Unruhe, bitte!

in Gschichtln

8 Klimaausreden und warum sie nicht gelten.

Leute, wir müssen reden! Wir sind in einer Krise. Treibhausgase haben zu der höchsten Konzentration an CO2, Methan und Stickstoffoxid in der Atmosphäre seit 800 000 Jahren geführt[1]. Eine Million Tiere und Pflanzen sind vom Aussterben bedroht[2]. Der Anstieg der Meeresspiegel allein wird in den nächsten Jahrzehnten zu 200mal mehr Geflüchteten führen als die Syrienkrise[3]. Immer noch sprechen wir von „Wandel“ oder „Erwärmung“. Aber – wie Greta Thunberg in Wien sagte – wir müssen es beim Namen nennen: es ist eine Klimakrise[4].

Vielen wird mulmig. Mehr Debatten werden öffentlich um den Klimawandel geführt. Doch die große Unruhe, die einer Krisensituation angemessen wäre, bleibt aus. Eine Krise heraufbeschwören kann gefährlich sein – und um den sozialen Frieden (und unser Gewissen) zu beruhigen, hagelt es Ausreden. Manchmal braucht Frieden mehr Ehrlichkeit, mehr offene Gespräche, mehr Raum für Konflikte. Wir müssen ehrlicher über die Krise reden, in der wir stecken. Oft sind es allerdings die sich immer wiederholenden Argumente, mit denen wir versuchen, uns aus der Verantwortung zu ziehen. Hier acht Erwiderungen:

„Ich gehe immer mit Stofftasche einkaufen.“

Das ist schön. Immerhin ein Anfang. Mehr aber auch nicht. Stückweise Veränderungen innerhalb existierender Systeme reichen nicht aus[5], wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommen erreichen wollen. Die verlangen von uns eine jährliche Reduktion von Treibhausgasen von mindestens 15%[6], um zu null Treibhausgasemissionen bis 2050 zu kommen. Das Stoffsackerl und der wiederverwendbare Kaffeebecher sind nett. Und bequem. Es braucht praktisch keine Anstrengung, in Größen von Plastikflaschen zu denken. Wir müssen uns mehr anstrengen und auch über Privilegien, die uns nicht leichtfallen aufzugeben, nachdenken. Für junge Erwachsene und Studierende, wie mich selbst, ist das regelmäßige und unnachhaltige Reisen aufzugeben, z.B. per Flugzeug, wie Freund*innen und Familie im Ausland zu besuchen, oder eine internationale Karriere.

„Als Einzelperson kann ich sowieso nichts tun. Das sind politische Entscheidungen.“

Stimmt. Deshalb auch mein Zynismus über Stoffsackerl. Aber warum sollte „die Politik“ etwas tun, wenn es niemand einfordert? Nischen-Experimente zeigen – Leben, das nicht auf einem ständigen Mehr und Konsumanstieg basiert, ist möglich[7]. Beispiele dafür sind Tausch-Initiativen, Food-Coops und solidarische Landwirtschaft/Community Support Agriculture, oder neue zirkulare Dörfer, z.B. in den Niederlanden[8]. Sie geben uns die Vorstellungskraft, aus aktuellen Denkmustern auszubrechen. Außerdem vergessen wir, dass es Gemeinschaften und Gruppen gibt und immer gegeben hat, die nach anderen Idealen als den dominanten, westlichen leben. Zum ersten Mal fließen nun auch Indikatoren und Wissen von indigenen Gruppen in globale Klimaforschung ein, z.B. in den IPBES-Bericht[9]. Doch der Mangel an Vorstellungskraft lähmt uns, wir drehen uns im Kreis. Politiker*innen sollen Vorbilder sein. Aber sie brauchen auch Vorbilder.

