: Klimafreundliche und -schützende Produkte werden von gewieften Wirtschaftstreibenden gerne für jenes Klientel zur Verfügung gestellt, welche auch die Zeit und Muße haben, sich den Kopf über diese Fragen zu zerbrechen. Mit hochpreisigen Gütern ist zwar die Zielgruppe klein, die Profitmargen sind jedoch wesentlich höher. Manche Bahngesellschaften scheinen in letzter Zeit dieser Versuchung nachgegeben zu haben. So etwa kostet ein Hinfahrt-Ticket im Nachtzug von Nizza nach Moskau jenseits von 350 € – für Frühbucher*innen! In Großbritannien wurde der Reboot des Caledonian Sleepers, der London über Nacht mit Schottland verbindet, groß als klimafreundliche Alternative zu Inlandsflügen vermarktet. Die nigelnagelneuen Zuggarnituren sehen zwar schick aus, kamen aber mit einer spürbaren Preisverteuerung der Tickets. Dafür gibt’s aber Haggis, geräuchertes Wildbret und eine größere Whiskyauswahl – danke dafür! Mit dieser Luxusvariante kann man vielleicht die etwas über 100 Betten halbwegs auslasten, jedoch wird hier keine wirkliche Alternative entwickelt. Dafür dürfte es sich besser rentieren. Genügend gutsituierte Lifestyle-Klimaschützer*innen sollten zu finden sein, immerhin eignen sich die Doppelbetten in den luxuriösen Kabinen für tolle Instagram-Posts.

Doch genau so darf sich der Bahnverkehr nicht entwickeln! Ein gutes Klimagewissen für jene, die es sich leisten können, alle anderen sollen auf Balkonien verweilen oder sich eben dem Flight-Shaming aussetzen – das kann und darf nicht die Lösung sein. Stattdessen braucht es mehr staatliche Investitionen, einen Ausbau und Intensivierung des Bahnverkehrs und eine Preisgestaltung, die allen und nicht nur wenigen klimafreundliches Reisen ermöglicht. Eine wirklich durchdachte gesamteuropäische Strategie zu Förderung der Bahn (nicht nur in der EU, sondern auch in angrenzenden Ländern, wie den Westbalkanstaaten) und eine EU-weite Besteuerung von Kerosin wären auch nicht so verkehrt. Kein einfacher Weg – doch wer in ein paar Jahrzehnten beim Verlassen eines Zugs in Amsterdam nicht die Schwimmflügel anlegen will, hat keine Alternative.

Titelbild: Tobias Köhler (CC BY-SA 4.0), https://en.wikipedia.org/wiki/Nightjet#/media/File:Schlafwagen_D-%C3%96BB_61_80_72-90_040-9_EN_464_Z%C3%BCrich_HB.jpg

Quellen:

https://www.theguardian.com/uk-news/2019/apr/27/london-scotland-revamped-train-sleeper-romance-revival

https://www.nzz.ch/schweiz/die-sbb-pruefen-den-ausbau-der-nachtzugverbindungen-ld.1485797

https://www.wsj.com/articles/dream-vacations-the-new-age-of-sleeper-trains-11553255489

https://www.citylab.com/transportation/2019/04/europe-night-train-sweden-eco-travel-sleeper-car-fossil-free/586228/

https://web.archive.org/web/20190113184908/https://www.taz.de/!5556132/

https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/mar/30/requiem-overnight-sleeper-european-train

https://www.theguardian.com/travel/2016/may/10/france-waves-goodbye-to-sleeper-trains

https://www.theguardian.com/world/2014/sep/12/europe-night-trains-sleeper-service

https://www.independent.co.uk/travel/news-and-advice/trains-europe-rail-connection-plovdiv-bulgaria-turkey-greece-athens-a8947691.htmlhttps://www.thelocal.se/20190331/sweden-to-invest-in-night-trains-to-continent

https://www.nytimes.com/2019/06/11/travel/europe-overnight-trains.html

https://www.businesstraveller.com/news/2016/02/01/deutsche-bahn-to-axe-all-sleeper-trains/

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