„Leben und leben lassen“

in Gschichtln/Klartext

Warum Fleischkonsum nicht Meinungssache ist

„Woran erkennt man einen Veganer?“ – „Er sagt‘s dir!“

„Woran erkennt man eine*n Fleischesser*in?“ – „Sie*Er fragt dich, woran man einen Veganer erkennt!“

Woher kommt eigentlich dieser Drang, sich immer über Veganer*innen lustig zu machen? Ich kenne tatsächlich kaum Veganer*innen, die mit ihrer Ernährung so intensiv hausieren, wie ihnen unterstellt wird. Selbst meide ich das Thema Veganismus tunlichst, wenn ich neue Leute kennen lerne – um mir nicht ihre blöden Sprüche anhören zu müssen. Und wenn mal keine blöden Sprüche kommen, dann mindestens eine dreißigminütige, ungefragte Rechtfertigung der Fleischesser*innen, warum sie keine Veganer*innen sind. De facto tun wir (Veganer*innen) mit unseren Essensvorlieben niemandem weh – Woher also dieser Drang, uns niederzumachen? Und wenn vegan sein doch so unnötig ist, warum müssen wir uns dann ständig eure Rechtfertigungen anhören?

In Österreich wird die absurde Menge von 65kg Fleisch jährlich pro Person verzehrt[1].  Das ist in vielerlei Hinsicht ein Armutszeugnis für unsere Spezies, da wir damit sowohl unseren Planeten zerstören, Menschen Hungersnöten aussetzen (um mit den pflanzlichen Nahrungsressourcen stattdessen unsere „Nutztiere“ zu füttern; aber soviel dazu, dass ich „deinem Essen das Essen wegesse“), unsere eigene Gesundheit belasten, als auch anderen Tieren in Massentierhaltung unvorstellbares Leid antun. Und das alles „Weils halt schmeckt!“. Wenn man Fleischesser*innen, nachdem sie ihr gesamtes Veganer*innenwitzerepartoire rausgehauen haben (wobei sie sich für wahnsinnig kreativ halten, während sie die drei Witze zum Besten geben, die ich die letzten 15 Jahre in Dauerschleife zu hören bekommen habe), mal ernsthaft nach den Hintergründen ihrer Entscheidung fragt, fühlen sie sich meist direkt angegriffen und wollen nicht darüber sprechen. Sie plädieren auf „Leben und leben lassen.“ Leben lassen wäre ein guter Anfang!

Ich glaube, dass viele Menschen ihren Fleischkonsum (ich spreche aus Einfachheitsgründen von Fleischkonsum, meine Kritik betrifft jedoch den Konsum jeglicher tierischer Nahrungsmittel) damit rechtfertigen, dass sie sich einreden, nicht-menschliche Tiere hätten keine Gefühle, kein Bewusstsein oder haben keine vergleichbaren kognitiven Fähigkeiten und verdienen deswegen keine moralische Behandlung. Abgesehen davon, dass es problematisch ist, von den kognitiven Fähigkeiten eines Lebewesens auf dessen Anspruch auf Rechte zu schließen, ist es inhaltlich schlichtweg falsch, nicht-menschlichen Tieren kognitive Komplexität abzusprechen. Vielleicht würden Menschen andere Tiere besser behandeln, wenn sie mehr über deren Fähigkeiten wüssten. Denn so wie nicht-menschliche Tiere haben auch die meisten Menschen Mitgefühl mit anderen Lebewesen.

 