Ich kann auch der Überlegung „Soll ich meinen Lebensstil ändern oder mich doch lieber politisch engagieren?“ wenig abgewinnen. Es ist kein Entweder-Oder. Ich bin Teil einer Kultur, verschiedener Strukturen und Systeme[10]. Es gibt keine klare Trennung zwischen Einzelperson und Struktur. Ich bin Struktur, Struktur bin ich. Außerdem ist mein persönliches Verhalten eine Frage der Integrität. Als Studentin, die mehr Klimagerechtigkeit fordert, kann ich nicht jeden Monat shoppen gehen oder täglich Fleisch essen. Deshalb haben für mich auch Entscheidungsträger*innen, NGO-Chefs und Akademiker*innen ihre Glaubwürdigkeit verloren, wenn sie in einem Moment den Klimawandel als wichtiges Thema deklarieren und im nächsten Moment in ein Flugzeug steigen, um an einer Konferenz am anderen Ende der Welt teilzunehmen. Als ich nach England mit dem Zug gefahren bin, waren viele überrascht („Das geht?!“), amüsiert („Lieb! Wie idealistisch“) oder ungläubig („Wie dumm, mehr zahlen und länger brauchen!“). Nein, ob eine Person das Flugzeug verweigert macht keinen großen Unterschied. Aber es stößt Überlegungen an, in mir selbst und in meinem Umfeld. Es eröffnet Gespräche und steigert die Vorstellungskraft.

„Der Klimawandel ist nicht meine Priorität.“

Letzte Woche ist an der Uni plötzlich der Feueralarm losgegangen. Was haben wir gemacht? Wir sind aufgestanden, haben alles stehen und liegen gelassen (okay, die meisten von uns haben schnell noch ihr Handy eingepackt) und sind rausgegangen. Wir haben nicht überlegt, ob es unsere Priorität ist, bei Feuer aus dem Haus zu laufen. Wir sind nicht sitzen geblieben und haben erklärt, dass es unsere eigene Entscheidung und eine Frage der persönlichen Freiheit ist, auf Feueralarm zu reagieren. In der Situation waren wir uns nicht sicher, ob es ein echter Feueralarm ist. Aber die Möglichkeit, dass eine Katastrophe passiert, dass wir verbrennen könnten, hat gereicht, unsere Routine zu unterbrechen.

Wenn auch nur eine geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass bestimmte Katastrophen mit jener Auswirkung eintreffen, die uns Wissenschaftler*innen vorhersagen, müssen wir reagieren. Aufstehen und Rausgehen ist das Mindeste. Nicht alle haben das Wissen oder die Ausrüstung, den Brandherd ausfindig zu machen und das Feuer zu löschen. Vor allem Menschen, die in Armut, inmitten von Konflikten, ohne Bildung etc. leben, müssen nicht die gleiche Verantwortung tragen. Ihre Priorität kann eine andere sein. Sie haben meist auch weniger zur Brandursache beigetragen. Hier kommt Gerechtigkeit ins Spiel. Doch wir, die europäische Mittelschicht, haben viel zur Katastrophe beigetragen. Oder wir profitieren von umweltschädlichen Praktiken unserer Vorfahren. Die Verantwortung tragen all jene, die antworten können – das englische Wort für Verantwortung beschreibt das: responsibility – the ability to respond.

Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssen wir Verbindungen zu unseren Arbeits- und Lebensbereichen herstellen. Die Klimakrise ist kein abgeschottetes Thema. Sie beeinflusst ziemlich wahrscheinlich die Prioritäten von allen, die das hier lesen: Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Landwirtschaft, Technik, eure Kinder, Familien und Freund*innen. Doch wir haben den Überblick über diese Verbindungen verloren. Oder wollen sie nicht sehen.

„Schön, dass die Jugend politisch ist.“

Das habe ich öfters von (älteren) Erwachsenen als Kommentar auf die Klimastreiks und die Fridays For Future-Bewegung gehört. Was wir als junge Generation brauchen, ist kein Kopftätscheln, kein verständnisvolles Nicken. Wir stellen die Frage: Um was geht es wirklich? Und warum sind wir an dem Punkt, an dem wir nun sind? Vor mehr als 30 Jahren wurde der erste umfangreiche Bericht über Klimawandel veröffentlicht[11] und seit den 60er Jahren gibt es Forschungen, die den Schlamassel voraussagt, in dem wir stecken. Ich frage meine Eltern- und Großelterngeneration: Warum habt ihr nichts gemacht? Und warum macht ihr jetzt nichts? Ist euch unsere Zukunft egal? Ich will kein Schulterklopfen. Ich will mutige Entscheidungen.

