Reisen und Retten

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Schildkröten retten

„Ich war letzte Woche auf einer indonesischen Insel und habe Schildkröten gerettet“, erzählte mir  eine Freundin aus Shanghai voller Stolz. „Wow“, antwortete ich. „Toll.“

Wie konnte ich ihr sagen, dass ich es zwar löblich fand, dass sie sich für Artenvielfalt engagierte, dass sie ihre Freizeit einer bedrohten Spezies widmete, dass sie im Urlaub nicht einfach nur faul am Strand lag, dass sie stattdessen etwas Sinnvolles anstrebte, aber …

Mehr als „toll“ brachte ich nicht hinaus. Meine Gedanken vervollständigten den Satz: „Toll, dass du ein paar Schildkröten hilfst und gleichzeitig mit deinem Flug zum größten Artensterben der menschlichen Zeit beiträgst. Ja, der Schaden, den du mit einem einzigen Flug anrichtest, ist so viel größer als der Mehrwert deines freiwilligen Engagements für Schildkröten. Viel mehr Schildkröten, viel mehr andere Tiere, viel mehr Menschen werden durch deine „Gute Tat“ bestraft und gefährdet. Vor allem wegen des Flugverkehrs, unserer fleischlastigen Ernährung und der Verwendung fossiler Brennstoffe sind im Moment etwa 1 Millionen Tiere und Pflanzen vom Aussterben bedroht.[i]

Stattdessen murmelte ich noch einmal „wirklich toll“ und nahm mir vor, beim nächsten Mal meine Gedanken etwas mehr auszuführen.

Menschen retten

„Ich möchte die Welt sehen – aber nicht nur wie all die Touristen Fotos schießen – ich möchte ein bis drei Monate in einem Straßenkinder-Projekt leben und arbeiten, bevor ich das Land bereise. Reisen und Gutes tun, das gehört irgendwie zusammen, findest du nicht?“, fragte mich mein Cousin, der wusste, dass auch ich einen einjährigen Freiwilligeneinsatz für Straßenkinder in Indien gemacht hatte und sich wohl meine Bestätigung erhoffte.

„Wieso reist du nicht einfach ein paar Monate mit dem Zug durch Osteuropa?“ fragte ich.
Ein verwirrter Blick verlangte Erklärung für meine Gegenfrage. Ich ergänzte „du könntest die Menschen und ihre Lebensweisen kennenlernen. Sie werden dir viele interessante Dinge erzählen, zum Beispiel warum so viele Menschen arbeitslos und obdachlos sind und warum sie lieber nach Österreich und Deutschland betteln gehen, als in ihrem Heimatland zu arbeiten. Mit diesem Wissen könntest du viel Größeres bewegen, als durch ein paar Wochen Arbeit in einem Straßenkinderheim, wo du die Sprache nicht sprichst, keine Ausbildung dafür hast und anderen Ansässigen den Job wegnimmst.“
„Hast du nicht auch so ein Volontariat gemacht?“, fragte er mich irritiert.
„Ja, ein Jahr lang. Es war die schönste, aufregendste und lehrreichste Zeit meines Lebens.“
„Warum darf ich das dann nicht machen?“, fragte er gekränkt.
„Niemand verbietet es dir. Ich empfehle es dir sogar: Geh an einen Ort, der ganz anders erscheint, als alles, was du kennst. Wenn du mit dem Zug fahren kannst – umso besser. Wenn du fliegen musst – sehr schlecht, aber dann bleib zumindest so lange es geht. Und sei dir bewusst: Dein Flug wird aus der Perspektive eines Weltverbesserers alles in den Schatten stellen, was du Gutes tun willst. Dein Flug trägt dazu bei, dass wir derzeit die höchste Konzentration an CO2, Methan und Stickstoffoxid in der Atmosphäre seit 800 000 Jahren haben.[ii] Das führt zu einer globalen Erwärmung, zum Schmelzen der Gletscher und Polkappen, zum Anstieg der Meerespegel, zur Flucht von unzähligen Menschen, laut Vorhersagen zu 200-mal mehr Geflüchteten als durch die Syrienkrise. Dadurch auch zu vielen weiteren Straßenkindern. Dann brauchst du gar nicht mehr nach Indien fliegen, um ihnen zu helfen, denn sie werden vor unserer Haustür stehen. Auch mein Volontariat hat dazu beigetragen und ich weiß nicht, ob ich mich heute nochmals dafür entscheiden würde. Mir waren die Konsequenzen damals zu wenig bewusst. Diese Zeit hat mich aber auch dazu gebracht, mich genau mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Deswegen empfehle ich auch dir: Schau dir die Welt an, lerne von ihr und mach das alles so ökologisch wie möglich.“