Was Tiere können

Als ich die Dokumentation “Blackfish“ sah, hat mich eine Szene tief berührt. Darin jagte eine Gruppe Menschen eine Herde von Orcas, um junge Orcas für die Unterhaltung in Freizeitparks einzufangen. Die Orcas überlisteten die Menschen, indem die ausgewachsenen männlichen Wale oben schwammen, um die Menschen auf eine falsche Fährte zu locken. Währenddessen schwammen die jungen mit den weiblichen Walen unten in eine andere Richtung und brachten sich in Sicherheit. Diese ergreifende Jagdszene brauchte mich zum Nachdenken. Um die Menschen so austricksen zu können, müssen Orcas in der Lage sein, sich in Menschen so weit hinein zu versetzen, dass sie verstehen, dass Menschen nur den oberen Teil der Herde sehen können und ihm folgen werden. Dieses Verständnis dafür, dass andere Lebewesen andere Dinge wahrnehmen können und andere Ziele haben als man selbst, nennt man Theory of Mind. Das ist eine sehr fortgeschrittene kognitive Fähigkeit, die kleinen Kinder und nicht-menschlichen Tieren für gewöhnlich abgesprochen wird. Darüber hinaus müssen die Orcas in der Lage gewesen sein, sich verschiedene mögliche Zukunftsszenarien vorzustellen (Prospektion), was als Merkmal von komplexen Kognitionen gilt. Dazu haben sie prosoziales Verhalten (Verhalten, welches nicht einem selbst sondern anderen dient) gezeigt, nachdem die männlichen Wale sich kollektiv in Gefahr begeben haben, um die weiblichen und die jungen Wale zu schützen. Zu guter Letzt müssen sie in der Lage gewesen sein, auf komplexe Weise miteinander zu kommunizieren, um diesen Plan miteinander abzusprechen. Sprache und Kultur gelten oft als ultimative „Alleinstellungsmerkmale“ der Menschen, welche unsere Spezies als „Krone der Schöpfung“ ausmacht.

 

Wir Menschen denken gerne, dass uns bestimmte kognitive Fähigkeiten (Fähigkeiten im Rahmen der Informationsverarbeitung im Gehirn, umgangssprachlich auch „denken“ genannt) vorbehalten wären.

Diese „Alleinstellungsmerkmale“ unserer Spezies seien (es folgt eine lange Liste von angeblich rein-menschlichen Besonderheiten, alle bereits an anderen Tieren nachgewiesen sind[2][3]):

Empathie, Metakognitionen (gedankliche Auseinandersetzung mit den eigenen Kognitionen, umgangssprachlich auch „reflektieren“ genannt), kausales Schlussfolgern (die Unterscheidung von belebten und unbelebten Objekten und das Verständnis, dass belebte Objekte von Zielen und Wünschen getrieben werden), Sprache, Gefühle und Emotionen, Theory of Mind (Verständnis, dass die Überzeugungen, Bedürfnisse, Ziele, Wahrnehmungen und Perspektiven anderer Lebewesen von den eigenen abweichen), Werkzeuggebrauch, kognitive Flexibilität (Eckstein von Intelligenz, wichtig für innovatives Denken, Kreativität und um Lernstrategien zu entwickeln), prosoziales Verhalten (s.o.),Imagination (mental Situationen verarbeiten, die in diesem Moment nicht wahrnehmbar sind) und Prospektion (s.o.).

Und als wäre es nicht schockierende genug, wie sehr sich ein Großteil der Menschheit bezüglich der Intelligenz der Lebewesen, mit denen wir unseren Lebensraum teilen, irrt, so leitet er daraus auch noch ab, dass wir wertvoller wären als sie. Seit den Zeiten, in denen wir uns großflächig als „Krone der Schöpfung“ und „Abbild Gottes“ betrachtet haben, hat sich diesbezüglich nicht viel geändert.

Leider kann ich in diesem Artikel nicht auf all die Nachweise all dieser Fähigkeiten in nicht menschlichen Tieren eingehen, da man damit Bücher füllen könnte (was auch schon einige Male geschehen ist). Stattdessen begnüge ich mich mit einigen wenigen Beispielen und füge am Ende des Artikels für Interessierte eine Liste von Literaturempfehlungen an.

 