„-.“

Stille. Das ist besonders hart. Wir sprechen nicht darüber. Es ist zu unwichtig, zu kompliziert oder zu überfordernd. Es kann vielleicht zu Konflikten führen, wir sind uns nicht einig, und wir wollen einander ja nicht dreinreden. Jede*r so, wie er*sie will. Wie machen wir die Klimakrise zum Thema? Auch wenn es unangenehm ist? Wir brauchen Räume für solche Konflikte. Wir müssen uns herausfordern. Wir können dem Feuer vielleicht den Rücken zudrehen, aber irgendwann werden wir die Hitze spüren, den Rauch in den Hals bekommen, die Augen tränen. Dann wird es schwer sein, uns zuzuhören und herausfordernde Gespräche zu führen.

„Wir brauchen mehr Effizienz und technische Lösungen.“

Dass Technik Teil der Lösung sein muss, ist klar. Sie kann aber auch Teil des Problems werden. Nicht automatisch führen Anwendungen, die z.B. den Ressourcenverbrauch von Fahrzeugen verbessern, zu niedrigeren Emissionen im Allgemeinen. Es kommt zu Rebound-Effekten: Effizientere Geräte führen zu weniger laufenden Kosten, weswegen sie oft mehr verwendet werden. Effizientere Autos führen nicht unbedingt zu weniger Ressourcenverbrauch, z.B. wenn wir deswegen mehr mit ihnen fahren. Und auch E-Autos sind nicht CO2- neutral. Sie brauchen Strom und große Mengen an Rohstoffen, z.B. Lithium, für ihre Herstellung. Einsparungen in einem Bereich verpulvern wir oft in anderen Bereichen. Wenn der Verzicht auf Plastikverpackungen das Gewissen erleichtert, um dafür jährlich auf Urlaub zu fliegen, dann ist das eher kontraproduktiv. In den letzten Jahren flossen viele Ressourcen, Förderungen und Forschungen in technische Lösungen des Klimawandels, von Effizienzsteigerung zu Geoengineering und Carbon Capture and Storage (CCS). Aber anstatt unseren Ressourcenverbrauch zu reduzieren, ist er in den letzten Jahren weiterhin dramatisch angestiegen.[12]

Technische Lösungen versprechen Erleichterung vor allem für jene, die es sich leisten können oder die in Staaten mit den entsprechenden Ressourcen leben. Technik ist nicht neutral. Ohne ein gesellschaftliches Umdenken und einen Wandel in Werten und Konsumverhalten, bleiben technische Lösungen Teillösungen für jene, die ohnehin besser dran sind, oder/und kurbeln sogar Ressourcenverbrauch und Klimaerhitzung weiter an[13].

„Wir brauchen mehr Bewusstseinsbildung.“

Jein. Tatsächlich wissen viele Menschen wenig über unser verbleibendes CO2 Budget oder die drastischen Veränderungen, zu denen das Pariser Klimaabkommen[14] auffordert. Oder für wie viele Menschen die Klimakrise schon jetzt zu Flucht, Wassermangel, Überflutung, kurz zu Lebensbedrohung, führt. Aber wir brauchen nicht nur mehr Bildung, sondern vor allem eine andere Bildung.

Viele Elemente jener Bildung, die wir momentan haben, haben uns in die Krise geführt. Es waren nicht ungebildete Menschen, die die Hauptverantwortung an der Klimakrise tragen. Es sind gut ausgebildete Ökonom*innen, CEOs, Politiker*innen, Techniker*innen, Lehrende etc., die weiterhin zu einer Verschlimmerung der Situation führen. Wir haben uns in Details verloren und spezialisieren uns immer mehr. Es ist erstaunlich, welch spezialisierte Uni-Programme es gibt. Das Problem ist, dass wir vergessen, welchen Einfluss unsere Arbeit auf lebende Systeme, Menschen und Gemeinschaften hat.[15] Das birgt eine große Verantwortung, die wir nicht übernehmen.

