„Rassismus hat in Österreich Tradition“: Die Debatte um Hatschi Bratschis Luftballon

in Gschichtln

Über mehrere Wochen wurde in den Medien und sozialen Netzwerken heftig über das rassistische Kinderbuch Hatschi Bratschis Luftballon diskutiert. Während die Diskussion mittlerweile abflaut, werden jene, die von Rassismus in Österreich betroffen sind, in der Debatte noch immer außen vor gelassen. Doch was hat die Debatte mit anti-muslimischem Rassismus in Österreich zu tun und was verraten Bücher wie Hatschi Bratschis Luftballon über das österreichische Selbstverständnis?
Ein Gespräch mit Amani Abuzahra, Philosophin und Autorin, und Niki Kubaczek, Soziologe und Verleger, der die Debatte auf Facebook ausgelöst hat.

Wie kam’s zu deiner ersten Reaktion auf das Buch Hatschi Braschis Luftballon?

Niki Kubaczek: Angefangen hat diese ganze Debatte mit einem Phil-Besuch und einem Gespräch mit der Buchhändlerin, ob es sinnvoll ist, dieses Buch einfach ins Regal einer Buchhandlung zu stellen. Zur Erinnerung: Das Buch ist eine Neuauflage der Erstausgabe von 1904, ohne die halbherzigen Beschönigungen der rassistischen Inhalte in späteren Ausgaben. Das heißt, darin ist sowohl die orientalistische Erzählung über den Kinder verschleppenden Hatschi Bratschi, als auch die kolonial-rassistische Erzählung über „schwarze Menschenfresser“ enthalten. Ich habe große Skepsis, ob man konstruktive, politische Debatten auf Facebook oder generell Social Media führen kann. Trotzdem habe ich mein Posting zu Hatschi Bratschis Luftballon auf Facebook geteilt, vor allem aus der Motivation heraus, dass wir, die wir hier leben, uns gegenseitig unterstützen sollten und aufstehen sollten, wenn etwas Falsches passiert. Zu meiner Überraschung hat die Diskussion dann sehr weite Kreise gezogen.

Hat die Buchhandlung sich in der Debatte deiner Meinung nach richtig verhalten?

Niki Kubaczek: Mir geht’s nicht so sehr um’s Phil und ob sie sich richtig verhalten haben, sondern vielmehr um die Frage, warum wir noch immer darüber diskutieren müssen, dass es ein rassistisches Buch ist. Warum halten wir immer noch an diesen unterdrückenden, rassistischen, ausschließenden Erzählungen fest? Einerseits ist mir das immer noch ein Rätsel, andererseits ist es auch klar, warum die Leute daran festhalten: Weil sie damit aufgewachsen sind, weil das als Normalität betrachtet wird. Die Intervention in eine solche Normalität ist immer mühsam, weil den Leuten erst klar werden muss, dass das nicht die einzige Normalität, nicht die einzige Geschichte ist. Das war bei mir selbst übrigens auch nicht anders – ohne geduldige feministische und antirassistische Freund*innen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass mit dem Buch etwas nicht stimmen könnte.

Amani Abuzahra: Geschichte wird eben oft von jenen erzählt, die in Machtpositionen sind. Dabei reiht sich dieses Buch in eine Erzählung ein, wie wir österreichische Identität verstehen oder worauf diese basiert. Sehr oft versteht sich diese „in Abgrenzung zu etwas“. Historisch betrachtet ist diese Schablone, dieses „Andere“, oft „der Orient“. Aber was passiert, wenn man gewisse Feindbilder wegnimmt, was bleibt dann? Ich glaube, für viele ist das Verunsicherung, Angst, Orientierungslosigkeit. Hier geht’s nicht nur um die Diskussion über ein rassistisches Kinderbuch. Es geht um viel mehr: um unsere Erzählung, wer wir als Österreicher*innen sind.

Denkst du, dass Aspekte dieser Debatte spezifisch für Österreich sind, oder dass andere Länder ähnliche Probleme haben?

Amani Abuzahra: Jedes Land hat seine Herausforderungen. Aber was Österreich kennzeichnet ist zum Beispiel die wiederholte Erzählung der Türkenbelagerung. Wenn man in der Wiener Innenstadt herumspaziert, findet man überall Erinnerungen, Straßennamen und Denkmäler. Da merkt man, dass dieses Narrativ eine große Rolle für die Frage spielt, wer wir als Österreich sind. Dabei gibt es in der 800-jährigen Geschichte des Islam in Österreich so viel mehr Beeinflussungen, auch viele positive. Je nachdem, worauf der Fokus liegt, könnten auch ganz andere Aspekte betont werden. Zum Beispiel das Wort „hadschen“ in der österreichischen Sprache kommt von „Hadsch, Pilgerfahrt“. Der Kaffee, den wir trinken, kommt von dieser Beeinflussung. Durch einen anderen Blick auf die Geschichte schafft man zu erkennen, dass das Fremde immer auch ein Teil vom Eigenen ist.