Die Theorie des Geistes – Theory of Mind

Theory of Mind (s.o.) ist eine komplexe kognitive Fähigkeit, die Kleinkinder im Alter von 3-5 Jahren entwickeln. Davor geht die Vorstellung, dass das Verhalten anderer Lebewesen von deren abweichenden Wahrnehmungen, Bedürfnissen, Wissen und Zielen geleitet wird, über ihre kognitiven Fähigkeiten hinaus. Diese Fähigkeit wird entgegen wissenschaftlicher Belege sogar im psychologischen Kontext oft als „Alleinstellungsmerkmal“ unserer Spezies betrachtet. Bei menschlichen Kindern wird diese Fähigkeit im Spiel getestet. Hierbei beobachten die Kinder ein Puppenspiel, in dem eine Puppe etwas vor der anderen Puppe versteckt. Die Kinder können dabei sehen, wo das gewünschte Objekt versteckt wird, die zweite Puppe jedoch nicht. Daraufhin sollen die Kinder in die Rolle der Puppe schlüpfen und das andere Objekt suchen. Wenn die Kinder das gewünschte Objekt umgehend aufdecken, so haben sie die Fähigkeit names Theory of Mind noch nicht erlangt, wenn sie jedoch so tun als würden sie danach suchen, haben sie verstanden, dass die andere Puppe das Versteck im Gegensatz zu ihnen noch nicht kennt. Dieses Experiment lässt sich natürlich nicht ohne weiteres auf Lebewesen übertragen, denen wir keine sprachlichen Arbeitsanweisungen geben können. Stattdessen müssen wir deren mentale Zustände aus ihrem Verhalten ableiten. Entsprechend sind die Experimente sehr komplex. Beispielsweise wurden zwei hungrige Schimpansen hinter zwei gegenüberliegende Glasscheiben an den zwei Enden eines Raumes gesetzt. In dem Raum wurde an zwei Stellen Obst platziert, bevor ein Schimpanse nach dem anderen hereingelassen wurde. Der erste Schimpanse konnte von seiner Seite aus beide Futterverstecke erkennen, der zweite Schimpanse nur einen von beiden. Um möglichst viel essen zu können, ging der erste Schimpanse taktisch vor und aß zuerst das Obst, welches beide sehen konnten, obwohl es weiter von ihm entfernt war, damit sich der zweite Schimpanse, wenn er auch er in den Raum gelassen wird, nicht darauf stürzen kann. Erst als er damit fertig war, aß er das Obst, welches der zweite Schimpanse nicht sehen konnte. Insgesamt war das Experiment weit komplizierter, da die soziale Hierarchie von Schimpansen eine tragende Rolle in deren Verhalten spielt.

Aus dem Experiment lässt sich schließen, dass der erste Schimpanse wusste, dass seine Wahrnehmung sich von der des zweiten Schimpansen unterscheidet. Er war in der Lage dieses Wissen zu nutzen, um das Verhalten des zweiten Schimpansen vorherzusagen (dass dieser sich auf den für ihn sichtbaren Futterhaufen stürzen wird) und kam ihm deswegen zuvor.[4] Zur Theory of Mind in Schimpansen gibt es noch weitere spannende Belege.[5]

Gerade bei Schimpansen sind viele Menschen noch eher bereit, an deren Intelligenz zu glauben, da sie uns ja recht ähnlich sind. Doch derartige Belege gibt es auch bei Korviden wie Raben, denen im Volksmund meist weniger kognitive Komplexität zugetraut wird. Beeindruckende Beobachtungen des Sammelns und Versteckens von Futter unter Raben zeigen, dass diese sich durchaus in andere Raben hinein zu versetzen wissen (also wissen, was andere Raben über ihre Futterverstecke sehen oder erahnen können und ihre Taktiken entsprechend anpassen)[6] und sogar falsche Fährten legen, um ihre Verstecke zu schützen.[7][8][9]

 

Sprache

Sprache in nicht-menschlichen Tieren ist ein wahnsinnig komplexes Thema, da sich Sprache aus vielen Aspekten zusammensetzt und was man als Sprache betrachtet umstritten ist. Das Wort „Language“ im engeren Sinne bezieht sich auf „Kommunikation, wie sie sich zwischen Menschen zeigt“[10]. Laut dieser Definition muss ein nicht-menschliches Tier der menschlichen Sprache mächtig werden, damit seine Kommunikation als Sprache anerkannt wird. Leider ist uns kein nicht-menschliches Tier bekannt, welches unsere Sprache gelernt hätte, genauso wenig wie wir einen Menschen kennen, der die Sprache einer anderen Spezies vollständig beherrscht.

Exkurs: Dieses Problem trifft auch auf Intelligenz allgemein zu. Es gibt an sich keine allgemein gültige Definition von Intelligenz und wenn wir Intelligenz messen oder erforschen wollen, orientieren wir uns deswegen an speziell menschlichen kognitiven Fähigkeiten. Damit ist Intelligenz in der Praxis quasi schon als menschliche Fähigkeit definiert und nicht auf andere Spezies übertragbar. Wie aus diesem Text und vielen wissenschaftlichen Artikeln hervorgeht, können andere Tiere trotzdem bis zu einem gewissen Grad mithalten. Würden wir uns bei der Definition von „Intelligenz“ nicht nur an menschlichen Eigenschaften orientieren, würden wir Menschen im Vergleich vermutlich deutlich schlechter abschneiden.