Wir brauchen einerseits mehr Fakten. Vielen plädieren an die Vernunft und wünschen sich rationalere Gespräche. Aber mehr Rationalität, mehr Vernunft allein reichen nicht. Es braucht mehr Emotionen. Wir fühlen die Krise nicht. Wir brauchen das Gefühlsspektrum, um dieses Wissen fassen zu können. Sonst bleibt es un(an)fassbar. Es betrifft unser Leben. Spürst du das?

„Das ist politisch nicht umsetzbar.“

Schon überraschend, dass wir es moralisch schwieriger finden, radikale Veränderungen zu fordern, als das Aussterben einer Million an Arten, die Bedrohung der Ernährungssicherheit und Naturkatastrophen wie Hitzewellen oder Stürme stillschweigend hinzunehmen. Das zeugt von immensen Vermeidungsstrategien oder einem Mangel an Vorstellungskraft. Oder von beidem.

Wenn die reichsten 10% der Welt ihren ökologischen Fußabdruck auf jenen eines*einer durchschnittlichen EU-Bürger*in reduzieren, können wir globale CO2 Emissionen um 33% reduzieren.[16] Schon erstaunlich, dass wir es schwieriger finden, den extremen Ressourcenverbrauch der wohlhabendsten 10% zu kritisieren, als das Leid jener 50% der Erdbevölkerung zu akzeptieren, die ungleich mehr an Naturkatastrophen, Meeresspiegelanstieg und Landdegradierung leiden. Einschneidende Veränderungen gefallen nicht allen[17]. Nicht für alle versprechen sie „Green Jobs“ und tolle neue Technik. Manche haben viel zu verlieren. Diese Konflikte gilt es auszutragen.

Mehr Konflikte für den Frieden

Abgesehen davon, dass Folgen von Klimawandel zur Ursache von bewaffneten Konflikten werden, ist Klimawandel ein Konflikt in sich. Wie reden wir darüber? Was vermeiden wir? Welche Entscheidungen treffen wir – persönlich, im Freundschaftskreis, als Familie, als Staat, als Gesellschaft – um die Krise einzudämmen? Wer entscheidet? Welche Foren, welche Räume schaffen wir, um das auszuhandeln? Dabei kann Klimawandel zum Wertekonflikt werden. Manche haben sich beim Lesen dieses Textes vielleicht angegriffen gefühlt. Für manche war es ein angenehmes Lesen, weil das Geschriebene in ihr Weltbild gepasst hat.

Manchmal braucht Frieden mehr Ehrlichkeit, mehr Direktheit, mehr Wut. Manchmal braucht Frieden mehr Konflikt.

Sophia Stanger (24) studiert Frieden, Konflikt und Entwicklung in Bradford (UK) und ist wütend darüber, wie über die Klimakrise geredet wird.


[1] https://www.ipcc.ch/report/ar5/syr/

[2] https://www.ipbes.net/global-assessment-biodiversity-ecosystem-services

[3] https://www.bbc.co.uk/news/science-environment-48337629

[4] https://www.youtube.com/watch?v=8Xtl4SlFVcY

[5] https://www.ipcc.ch/report/ar5/syr/, S. 20

[6] https://www.youtube.com/watch?v=v6fLarIV2AI&t=824s

[7] Z.B.: https://doaj.org/article/d5a4f2fd66ed4ad299c17303740154b0

[8] www.deceuvel.nl/en

[9] Ipbes.net

[10] https://www.resilience.org/stories/2019-03-04/individual-carbon-footprints-or-collective-systemic-change-both/?fbclid=IwAR0OwCKZa_DRGYqWmNe2zF1U_MoizntBfmBIwuMSnH65o_Ql4u-PCjqvmDM

[11] https://www.ipcc.ch/report/ar1/syr/

[12] https://www.ipcc.ch/sr15/chapter/summary-for-policy-makers/

[13] https://www.klimafakten.de/meldung/wertekonflikte-und-kulturkaempfe-um-den-klimawandel-sind-vorprogrammiert

[14] https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/the-paris-agreement

[15] https://islandpress.org/books/earth-mind

[16] https://www.youtube.com/watch?v=v6fLarIV2AI&t=824s

[17]https://politikwissenschaft.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/i_politikwissenschaft/Uploads_Institut/1810_VOLKTHEATER_wien_trojanow_trifft.mp3

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