Welche Rolle spielen Kinderbücher wie Hatschi Bratschis Luftballon bei solchen Erzählungen von „wir“ versus „die Anderen“?

Amani Abuzahra: Diese Narrative werden oft schon sehr früh angelegt, eben in Kinderbüchern oder auch Schulbüchern. Damit werden sie zu einer Prägung, auf die man sich immer wieder beziehen kann. Das machen verschiedene österreichische Parteien wie die FPÖ und mittlerweile auch die ÖVP sehr geschickt. Damit kann man auch auf Stimmfang gehen, weil man weiß, man hat hier den Rückhalt in der Bevölkerung. Sie agieren ja nicht einfach nur als Brandstifter, ohne dass hier gewisse Denkmuster schon von klein auf angelegt sind.

Was stört euch an der Art und Weise, wie die Diskussion rund um Hatschi Bratschi geführt wurde?

Amani Abuzahra: Der Maßstab bei solchen Diskussionen sind oft nicht die Betroffenen. Wenn ich als Betroffene über „den Orient“ lese, wird nicht gefragt, wie geht es mir damit, sondern wie geht es der Dominanzgesellschaft damit. Die gibt die Kriterien vor, ob die Inhalte rassistisch sind oder nicht. Das ist aber die falsche Debatte. Hier geht’s nicht nur um ein rassistisches Buch sondern um die Frage, wer hat Deutungshoheit, wer hat Definitionsmacht. Wer darf sagen: Das ist rassistisch und das nicht?

Niki Kubaczek: Bei den Reaktionen zu Hatschi Bratschis Luftballon merkt man auch, dass Rassismus in Österreich Tradition hat. Das heißt nichts anderes als: Rassismus ist weder immer böse gemeint, noch gibt es den Rassismus erst seit gestern, sondern er existiert vielmehr seit mehreren hundert Jahren, seit dem Beginn des europäischen Kolonialismus eben. Es gibt daher auch ein rassistisches Selbstverständnis in Österreich, das nicht böse gemeint ist. Wenn Leute mit oder ohne Rassismuserfahrung dann aber kommen und sagen: „Das ist rassistisch“, ist die erste Reaktion mal Abwehr, weil man sich nicht damit auseinandersetzen will, dass man in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen ist.  Ziel muss, glaube ich, sein, über diesen Abwehrreflex hinauszukommen.

Amani Abuzahra: Aber Menschen freuen sich eben nicht, wenn es um Veränderung geht, weil Veränderung oft Verlust der eigenen privilegierten Position bedeutet. Dann stellen sich folgende Fragen für Privilegierte: „Heißt das, dass ich in meinen Rechten beschnitten werde? Heißt das, ich habe Einbußen in meinen Ressourcen?“ Da haben wir im Bildungsbereich sehr viel zu tun. Es geht nicht nur darum, Faktenwissen zu vermitteln, sondern auch darum, auf der emotionalen Ebene zu arbeiten. Denn mit Angst wird oft Politik gemacht.

Niki Kubaczek: Es geht, glaube ich, auch darum, klarzumachen, dass es da auch etwas zu gewinnen gibt. Wir könnten ein viel schöneres Zusammenleben führen, in dem man sich darüber freut, dass Leute unterschiedliche Sprachen sprechen, in der Nachbarschaft, bei der Kassa, in der Unibib oder am Bau.

In der Debatte sind häufig Schlagworte wie „Meinungsfreiheit“, „Zensur“ und „Bücherverbrennung“ gefallen.

Niki Kubaczek: Es verbietet einem ja niemand die Meinung. Es ist einfach nur eine Feststellung, dass diese Form der Erzählung über muslimische, türkische, schwarze „Andere“ etwas kaputt macht. Es macht die Leute kaputt, die hier dargestellt werden, und es macht für uns alle etwas kaputt, weil es eine solidarische Gesellschaft verhindert, in der wir alle ein besseres Leben hätten. Wir haben alle etwas zu gewinnen.

Amani Abuzahra: Es gibt diesen Spruch von Baldwin, dass die Meinungsfreiheit da aufhört, wo der andere degradiert oder unterdrückt wird. Viele denken sich zwar, „Naja, ich werd‘ das ja wohl noch sagen dürfen.“ Aber dass solche Aussagen reale Konsequenzen haben, merken sie nicht. Es braucht da viel mehr Sensibilität, wie Sprache wirkt.

Welche Rolle spielt Social Media in der ganzen Debatte? Kann man auf Facebook politische Diskussionen führen?

Amani Abuzahra: Ich sehe Social Media als Teil einer Demokratisierung, weil man die Chance hat, seine Meinungen publik zu machen. Vor allem Minderheiten, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, haben dadurch die Möglichkeit, sich zu organisieren. Aber es gibt natürlich auch Schattenseiten. Hass im Netz ist ein großes Thema und es gibt natürlich immer auch Menschen, die nur aufs Beleidigen aus sind. Social Media wirkt da einfach wie ein Verstärker.