Aus zahlreichen verschiedenen Experimenten und Beobachtungen ausgetüftelter Jagdstrategien geht hervor, dass komplexe Kommunikation bei vielen Tierarten vorhanden ist und sich in einigen essentiellen Aspekten kaum von menschlicher Sprache unterscheidet[11].

 

Werkzeuggebrauch

Wenn die Herstellung und den Gebrauch von Werkzeugen als „Alleinstellungsmerkmal“ der menschlichen Spezies genannt werden, bin ich besonders verblüfft, denn diese Fähigkeit ist offensichtlich auch bei anderen Spezies zu finden. Besonders klar kann man eine Vielzahl von selbst hergestellten Werkzeugen bei anderen Primaten (u.a. Harpunen, Angeln, Schuhe) und Vögeln identifizieren (u.a. Haken, um an schwer erreichbare Nahrung zu kommen, Angelköder, Schlitten(!), um verschneite Hausdächer hinunter zu schlittern). Der bloße Einsatz von Werkzeugen ist noch weiterverbreitet, einige illustrative Beispiele sind Krähen, die Nüsse auf die Straße werfen, damit sie von Autoreifen aufgeknackt werden, Seeotter, die genüsslich im Wasser liegend auf ihrem Bauch Muscheln mit Steinen aufschlagen, Silberdachse, die die Fluchttunnel ihrer Opfer mit großen Gegenständen verschließen, bevor sie sie angreifen, und Löwen, die sich mit einem anderen Dorne, den eingetretenen Dorn aus der Pfote pulen.

 

Sozialer Zusammenhalt

Ein weiterer Grund, mit dem die besonders hohe Intelligenz von Menschen über andere Spezies postuliert wird, ist ironischerweise, dass wir sozial handeln und uns altruistisch und kooperativ zeigen.

Dass Kooperation auch unter anderen Lebewesen gängig ist, zeigt sich in der gemeinsamen Jagd und Nahrungssuche, der gemeinsamen Verteidigung des Reviers und vor Fressfeinden, der elterlichen Fürsorge und dem Tauschen von Nahrungsmitteln oder anderen begehrten Gütern untereinander. Beobachtungen von Primaten haben sogar gezeigt, dass diese ihre selbst hergestellten Werkzeuge nutzen, um Tieren anderer Spezies Nahrung zu geben, ohne im Gegenzug etwas dafür zu erhalten[12] – davon können wir Menschen noch was lernen.

Wer das Gefangenendilemma (ein Kooperationsspiel) kennt, weiß, dass in diesem Spiel viele Menschen von ihrem Ego getrieben scheitern. Umso beeindruckender ist es, dass Häher (eine Vogelart) in einer adaptierten Version bei diesem Dilemma, sowie in vielen weiteren Situationen, gezielte Kooperation beweisen[13].

Die Fähigkeit Empathie (= vom emotionalen Zustand eines anderen Wesens ergriffen zu sein und ihn zu teilen) gilt als eine Voraussetzung von Altruismus (selbstloses Handeln). Empathie wurde in verschiedenen Experimenten bei verschiedenen Spezies nachgewiesen, wie der Laborratte, die aufhört einen zuvor intensiv genutzten Hebel zur Futterbeschaffung zu betätigen, wenn sie sieht, dass eine andere Ratte bei eben dieser Betätigung einen Stromschlag bekommt[14] und lieber auf das Futter verzichtet als eine andere Ratte zu quälen. Diese Art von Experimenten gibt es wie Sand am Meer (An dieser Stelle ein Shoutout an Forschungslabore, die Tiere, ohne mit der Wimper zu zucken, quälen und sterben lassen, ganz großes Kino!). Bei Schimpansen kann man beobachten, dass sie einander trösten und bei Filmen, die ihre Artgenossen zeigen, emotional mitfiebern[15].

