Keuschheit will gelernt sein

in Klartext
©Veronika Atzwanger

Europa im 19. Jahrhundert: Die industrielle Revolution breitet sich auf weite Teile des Kontinents aus. Neben rauchenden Fabriksschloten, Wirtschaftswachstum und Arbeiter*innen-Elend brachte der Kapitalismus auch tiefgreifende Neuerungen für das Privatleben der Menschen hervor. Die oft als „naturgegeben“ dargestellte Kleinfamilie ist ein Produkt dieser Zeit. Ein Gespräch mit dem Wirtschafts- und Sozialhistoriker Gerhard Senft über die Veränderungen der Sexual- und Liebesbeziehungen in der Neuzeit.

 

Herr Senft, die bürgerliche Kleinfamilie – bestehend aus Vater, Mutter, Kind – gilt heute als selbstverständliche – für manche gar als einzig denkbare – Form der Liebes- und Lebensgemeinschaft. Dabei ist sie noch gar nicht so alt…

Diese unterschiedlichen Formen der Familie, wie sie sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, und die für uns typisch erscheinende Kleinfamilie, sind ein Produkt der Neuzeit. Das hat damit zu tun, dass auch im Haushalt (Anm. von Arbeiter*innenfamilien) eine Arbeitsteilung Einzug hielt. Diese wurde dann noch verstärkt im 20.Jahrhundert, wo die Frau an Heim und Herd verbannt wurde. Aber auch das hat eine gewisse Vorgeschichte: In der Zeit des Mittelalters war es nur den höhergestellten Familien vorbehalten, Ehen zu schließen. Im urbanen Bereich durfte etwa im Haus des zünftisch organisierten Handwerkers nur der Meister eine Ehe schließen. Das ganze Personal war eigentlich eine Großfamilie. Im Haushalt dieser Großfamilie lebten unterschiedlichste Generationen zusammen. Das Gesinde, die Knechte und Mägde, lebten mit in diesem Haushalt, waren aber nicht verheiratet. Die Ehefähigkeit für Unterschichten ist wiederum erst eine Erscheinung der Neuzeit, genauso wie die Emotionalisierung der Ehe und der Kleinfamilie: Die Liebesbeziehung. Auch dass man sich emotional an die Nachkommenschaft bindet, war neu. Das hätte im Mittelalter ja gar keinen Sinn gehabt. Es gab eine unglaublich hohe Säuglingssterblichkeit, es gab einen permanenten Drall, die Dinge zu bewältigen, und die Menschen wurden auch nicht besonders alt.

 

Was hat sich im Hinblick auf die Rolle der Frau verändert?

Das Patriarchat entstand mit dem Privateigentum, also dem männlichen Teil der Bevölkerung, der es schaffte, Vermögen zu entwickeln. Und das Privateigentum lieferte letztendlich den Impuls dafür, dass sich auch die Erbschaftsverhältnisse neu definierten. Es zeigte sich die Notwendigkeit, sich mehr um die Nachkommenschaft zu kümmern. Und das hieß natürlich, dass der patriarchalische Mann dahingehend orientiert war, darauf zu achten, wer seine wirklichen Nachkommen waren. Die Frau wurde einer Kontrolle unterworfen, damit der Mann kontrollieren konnte, dass die Nachkommen garantiert von ihm stammten. Damit er seine Erbschaft nicht an irgendwelche Kuckuckseier weitergeben musste.

 

©Veronika Atzwanger

Im Mittelalter gab es kein Patriarchat?

Im Mittelalter herrschte grundsätzlich auch das patriarchalische Moment vor. Man denke nur an die Kreuzritter, die ihren Frauen die Keuschheitsgürtel anlegten, wenn sie sich für längere Zeit von zu Hause entfernten. Es gab aber gewisse Erscheinungen wie die Frauenzünfte. Hier gab die gewerbliche Organisation nicht nur dem einzelnen Arbeitstätigen, sondern auch der Frau gewisse Spielräume, die später in der Moderne eher verschwanden. Patriarchat im Mittelalter bedeutete aber auch, dass der Fürst, der Landesherr, der Grundherr über die weiblichen Untertanen verfügen konnte. Es gab das so genannte „Recht der ersten Nacht“. Das wird nicht permanent gelebt worden sein, aber dieses Recht war verankert, also dementsprechend konnte sich die Herrschaft ja permanent der weiblichen Untertanen bedienen.