Niki Kubaczek: Ich sehe es auch ambivalent. Es schafft einerseits Gehör, andererseits bringt es eine problematische Individualisierung. Facebook ist nicht darauf aus, inhaltliche Debatten zu führen, sondern was funktioniert ist Empörung, und das in einer Blase, in der sich die Leute dann die Köpfe einschlagen. Ich weiß nicht, wie es um die Debatte um Hatschi Bratschi steht, ob das mehr gebracht hat, als es kaputt gemacht hat. Immerhin sitzen wir deswegen jetzt auch hier und führen diese Debatte, die es sonst nicht gegeben hätte. Und ob jetzt ein paar mehr oder weniger das Buch gekauft haben, weil es auch eine Werbung für das Buch war, ist, glaube ich, nicht so entscheidend. Entscheidend ist, dass Debatten geführt werden, über rassistische Traditionen und Erzählungen, sowie antirassistische Strategien für eine bessere Zukunft, in der sich alle, die hier wohnen, auch zuhause fühlen können.

Welchen anderen Umgang mit dem Thema Rassismus würdet ihr, im Licht dieser Debatte, empfehlen?

Amani Abuzahra: Auf jeden Fall diverse Kinderbücher. Es ist wichtig, darauf zu verweisen, dass es unterschiedliche Geschichten gibt, sodass Kinder sich auch in unterschiedlichen Rollen wiederfinden können. Es geht aber nicht nur um das Material, das man verwendet, sondern auch um den Zugang. Zum Beispiel geht es auch darum, dass das Personal von Pädagog*innen durchmischt und divers ist. Dadurch ergeben sich ganz andere Ressourcen, wenn direkt Betroffene ihre Erfahrungen weitergeben können.

Niki Kubaczek: Es ist auch wichtig, die Einstellung zu haben, dass Rassismus oder Anti-Rassismus uns alle etwas angeht. Das kann nicht nur das Problem der Betroffenen sein. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass nicht alle gleich viel zu Rassismus zu sagen haben. Viele erleben ihn täglich und andere können es sich, so wie ich, mehr oder weniger aussuchen, ob sie sich mit Rassismus auseinandersetzen. Das bedeutet, dass diejenigen ohne diese Erfahrung auch das Zuhören lernen müssen. Dann kann – oder muss – man sich gemeinsam überlegen, wie man dem entgegentreten und an etwas viel Besserem basteln kann.

Wer die Debatte nicht mitverfolgt hat, hier eine kurze Kontextualisierung: Anfang Oktober entdeckt Niki Kubaczek das umstrittene Buch in einem Regal des Wiener Buchcafés „Phil“ und bringt die Diskussion um dessen rassistischen Inhalt durch ein Facebookposting ins Rollen. Der Shitstorm, der daraufhin entbrennt, richtet sich nicht nur gegen die anti-rassistischen Stimmen in der Debatte, sondern auch gegen die Buchhandlung und das Buch selbst. Es wäre nicht das erste Mal, dass Franz Karl Ginzkeys Hatschi Bratschis Luftballon Kritik erntet – zu Recht. Denn die Erzählung um den Jungen Fritz, der von dem Türken Hatschi Bratschi in einem Heißluftballon entführt wird, ins Land der „schwarzen Menschenfresser“ reist und schließlich zum Herrscher des „Morgenlandes“ aufsteigt, ist nicht nur heute als höchst problematisch einzuschätzen. Genauso wie die kindlich bunten Illustrationen späterer Auflagen über die rassistischen Inhalte hinwegtäuschen, wird auch die Biographie des Autors Franz Karl Ginzkey in Debatte oft beschönigt. Ginzkey (1871-1963), der neben seiner Kinderbuchautorschaft als Mitbegründer der Salzburger Festspiele bekannt ist und ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof erhielt, war ein überzeugtes Mitglied der NSDAP. Er gehörte unter anderem dem „NS-Kampfbund für Deutsche Kultur“ an, verfasste bereits 1920 deutsch-nationale Lyrik und kritisierte die Proteste an der Bücherverbrennung 1933. So viel zu der Frage, ob man Autor und Werk getrennt voneinander betrachten sollte.

Die Buchhandlung verwies nach Rückfrage der Autorin darauf, dass das Buch als Austriaca, und nicht als Kinderbuch verkauft wird. Als „österreichischer Klassiker“ würde es nicht an Kinder, sondern an historisch interessierte Personen vermarktet.

Weiterführende Literatur:

Shakir, Amena, Gernot Stanfel und Martin M. Weinberger, Ostarrichislam: Fragmente achthunderjähriger gemeinsamer Geschichte, Wien: New Academic Press, 2012.

Mehr Informationen über Franz Karl Ginzkey: https://stifterhaus.at/index.php?id=167&no_cache=1&tx_news_pi1%5Bnews%5D=2060&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=4d706fb099c74a94550572f5d1dd2f67

Julia Ritter hat Englische Literatur in Wien und Edinburgh studiert, bloggt und arbeitet zur Zeit fürs Fernsehen.

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