 

Kultur

Kultur ist der letzte Strohhalm, an den sich die menschliche Egozentrik klammert, um unsere Vormachtstellung zu rechtfertigen. Kultur zu haben wird mit Mensch sein gleichgesetzt. Denn was wir wissen, hätten wir gelernt und was andere Tiere wissen, sei ihnen angeboren. Wenn man Kultur auf das „Tierreich“ überträgt, so bedeutet es, dass die gleiche Spezies in einem ähnlichen Umfeld sich unterschiedlich verhält. Die ersten Entdeckungen von Kultur in Tieren wurden in Japan und Indonesien in den 1950er Jahren an Makaken (Affen) gemacht. Die Forscher*innen konnten beobachten, dass verschiedene Gruppen von Makaken unterschiedliche kulturelle Verhaltensweisen entwickelt hatten; so gab es eine Gruppe von Affen, die gerne in heißen Pools im Vulkangestein badete, eine andere, die einen Vorgeschmack für gesalzene Süßkartoffeln entwickelte und eine weitere, in der Alt und Jung ein neues Hobby darin entdeckten, mit Steinen zu klimpern.

In afrikanischen Schimpansen wurden mindestens 65 verschiedene kulturelle Praktiken beobachtet, die benachbarten Schimpansen unbekannt waren. Dies brachte die Menschen in eine Bredouille, weil Schimpansen sich damit als kulturell diverser erwiesen haben, als Menschen selbst in ihren frühen Stadien. Schimpansen zeigen auch Wissen um pflanzliche Medizin, welches sie von Generation zu Generation weitergeben und welches sich teilweise mit den medizinischen Praktiken der eingeborenen Menschen in denselben Gegenden deckt.

Ein weiteres beeindruckendes kulturelles Gut einiger Schimpansen ist der Regentanz, der einen Hinweis auf die Möglichkeit eines Verständnisses von Transzendenz bei Affen liefert.

Spannend ist auch die Beobachtung einiger Bonobo-Stämme (Affen) in Kenia. Sind Bonobo-Männchen eigentlich als aggressiv und gewaltbereit bekannt, so haben sich einige Überlebenden nach einer Lebensmittelvergiftungswelle umorientiert. Hier haben die Weibchen mehr Macht an sich genommen und es herrscht eine neue friedliche Gesellschaft, die mit der vorherigen Kultur nur noch wenig gemeinsam hat.

Doch Kultur ist nicht nur bei Affen zu beobachten. Wenn man sich in den botanischen Garten von Paris begibt, betritt man das Revier der Raben, die verschiedene Lebensmittel an den Verpackungen erkennen und ganz klar Markenpommes vor „no-name brands“ bevorzugen.

Ein ebenfalls bekanntes Beispiel für Kultur sind die Liebeslieder der Buckelwale, die lokalen Einflüssen unterliegen und laut Wissenschaftler*innen die komplexesten Töne der Natur sind.

Ein wichtiger Nachweis, um Kultur zu identifizieren liegt darin, dass die Praktiken nicht angeboren, sondern erlernt sind. Bei Tümmlern (Delfinen) erkennt man das beispielsweise daran, dass verschiedene Gruppen ganz individuelle Jagdstrategien haben, die sie Generation für Generation weitergeben und verfeinern, obwohl ja alle die gleichen Gene haben. Bonobos sind ohne die Unterstützung ihrer Mütter, die ihnen alles beibringen, was sie wissen müssen, vollkommen hilflos in der Nahrungsbeschaffung, da die Strategien nicht angeboren, sondern nur erlernt sind. Deswegen gibt es im Kongo Weisenhäuser für Bonobos, in welchen menschliche Frauen (die immerhin 99% ihrer Gene mit den kleinen Bonobos teilen) den Bonobowaisen deren Kultur beibringen.

Auch die Orcas vom Anfang des Textes sind an die Lehre durch ihre Mütter angewiesen. Ein Orca der in einem Freizeitpark aufgewachsen ist, hätte keine Chance im Meer zu überleben, da er gelernt hat, zur Nahrungsbeschaffung Akrobatik zu machen und Wasser zu spucken.

