„Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“

in Gschichtln/Klartext

Kommunaler Wohnbau im Roten Wien

Wien 1917. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges ist die Wohnsituation in Wien prekär. Vor allem Arbeiter*innen leben in engen, dunklen und feuchten Räumen. 95 % der Wiener Wohnungen haben kein fließendes Wasser, 92 % keine eigene Toilette. Auch die Energieversorgung ist mangelhaft. Nur 14 % der Wohnungen haben einen Gasanschluss, Strom steht Mieter*innen in lediglich 7 % der Wohnungen zur Verfügung. Die Forderung nach öffentlich finanziertem, leistbarem und gesundem Wohnraum wird immer lauter.

Illustration des Karl Seitz Hof
Der Karl-Seitz-Hof
Illustration von Sophia Nicoladoni

Das Wiener Wohnbauprogramm

Mit der Gründung der Republik und der Einführung eines allgemeinen, gleichen und freien Wahlrechts für alle Staatsbürger*innen verschieben sich die Machtverhältnisse in der Stadt. Am 4. Mai 1919 finden die ersten Wiener Gemeinderatswahlen nach dem neuen Wahlrecht statt und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) erringt eine absolute Mehrheit. Dieses Wahlergebnis ist eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung des kommunalen Wohnbaus in Wien. Ein zweiter, wichtiger Schritt ist die Ausgliederung Wiens aus Niederösterreich, die 1922 in Kraft tritt. Als eigenes Bundesland kann die Stadt autonomer Steuern einheben und Reformen umsetzen.

1923 beschließt der Gemeinderat das erste Wiener Wohnbauprogramm. Bis 1934 entstehen 382 Gemeindebauten mit über 64.000 Wohnungen. Die Finanzierung wird unter anderem durch eine eigens geschaffene, zweckgewidmete und stark sozial gestaffelte Wohnbausteuer sichergestellt. Für kleine Wohneinheiten sind die Steuerbeiträge sehr gering, während große, luxuriös ausgestattete Objekte hoch besteuert werden. So machen 0,5 % der besteuerten Immobilien etwa die Hälfte der gesamten Einnahmen aus der Wohnbausteuer aus. Der kommunale Wohnbau ist nicht profitorientiert, der Mietzins soll lediglich die Instandhaltungs- und Betriebskosten abdecken. Die Mieten in Gemeindebauten sind im Vergleich zum privaten Wohnungsmarkt daher deutlich niedriger.

Die Vergabe von Wohnungen

Der Zugang zu den neu errichteten Wohnungen ist durch ein Punktesystem geregelt. Dabei werden einerseits klar bedürfnisorientierte Kriterien herangezogen. Punkte gibt es etwa im Fall einer Schwangerschaft, einer Kriegsverletzung oder „Invalidität“, bei Überbelegung der Wohnung oder bei Obdachlosigkeit. Andere Kriterien scheinen eher politisch motiviert. Zuwanderer*innen aus den Bundesländern und dem Ausland haben in der Ersten Republik zwar Zugang zu Gemeindewohnungen, sind aber gegenüber gebürtigen Wiener*innen in der Punktevergabe klar benachteiligt. Jungvermählte und Personen, die in einer Lebensgemeinschaft leben, erhalten einen Punkt. Paare, die bereits seit über einem Jahr verheiratet sind, bekommen zwei Punkte. Familien werden gegenüber kinderlosen Paaren und Singles bevorzugt. Pro Kind gibt es einen Punkt. Das bürgerliche Ideal des Lebens in der Kleinfamilie, ohne Untermieter*innen und Bettgeher*innen wird auch für die Arbeiterklasse leistbare Realität.

