Geisterbahn in Ottakring

in Empört Euch/Wien

Ottakring: das Reich des Bieres, der Gentrifizierung und der Student*innen. Wenn es nach der Rot-Pinken-Stadtregierung geht, ist der sechzehnte Wiener Gemeindebezirk auch bald der Bezirk der Seilbahnen. Das Mega-Projekt soll eine Anbindung an die für 2025 angedachte Central European University (CEU) am Otto-Wagner Areal schaffen und 2000 Menschen pro Stunde von Ottakring nach Hütteldorf transportieren. Der Penzinger Neos-Bezirksrat, Wolfgang Gerold, entwickelte das Projekt schon 2017. Die Kosten belaufen sich dabei auf rund 60-75 Millionen Euro. Der Bau der Seilbahn soll auf einer Strecke von 4,8 Kilometern die beiden Buslinien auf dem Wilhelminenberg entlasten und eine bessere Anbindung an das Otto Wagner Areal schaffen. Alles schön und gut, nur an die Naturdenkmäler im Dehnepark, die Privatsphäre der Anrainer*innen oder die schon existierende Schnellbahnverbindung von Ottakring nach Hütteldorf wird dabei jedoch nicht gedacht.

Innovation oder doch reines Prestigeprojekt

Seilbahnen funktionieren in vielen Großstädten. Sie werten die Lebensqualität und das Ansehen einer Stadt auf. Überdies sind sie eine umweltfreundliche Alternative zum Auto und können als netten Nebeneffekt auch noch Tourist*innen anziehen. Der Standort spielt dabei aber eine wesentliche Rolle.

Wien ist bekannt für seine großzügigen Grünflächen und Naherholungsgebiete. Die zahlreichen Parks und Spielplätze der Stadt animieren tag täglich die Wiener*innen mehr Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Keine Frage, gerade in Zeiten des Klimawandels und immer extremeren Temperaturen, ist öffentlicher Freiraum eine immer wichtigere Ressource. Das Naherholungsgebiet am Steinhof schafft einen Ausgleich zum Distance-Learning oder Home-Office. Auf dem weiträumigen Areal erholen sich Familien mit Kindern, leidenschaftliche Picknicker*innen und Leute, die sich eine kurze Auszeit von der hektischen Welt am Fuße des Berges gönnen wollen.

Luxus Grünraum

So grün Wien auch ist, es gibt noch lang nicht genug Grünraum. Einen Baum in der versiegelten Landschaft zu pflanzen kostet Geld. Viel Geld. Die Kosten für einen einziger Baum in der Innenstadt können sich auf bis zu 30 000€ belaufen. Ein gesunder Baum braucht ausreichend Platz zum wurzelschlagen. Dies muss in der Planung beachtet werden, denn Hindernisse wie beispielsweise unterirdische Rohrleitungen können der einfachen Straßenbepflanzung im Weg stehen, was unter anderem zu den oben genannten hohen Kosten führen kann. Gerade deshalb gilt es alle schon vorhandenen Bäume, ganz besonders die Naturdenkmäler zu erhalten und zu schützen.

Um eine Seilbahn zu bauen werden zunächst Stützen benötigt, denn schließlich muss die Seilbahn von irgendetwas getragen werden. Diese Stützen müssen stabil sein und haben auch eine dementsprechende Größe. Entlang der gesamten Strecke, also von der Station Ottakring bis hin zum Otto Wagner Areal wird durch den Bau der Seilbahn in den dortigen Grünraum eingegriffen.
Zeit in der Natur stärkt erwiesenermaßen das menschliche Immunsystem und die Psyche, was besonders in Anbetracht der Pandemie von Nutzen für alle sein kann. Der tägliche Spaziergang im Wald oder im Park kann Wunder wirken, außer man wird von Baumaschinen und stählernen Säulen gestört. Wieso also den wertvollen Naturraum zerstören?

Kein Bedarf an der Seilbahn

Die Seilbahn soll vom Bahnhof Ottakring über das Wilhelminen Spital rauf zu den Steinhofgründen hin zum Otto-Wagner-Areal und schlussendlich über die Linzerstraße zum Bahnhof Hütteldorf führen. Die Route würde direkt im Naherholungsgebiet Steinhof, über den Häusern der Anrainer*innen und über dem Wilhelminenspital verlaufen.