Mein Cousin nickte wortlos. Sein Vorhaben hat er kurz darauf fallen gelassen. Nach Südostasien ist er trotzdem geflogen. Er hat schöne Touristenfotos von den Stränden gemacht. Ich hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, nahm mir vor, nächstes Mal wieder etwas taktvoller zu sein und redete mir ein: Immerhin war er ehrlich mit sich selbst. Das „Helfen“ war doch nicht wichtiger als der egoistische Konsum der Welt auf Kosten der anderen.

Familie retten

Ich bin Online-Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Meine Schüler*innen leben auf der ganzen Welt verstreut – oder zumindest in Ländern mit halbwegs starken Währungen, denn für andere Länder würde mein Unterricht ein Vermögen kosten. Wie sie selbst, so leben auch ihre Familien und Freund*innen großteils in anderen Ländern und Kontinenten. Fast täglich sagt mir jemand: „Ich habe meine Familie in den USA besucht“, „Meine Eltern waren auf Besuch in Zürich“, „Meine Freundin und ich treffen uns einmal im Monat, abwechselnd mal bei mir in Berlin und dann bei ihr in New York.“

„Toll!“ sage ich und „wie schön, die Familie wiederzusehen“ denke ich. Das kenne ich, da ich auch schon oft lange von meiner Familie getrennt war. Aber natürlich sitzt mir Kritik auf der Zunge. Trau ich mich was sagen? Etwas taktvoller dieses Mal? Ich versuche es:
„Das klingt sehr schön“, sage ich. „Aber geht’s dir auch manchmal wie mir, dass du ein schlechtes Gewissen hast, weil du so viel fliegst?“
„Ja, schon. Aber ich lebe sonst sehr ökologisch. Ich esse kein Fleisch, geh immer mit meinem eigenen Sackerl einkaufen und so. Fliegen ist halt etwas, das ich nicht vermeiden kann. Die Familie ist doch das Wichtigste, was man hat auf der Welt, findest du nicht?“
„Ja, ich verstehe was du meinst … Aber was ist mit den anderen Familien?“
„Wie meinst du das?“
„Naja, damit wir unsere eigene Familie besuchen können, nehmen wir in Kauf zu fliegen. Fliegen ist leider klimatisch gesehen ein Schwerverbrechen. Schon ein Flug pro Jahr verschlechtert deinen ökologischen Fußabdruck so immens, dass dein restlicher Lebensstil fast egal ist.[iii] Das Einzige, was ähnlich viel Auswirkungen auf das Klima hat, ist der Verzicht auf Kinder, ein Auto und deine Ernährung[iv], es ist also echt toll, dass du wenig Fleisch isst. Doch mit dem Fliegen belastest du unser Klima wohl mehr, als viele Klimawandelleugner*innen, die nicht gerne reisen und das ganze Jahr nur Zuhause verbringen, Fastfood essen und mit dem Auto zur Arbeit fahren. Wusstest du, dass die Wähler*innen der Grünen Parteien im Durchschnitt den schlechtesten ökologischen Fußabdruck haben[v]? Das liegt daran, dass sie so weltoffen sind und das Fliegen einfach nicht lassen können, auch wenn sie sonst so ökologisch leben.“
„Hm, ja mag sein … aber was hat das mit Familien zu tun?“
„Naja, was schön für dich und deine Familie ist, ist langfristig schlecht für alle anderen Familien – eigentlich auch für deine eigene, vor allem  für deine Kinder und Enkelkinder. Sie haben nicht wirklich Grund zur Freude, wenn du sie besuchst.“
„Oh Gott, jetzt hast du mir ein schlechtes Gewissen gemacht.“
„Dann hab ich meine Aufgabe ja erfüllt“, versuchte ich scherzhaft die Laune wieder herzustellen.

„Aber darf man denn gar nichts mehr? Es ist doch alles irgendwie schlecht fürs Klima?“

Klima retten

„Die Wälder brennen, Arten und Ökosysteme sterben. Die Zukunft des Lebens, wie wir es kennen ist in höchster Gefahr. Viele Millionen Menschenleben sind bedroht: Die Folgen von Hitze, Dürre und Artensterben werden Hunger und sozialer Kollaps in großen Teilen des Planeten sein, die Auswirkungen davon überall spürbar sein. Regierungen missachten diese seit vielen Jahren bekannten Tatsachen und beharren auf einem System, das die Lebensrundlagen der kommenden Generationen vernichtet“, lese ich auf der Österreichischen Homepage von Extinction Rebellion[vi].