Die Ringstraße des Proletariats

Gebaut wird überall, wo die Stadt günstig Bauland aufkaufen kann. Besonders viele, repräsentative Wohnanlagen entstehen entlang des Wiener Gürtels, zwischen Margareten und Meidling. Hier findet sich auch der erste klassische Gemeindebau der Stadt, der Metzleinsthaler-Hof. Dieser Abschnitt des Gürtels wird selbstbewusst als „Ringstraße des Proletariats“ bezeichnet. Die neuen sogenannten „Volkswohnpaläste“ gelten als politischer Gegenentwurf zu den Ringstraßenpalais, die das im 19. Jahrhundert aufstrebende Bürgertum rund um die Wiener Innenstadt errichtet hatte und bringen die neuen Machtverhältnisse in der Stadt zum Ausdruck.

Licht, Luft und Sonne

Die neuen Gemeindewohnungen sollen nicht nur günstig, sondern auch gesund sein. Sie verfügen in der Regel über ein WC in der Wohnung und einen eigenen Wasseranschluss. Die Bassena am Gang ist damit Geschichte. Ein Vorraum sorgt für mehr Hygiene, da die Wohnung nicht wie so oft in Arbeiter*innenquartieren über die Küche betreten wird. In jedem Wohnraum sind Fenster ins Freie vorgesehen, statt auf den Gang oder einen engen Lichtschacht. Licht, Luft und Sonne in der Wohnung sollen nicht nur den Wohnkomfort steigern, sondern vor allem die öffentliche Gesundheit fördern. Krankheiten wie Tuberkulose, die ihn Wien besonders häufig auftritt, können so wirksam eingedämmt werden.

Die Wohnhäuser der Gemeinde verfügen außerdem über großzügig angelegte Grünanlagen. Die Bebauungsdichte ist vor allem bei großen Gemeindebauten sehr gering. Die Innenhöfe erfüllen dabei sowohl eine gesellschaftspolitische als auch eine gesundheitspolitische Funktion. Die Mieter*innen können dort zusammen kommen, politisiert werden und sich an der frischen Luft und Sonne aufhalten.

Illustration des Karl Marx Hof
Der Karl-Marx-Hof
Illustration von Sophia Nicoladoni

Die Stadt in der Stadt

Der Karl-Marx-Hof, der 1926 bis 1933 auf der Heiligenstädterstraße in Döbling errichtet wird, gilt bis heute als Flaggschiff des Roten Wien. In diesem sogenannten „Superblock“ sind nur 18 % der Gesamtfläche verbaut. Der Rest des Areals verteilt sich auf Grünflächen, Spielplätze, Fuß- und Verkehrswege. Hier entstehen nicht nur 1.382 Wohnungen für 5.000 Menschen, die Gemeinde baut eine richtige Stadt in der Stadt für die Bewohner*innen des Hofes. Es gibt eine Apotheke, eine Krankenkasse mit Ambulatorium, eine Schulzahnklinik, zwei Waschsalons mit zentralem Tröpferlbad und Waschküche, eine Mutterberatungsstelle, ein Jugendheim, zwei Kindergärten, eine Bücherei, ein Gasthaus, ein Postamt und 25 Geschäftslokale.

Das Neue Wien

„Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“ heißt es in der ersten Strophe des Liedes „Die Arbeiter von Wien“. Die Vision der Wiener Sozialdemokrat*innen in der Ersten Republik ist es, auf demokratischem Weg eine neue, sozialistische Gesellschaft zu errichten. In der Stadt Wien regieren sie mit einer absoluten Mehrheit und können ihr Aufbauwerk trotz der vehementen Kritik der christlich-sozialen und deutschnationalen Opposition beginnen. Der kommunale Wohnbau ist nur einer von vielen Bausteinen des „Neuen Wien“. Eine Bildungsreform, ein ausgeklügeltes und umfassendes Fürsorgewesen und neue Gesundheitseinrichtungen sollen die Gegenwart und Zukunft der Wiener Arbeiter*innen verbessern und nicht nur eine neue Gesellschaft, sondern „neue Menschen“ hervorbringen, die ihr Leben selbstbestimmt und selbstbewusst gestalten. Dabei setzt die Gemeinde auf Aufklärung und Prävention, aber durchaus auch auf Kontrolle und Verbote, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche durch das Jugendamt zu schützen oder Alkohol aus den Sportstadien zu verbannen.