In manchen Herden gehen Orca Mütter bei dem Unterricht ihrer Kinder soweit, dass sie ihnen beibringen, absichtlich zu stranden und wieder zurück ins Meer zu kommen. Das hat nichts mit Genetik und nicht mal mit Lernen durch Imitation zu tun, sondern ist gezielter (siebenjähriger) Unterricht, bei dem die Orcamütter wissen, was sie tun und warum.

Die These, dass all die tierische Kultur im Vergleich zu unsere aus Instinkten besteht und angeboren ist, ist also hinfällig.

 

Das Fleisch-Paradoxon

Wie kann es sein, dass wir so ein verzerrtes Bild von den kognitiven Fähigkeiten anderer Tiere haben?

Das Fleisch-Paradoxon („meat paradox“)[16] beschreibt den Widerspruch zwischen einer Zuneigung und Empathie für nicht-menschliche Tiere und dem Genuss von Fleisch, wie er in so vielen Menschen vorherrscht. Fleischesser*innen unternehmen intensive Anstrengungen, um diese Inkonsistenz zu überwinden. Dafür nutzen sie verschiedene kognitive Prozesse. Beispielsweise trennen sie mental die Verbindung von Fleisch und Tieren voneinander, um beim Essen nicht an Schweine oder Kühe zu denken. Ein weiterer Weg, das Leid dieser Tiere nicht dem Fleisch-Genuss in die Quere kommen zu lassen ist, die kognitiven Fähigkeiten der Tiere zu leugnen. So versuchen sie, den moralischen Status nicht menschlicher Tiere zu untergraben und den eigenen Fleischkonsum zu rechtfertigen.

Wissenschaftler*innen haben verschiedene Studien durchgeführt, um den menschlichen Umgang mit dieser kognitiven Dissonanz (unangenehmer Gefühlszustand durch unvereinbare Gedanken, Gefühle, Wünsche, Absichten und Einstellungen) zu beleuchten. In einer Studie wurden Menschen von unterschiedlichen kulturellen Hintergründen befragt, wie intelligent sie verschiedene Tierarten einschätzen. Hier zeigte sich nicht nur, dass Menschen wahnsinnig schlecht darin sind, die Intelligenz von anderen Tieren einzuschätzen. Das entstandene Muster zeigte auch, dass die Tierarten, die von dieser Person bevorzugt gegessen wurden, von ihr als besonders wenig intelligent einstuft wurden. Besonders erheblich wurde die Intelligenz von Fischen und Schweinen unterschätzt (jeweils Tierarten, die an menschlichen Maßstäben gemessen als besonders intelligent auffallen).16

In einer weiteren Studie wurde der Effekt auf die Einschätzung der Intelligenz der Tiere untersucht, wenn man Teilnehmenden davor an die Zustände in der Massentierhalten erinnert hat. Die Gruppe, die man an Massentierhaltung erinnerte, schätze Tiere im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant dümmer ein. Das zeigt, dass Menschen sich selbst belügen und andere Tiere abwerten, um den eigenen Fleischkonsum trotz des dadurch erzeugten Leids zu rechtfertigen. Diese These unterstreicht auch eine andere Studie, in der Teilnehmende gefragt wurden, ob Tiere ein Recht auf eine moralische Behandlung hätten. Je intelligenter das Tier eingeschätzt wurde, desto eher wurden ihm ethische Rechte eingeräumt.16

 

Und jetzt?

Es ist absurd, dass kognitive Fähigkeiten, die in Tieren bereits nachgewiesen sind, ihnen in der breiten Gesellschaft immer noch abgesprochen werden, um Fleischkonsum zu rechtfertigen. Doch selbst wenn uns nicht-menschliche Tiere kognitiv weit unterlegen wären, würde uns das das Recht geben, sie zu misshandeln und auszubeuten? Wer sagt, dass das Recht auf eine würdevolle Behandlung erst ab einem bestimmten Ausmaß von kognitiven Fähigkeiten geltend gemacht werden kann? Würde das bei dieser Argumentation nicht auch bedeuten, dass intelligentere Menschen wertvoller sind als weniger intelligente?

„Leben und leben lassen“ greift in dieser Sache zu kurz. Unsere Spezies zerstört im Alleingang den Planeten, auf dem wir alle leben, und besonders die Tiere des Meeres sind lange vor uns davon betroffen. Dazu beutet wir auf grausamste Weise „essbare“ Tierarten aus. Hier geht es nicht um Meinungsunterschiede, sondern darum, dass wir uns endlich des Wortes „menschlich“ würdig zeigen und andere Tiere als fühlende und denkende Wesen anerkennen.