Generell lässt das Projekt auf ziemlich vergessliche Politiker*innen schließen. Denn das beliebte Naherholungsgebiet ist auch ohne Seilbahn öffentlich gut zu erreichen. Von Ottakring nach Hütteldorf fährt man mit der S-Bahn acht Minuten. Mit dem Bus 46a und 46b erreicht man die Steinhofgründe von der U-Bahn-Station Ottakring bei gutem Verkehrsaufkommen in 12 Minuten. Und das alles auf sicherem Boden, ganz ohne Extrabebauung der wertvollen Grünflächen. Ob da eine Seilbahn ein attraktives Ausweichangebot darstellt, steht in Frage.

Öffentlicher Verkehr- aber wie?

Seilbahnen sind grundsätzlich sinnvoll um Städte mit schwierigen Bodenverhältnissen an andere anzubinden. In Bolivien verbindet die Seilbahn die durch rund 400 Höhenmeter getrennten Städte La Paz und El Alto. Die Seilbahn wurde vom Vorarlberger Unternehmen Doppelmayr gebaut und fungiert als öffentliches Verkehrsmittel. Pro Stunde transportiert sie rund 3000 Menschen, und das in knapp elf Minuten pro Fahrt. Bei einer Strecke, die nicht von U-Bahnen gedeckt werden kann, sich über 18 Kilometer erstreckt und für die Bevölkerung von Vorteil ist, ist eine Seilbahn die wohl nachhaltigste Option.

Trotzdem gilt: nur weil Seilbahnen bei anderen funktionieren und sinnvoll sind, heißt das nicht, dass es auch in Ottakring so ist.

Andere machen es vor, wir machen es nach: Nachtbusse, Straßenbahnen, Schnellbahnen, Nachtzüge, Citybikes. Es gibt alles. Nur eine Seilbahn fehlt im Repertoire der Stadt. Öffentlicher Verkehr ist grundsätzlich wohl das, was Wien zu der wunderbaren Stadt macht, die sie ist. Das Netz soll weiterhin ausgebaut und verbessert werden. Der Bedarf an der Seilbahn von Ottakring nach Hütteldorf ist aber schlichtweg nicht gegeben. Eine Seilbahn über den Wilhelminenspital mit direktem Blick in die Kleingartensiedlung ist dafür gewiss nicht der richtige Ansatz. Wenn Tourist*innen den Weg auf den Berg wagen, können sie gleichzeitig auch wichtige Einblicke in das Leben der „Einheimischen“ gewinnen. Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Auch wenn es nur um das Abendessen der Anrainer*innen geht, Privatsphäre ist etwas, das in Zeiten der ständigen Handynutzung, Videoüberwachung und Big Data geschützt werden sollte.

Wie geht’s weiter?

Die Seilbahn wird einfach nicht gebraucht. Es gibt eine bestehende öffentliche Anbindung. Der Wilhelminenberg und das Otto Wagner Areal sind weder durch die Bodenverhältnisse schlecht anderwärtig befahrbar noch ist eine komplette Erneuerung nötig. Durch die Verkürzung der Intervalle könnten kostengünstigere und effektivere Lösungen erzielt werden. Der Grünraum würde dabei keinen Schaden nehmen, und gleichzeitig könnten mehr Leute auf den Berg transportiert werden, um sich der Schönheit der Natur anzunehmen.

Auch die 75 Millionen Euro könnten in der Krise sehr viel sinnvoller verwendet werden. Sie könnten zum Beispiel in den Kulturbereich, den Einzelhandel und den Gesundheits- und Pflegebereich fließen oder all diejenigen die vor der Existenzkrise stehen, unterstützen.

Noch ist nichts entschieden und zahlreiche Initiativen sprechen sich gegen die Umsetzung der Seilbahn aus. In einer Machbarkeitsstudie bis 2022 soll dies entschieden werden. Bis dahin heißt es also, warten, hoffen und dafür kämpfen, dass die Vernunft siegt und die Grünflächen den Wiener*innen erhalten bleiben.

Die Steinhofgründe in Ottakring

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