 

Wie hat sich der Übergang zur kleinbürgerlichen Familie bemerkbar gemacht?

In der frühen Neuzeit tauchten von der Seite der Ökonomie ganz neue Ansprüche auf. Individualisierung und Arbeitsteilung gingen Hand in Hand. Und dann gab es erste staatliche Maßnahmen. Eine wichtige Sache war die Bevölkerungsmehrung. Man wollte so viele helfende Hände in den Manufakturen und Gewerbebetrieben wie möglich. Dies bedurfte einer ganz bestimmten Organisation, eben der Kleinfamilie. Die zuvor nicht ehefähigen Unterschichten wurden durch entsprechende Maßnahmen ehefähig gemacht. Und den ehefähigen Personen wurden Beihilfen (vergleichbar mit der Kinderbeihilfe) angeboten. Die Bevölkerungskurve ging in Europa merklich nach oben. Und das hatte nicht nur mit der Verbesserung der Hygienebedingungen zu tun, sondern auch mit dieser gezielten Politik der Bevölkerungsmehrung.

 

Dieser Übergang in die Neuzeit war sicher nicht konfliktfrei…

Es war auf alle Fälle ein langsamer Prozess. Aber natürlich gab es Maßnahmen von Seite der öffentlichen Hand. So überlegte man sich neue Maßnahmen, um insbesondere den Faktor Arbeit zu disziplinieren. Es ging darum, die Menschen von der Gewohnheit wegzubringen, dass es dutzende Feiertage pro Jahr gibt. Es ging darum, eine ständige gespannte Aufmerksamkeit in den Fabriken zu erzeugen. Pünktlichkeit durchzusetzen. Und das alles stimmte mit gegebenen vitalen Bedürfnissen, die die Menschen damals gewohnt waren, zum Beispiel Sexualität spontan auszuleben, nicht überein. Man kann nicht zehn, zwölf Stunden in der Fabrik oder Manufaktur tätig sein und gleichzeitig spontan Sexualität leben. Diesen Widerspruch galt es zu bewältigen. So gab es bereits sehr frühzeitig Disziplinierungsmaßnahmen, mit denen man die ausufernde Sexualität einer bestimmten Kontrolle zu unterwerfen versuchte. Dazu wurden damals die Keuschheitskommissionen eingeführt. Diese Kommissionen kümmerten sich besonders um Personen, die sexuell auffällig geworden waren. Auch Prostitution versuchte man zurückzudrängen. Es gibt ein Dokument aus dem 17.Jahrhundert, wo festgehalten ist, dass Mann und Frau, beide im heiratsfähigen Alter, ein Kind zeugten, und das nicht unter dem Schirm der Ehe. Sie landeten beide zunächst im Gefängnis und wurden dann aus London vertrieben. Und was natürlich auch in dieser Zeit begann, eine Rolle zu spielen, waren die Abwehrhaltungen gegen Homosexualität.

 

Diese kennt man aus dem Mittelalter nicht?

Ich kenne gar kein Dokument. Natürlich gibt es in der Bibel bestimmte Passagen, die bestimmte Formen des Geschlechtsverkehrs verbieten, aber dass man das sozusagen zum Teil eines Normensystems macht, wo dann wirklich drastische Strafen bis zur Hinrichtung verhängt werden – das war neu. Da gibt es Berichte aus einer Paris-Chronik, wo zwei junge Männer bei einem gleichgeschlechtlichen Akt erwischt wurden. Daraufhin wurden sie beide hingerichtet. Und zwar wegen eines doppelten Vergehens. Erstens hatten sie „Unzucht“ betrieben, also etwas was die Keuschheitskommission zu verfolgen hatte, zweitens hatten sie dem Staat die „Körpersäfte“ entzogen, die dieser für entsprechende Kinderproduktion gebraucht hätte. Dies zu bedrohen, wurde sehr scharf sanktioniert.

 

Interview: Manuel Mayr

 

Gerhard Senft, geb. 1956, ist Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er lehrt und forscht seit 1988 zu den Arbeitsschwerpunkten Problemgeschichte und Theorieentwicklung der Ökonomie, Geschichte der sozialen Bewegungen, Wirtschaftspolitik und Geldwesen in historischer Dimension und Faschismusforschung.

 

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