 

Literaturempfehlungen:

  • „Was Tiere können“ – Dr. Emmanuelle Pouydebat

Lai*innenfreundliches Buch einer Verhaltensforscherin über verschiedene Ausprägungen von Intelligenz, vorranging in Primaten

  • „Tiere denken“ – Richard David Precht

Lai*innenfreundliches Buch eines Philosophen über die gesellschaftliche Stellung von Tieren mit einem geschichtlichen Abriss und ethischer Kritik

  • „Eating Animals“ – Jonathan Safran Foer

Lai*innenfreundliches Buch mit umfassender Kritik an Fleischkonsum (Ethik, Gesundheit, Umwelt)

  • Alle wissenschaftlichen Artikel und Bücher, die in dem Text zitiert werden

 

 

[1] https://www.global2000.at/fleischkonsum-%C3%B6sterreich?gclid=Cj0KCQiAvP6ABhCjARIsAH37rbQzYlkDMrTfyflZ_-xos3PEf22_pnMqze5lM6kTdXerjsTj2sJLqIwaAhVAEALw_wcB (aufgerufen am 02.02.2021)

[2] Emery, N., J., & Clayton, N., S. (2004). The Mentality of Crows: Convergent Evolution of Intelligence in Corvids and Apes. Science (American Association for the Advancement of Science), 306(5703), 1903-1907

[3] Bonner, J. (2018). The Evolution of Culture in Animals. Princeton, NJ :: Princeton University Press.

[4] Hare, B., Call, J., Agnetta, B., & Tomasello, M. (2000). Chimpanzees know what conspecifics do and do not see. Animal Behaviour, 59(4), 771-785.

[5] Schmelz, M., Call, J., & Tomasello, M. (2013). Chimpanzees predict that a competitor’s preference will match their own. Biology Letters (2005), 9(1), 20120829.

[6] Bugnyar, T., & Heinrich, B. (2005). Ravens, Corvus corax, differentiate between knowledgeable and ignorant competitors. Proceedings of the Royal Society. B, Biological Sciences, 272(1573), 1641-1646.

[7] Bugnyar, T., Reber, S., A., & Buckner, C. (2016). Ravens attribute visual access to unseen competitors. Nature Communications, 7(1), 10506.

[8] Dally, J. M., Emery, N., J., & Clayton, N., S. (2006). Food-Caching Western Scrub-Jays Keep Track of Who Was Watching When. Science (American Association for the Advancement of Science), 312(5780), 1662-1665.

[9] Emery, N. J, & Clayton, N. S. (2001). Effects of experience and social context on prospective caching strategies by scrub jays. Nature (London), 414(6862), 443-446.

[10] Andrews, K. (2015). The Animal Mind (1st ed.). Routledge.

[11] Benz-Schwarzburg, J. (2019). Cognitive Kin, Moral Strangers? Linking Animal Cognition, Animal Ethics and Animal Welfare. Boston: BRILL.

[12] Hauser, M., D., Chen, M., K., Chen, F., & Chuang, E. (2003). Give unto others: Genetically unrelated cotton-top tamarin monkeys preferentially give food to those who altruistically give food back. Proceedings of the Royal Society. B, Biological Sciences, 270(1531), 2363-2370.

[13] Stephens D., W., McLinn, C., M., & Stevens, J., R. (2002). Discounting and Reciprocity in an Iterated Prisoner’s Dilemma. Science (American Association for the Advancement of Science), 298(5601), 2216-2218.

[14] Church, R., M. (1959). Emotional reactions of rats to the pain of others. Journal of Comparative & Physiological Psychology, 52(2), 132-134.

[15] Parr, L.A, & Hopkins, W.D. (2000). Brain temperature asymmetries and emotional perception in chimpanzees, Pan troglodytes. Physiology & Behavior, 71(3-4), 363-371.

[16] Brock, B., Loughnan, S., Haslam, N., & Radke, H., R., M. (2012). Don’t Mind Meat? The Denial of Mind to Animals Used for Human Consumption. Personality & Social Psychology Bulletin, 38(2), 247-256.

 

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