Der Februar 1934 markiert nicht nur das Ende der Ersten Republik, sondern auch der Reformbestrebungen in der Bundeshauptstadt. Der Republikanische Schutzbund, unterstützt durch Teile der österreichischen Arbeiter*innenschaft, versucht die Demokratie mit der Waffe in der Hand zu retten. Die christlich-soziale Regierung, die zuvor das Parlament ausgeschaltet hat, kämpft den Aufruhr in wenigen Tagen nieder. Dabei geraten auch Gemeindebauten, darunter der Karl-Marx-Hof, unter Beschuss. Die SDAP und alle ihre Vereine und Vorfeldorganisationen werden verboten, im Mai 1934 erlässt die Regierung eine neue Verfassung, die keine demokratischen Wahlen mehr vorsieht. Nach den Februarkämpfen werden illegal politisch aktive Mieter*innen aus ihren Wohnungen gekündigt. Während des Nationalsozialismus werden alle jüdischen Familien aus ihren Wohnungen vertrieben. Viele von ihnen werden später in Konzentrationslagern ermordet.

Kommunaler Wohnbau heute

Nach 1945 errichtet die Gemeinde Wien erneut städtische Wohnhausanlagen, deren Zahl mittlerweile auf über 2.000 Bauten mit etwa 220.000 Wohnungen angewachsen ist. 25 % der Wiener*innen leben heute in Gemeindewohnungen. Große Privatisierungen, wie sie in anderen europäischen Großstädten durchgeführt werden, bleiben in Wien bisher aus. Nach einem vorläufigen Baustopp für klassische Gemeindewohnungen im Jahr 2004, setzt die Gemeinde auf geförderten Wohnbau, unterstützt gemeinnützige Genossenschaften beim Neubau von Wohnanlagen und fördert die Sanierung alter Wohngebäude. Für diese gemeinnützigen Bauvereinigungen gelten beschränkte Renditen, Überschüsse müssen wieder in sozialen Wohnungsbau investiert werden. Für geförderte Genossenschaftswohnungen sind jedoch mitunter erhebliche Eigenmittel von den Mieter*innen aufzustellen. Bei geförderten Wohnungen besteht im Unterschied zu Gemeindewohnungen auch häufig eine Kaufoption nach 10 bis 15 Jahren. Das Angebot richtet sich also vor allem an Menschen mit Ersparnissen oder Zugang zu einem Kredit. Anlässlich der letzten Gemeinderatswahl in Wien 2015 verspricht die Sozialdemokratie die Errichtung neuer Gemeindewohnungen, die nun in Form neuer städtischer Wohnhausanlagen an mehreren Standorten entstehen. Derzeit sind etwa 3.700 neue Gemeindewohnungen in Planung. Der weit größere Anteil neuer Wohnungen soll allerdings weiterhin im geförderten Sektor entstehen.

Etwa zwei Drittel des Wiener Wohnungsmarktes sind heute nicht profitorientiert. Das hat auch einen dämpfenden Effekt auf Mieten am privaten Wohnungsmarkt und sorgt dafür, dass Wohnraum in Wien weniger teuer ist als in anderen europäischen Großstädten wie London, Paris oder München. Diese Errungenschaft, die ihren Ursprung im Roten Wien der Zwischenkriegszeit hat, ist dabei nicht in Stein gemeißelt. Sowohl die ÖVP als auch die Neos fordern eine Kaufoption auf Gemeindewohnungen für Privatpersonen – eine Maßnahme die sich in anderen Städten als großer Fehler erwiesen hat. Der Wahlkampf um Wien 2020 ist also auch ein Kampf um den Erhalt und die Zukunft des sozialen Wohnbaus in der Stadt.

Noch viel mehr Informationen über das Rote Wien und die Geschichte des sozialen Wohnbaus gibt es in der Ausstellung „Das Rote Wien“ im Waschsalon Nr.2 des Karl-Marx-Hof. https://dasrotewien-waschsalon.at/

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