Die Frage hallt noch immer in meinem Kopf: „Aber darf man denn gar nichts mehr?“

Ich nehme meinen Stift um meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Ich beginne ohne zu zögern mit „Doch!“. Dann zögere ich und fange an nachzudenken:

„Die wissenschaftlichen Fakten warnen uns seit Jahren: Wir befinden uns an einem Punkt, an dem das System zu kippen droht. Wir haben keine Zeit mehr für die Diskussion „Top down oder Bottom up“ und auch nicht für eine Politik, die seelenruhig auf eine Transformation durch Technik und innovative Firmen hofft. Ein Wandel muss jetzt, schnell und radikal geschehen, im Politischen, im Privaten und mit Hilfe von Technik und Wirtschaft. Alle Lebensbereiche sind davon betroffen und müssen sich einem Wandel unterziehen, anders können wir es nicht mehr schaffen. Vom politischen Engagement abgesehen: Was bedeutet das für unser Leben? Unseren Lebensstandard? Unsere Reiselust?

Ich bin mir sicher: ein schönes Leben, ein hoher Lebensstandard und auch das Reisen sind mit Nachhaltigkeit vereinbar. Oder anders herum: Weitgehend auf Flüge zu verzichten, weniger Fleisch zu essen, weniger zu konsumieren macht uns nicht unglücklicher. Dafür retten wir vielleicht die Welt. Keine schlechten Aussichten eigentlich. Ich möchte sogar einen Schritt weiter gehen und sagen: es kann uns sogar glücklicher machen. Erst seit ich mich auf Pflanzenbasis ernähre, lerne ich die Vielfalt der Geschmäcker kennen. Erst seit ich versuche, nicht mehr zu fliegen, ist die Welt wieder größer, spannender, interessanter. Seit Jahren denke ich darüber nach, wie und wann ich auf dem Landweg nach Indien reisen könnte. Wenn ich fliege, brauche ich keine große Vorbereitung und kann mal eben in das Flugzeug steigen, ein paar Fotos schießen und wieder zurückkehren. Was bleibt ist oft der fahle Nachgeschmack des sinnlosen Konsums auf Kosten der Anderen. Ohne einen Flug stellen sich ganz andere Fragen: Warum möchte ich das machen? Kann ich dieses Bedürfnis nicht auch anders befriedigen? Gibt es ein näheres, genauso interessantes Ziel? Wenn ich trotzdem dorthin möchte, wie viel Zeit kann ich mir nehmen? Kann ich mir lange Urlaub oder ein Sabbatjahr nehmen, um mehrere Monate zu reisen? Oder müsste ich meinen Job kündigen? Welche Türen schließen sich und welche öffnen sich?

Die Entscheidung auf überflüssigen und nicht nachhaltigen Luxus zu verzichten wirft Fragen auf, denen wir uns dringend stellen sollten. Auch wenn sie auf den ersten Blick oft als unangenehm erscheinen, können sie uns langfristig dorthin führen, wo wir Zufriedenheit finden – und zukünftige Generationen eine lebenswerte Zukunft. Reisen – in Gedanken wie in Person – ist eine Horizonterweiterung. Lassen wir uns ernsthaft darauf ein, so kann sogar Reisen (und das Nachdenken darüber) dazu beitragen, das Klima zu retten. Das Klima? Uns! Wir Menschen, die ein Teil dieses zerbrechlichen Ökosystems sind, können uns selbst retten!

Autor: Tobias Schlagitweit


[i]           https://www.ipbes.net/global-assessment-report-biodiversity-ecosystem-services

[ii]          https://www.ipcc.ch/report/ar5/syr/

[iii]         Zur Berechnung des eigenen ökologischen Fußabdrucks: https://www.mein-fussabdruck.at

[iv]         Siehe Grafik: https://cdn.vox-cdn.com/uploads/chorus_asset/file/8843879/impact.jpg

[v]            https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html

[vi]         „Extinction Rebellion (XR) ist eine internationale, partizipatorische Massenbewegung der Zivilgesellschaft. Unser Ziel ist es, die Regierungen der Welt mittels gewaltfreiem, zivilem Widerstand zur Erklärung des Klimanotstands und entschiedenem Handeln in Anbetracht der ökologischen Krise zu bewegen.“
http://xrebellion.at/wasistxr/

Fotos:

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