Die Lehre aus der Leere

in Klartext

Der Mensch lebt noch überall in seiner Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten. […] Sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Sein ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung

Bitte entschuldigt zuerst das vorangestellte Zitat, aber ich konnte nicht anders. Nicht nur, weil ich nicht schreiben kann wie er, ich glaube auch, dass ich als ein Kind unserer Zeit nicht ganz begreifen kann, wie sich eine Welt anfühlt, die sich an der Wurzel fassen lässt, die sich umbilden lässt und die die Möglichkeit eines Lebens ohne Entfremdung in sich trägt. Was er beschreibt, scheint sich für mich auf eine Welt und ein Sein in ihr zu ihr zu beziehen, die es so nicht mehr gibt.

Was hat sich verändert? Fast alles, aber wenn ich daran denke, wann ich am stärksten spüre dass wir seiner Utopie nicht näher gekommen sind, fällt mir ein, wie weit entfernt von Kindheit und Heimat wir uns heute fühlen, wenn wir nach einem Tag einzuschlafen versuchen, an dem wir 6 Stunden lang auf verschiedene Bildschirme gestarrt haben. Wie wenig wir uns als arbeitend und schaffend wahrnehmen, wie wenig wir uns fühlen, als könnten wir in die Welt eingreifen, als würden wir in irgendeinem sinnvollen Verhältnis zu ihr stehen. Ich kann spüren, wie sich die Welt von mir entfernt, wenn ich in die Kaskade des Scrollens abtauche, wie ich mich Zentimeter für Zentimeter verbrauche und wie ich wertloser, ekelhafter und leerer wieder auftauche, nachdem ich Stunden verbrannt habe. Was ich nicht weiß, ist, wie es dazu gekommen ist, das wir uns alle so verhalten und warum ich mich immer wieder darauf einlasse, obwohl ich mich doch nach jedem Exzess so fühle. Ist es denn nicht meine freie Entscheidung, meine Zeit an diesen elenden Dingern zu verbringen?

Es ist ein Merkmal unserer Zeit und ihrer Ideologie, dass wir diese Leere entweder hinnehmen (weil wir langsam die Fähigkeit verlieren, uns Dinge anders vorzustellen als sie sind) oder, häufiger, zu einer Frage der persönlichen Disziplin erklären und uns selbst hassen, wenn wir schwach gewesen sind, nachgegeben und unsere kostbare Zeit verschwendet haben. Weil wir alle selbst verantwortlich sind, ist es sinnlos, sich über Eltern aufzuregen, die ihre Kinder mit wertlosen Videos stilllegen oder traurig zu sein über die unglaubliche Verschwendung menschlichen Potenzials und menschlichen Lebens, wenn wir im globalen Durchschnitt 6 Stunden und 42 Minuten am Tag im Internet verbringen[1]. Ich glaube, dass uns ein Großteil dieser Zeit schadet, jede*r von uns und uns allen als Gemeinschaft. Ich glaube, dass viel von dem was wir im Internet tun, tote Zeit ist, dass sie uns müde macht, ohne uns zu erfüllen, dass sie uns anspricht, ohne uns zu berühren, dass sie in uns eine Leere und Gleichgültigkeit erzeugt und dass sie uns beschäftigt, während wir andere Dinge tun sollten und auch eigentlich lieber täten. Wenn wir diese Annahme akzeptieren und wenn wir also feststellen, dass wir online Dinge tun, die wir eigentlich nicht tun wollen (und das jeden Tag, stundenlang) dann müssen wir uns fragen, warum das so ist.

 

Der digitale Raum

 Um zu verstehen, warum wir tun, was wir tun, ist es sinnvoll, sich anzuschauen in was für einer Umgebung wir uns befinden, wenn wir online sind. Niemand würde heute mehr bestreiten, dass die Beschaffenheit der eigenen (analogen) Umwelt unser Verhalten beeinflusst. Wie sind die Städte gebaut, in denen wir leben, wie sind die Institutionen designt, die unsere Angelegenheiten regulieren, wie werden die Güter produziert und verteilt, von denen wir leben, welche Rechte haben wir als Bürger*innen unseres Territoriums? Wir können diese Umstände abstrakt als Eigenschaften des Raums denken, in dem wir uns bewegen. Genauso können wir das Internet beziehungsweise die digitale Sphäre als Raum denken, in dem wir uns bewegen und in dem wir uns an spezifischen Orten, die bewusst gestaltet worden sind, aufhalten. Das Internet wirkt, als wäre es einfach da und als wäre es so erfunden worden, wie es ist, aber das stimmt nicht. Das Internet in seiner aktuellen Form, in der wir unsere Zeit in ihm verbrennen, ist in diese Form gebracht worden. Wie sich die digitale Sphäre uns heute darstellt, die von Apps, Feeds, Plattformen und Kaufempfehlungen geprägt und von Werbung durchflutet ist, ist nicht die notwendige Form, die diese Technologie annehmen musste. Um das zu verdeutlichen, will ich kurz erklären, wie das Internet einmal war (aufregend, solidarisch, eine Waffe der Aufklärung) und wie es heute ist (einsam, unschön und gierig).

 

Die Geschichte des Internets

Die Idee eines dezentralen Netzwerks, in dem Informationen gespeichert und getauscht werden konnten, wurde aus dem Kalten Krieg und der in ihm ständig präsenten Gefahr der Vernichtung geboren. Ein US-amerikanischer Stratege namens Paul Baran erkannte 1964, dass ein solches Netzwerk relativen Schutz gegen Angriffe auf Infrastruktur bieten würde, weshalb das US-Militär diese Idee aufgriff und Geld für die Entwicklung der Technologie bereitstellte, die fast 60 Jahre später unseren Alltag so umfassend prägt. Ich erspare euch an dieser Stelle die mühsamen und kleinteiligen Details der frühesten Entwicklung, in der die technologischen und organisatorischen Grundlagen für alles geschaffen wurden, was wir heute sehen. 

Diese Pionierphase des Netzes wurde von einer Phase wuchernden Wachstums und wilder Schönheit abgelöst, die ungefähr begann, als die Forschung vom Militär in die Hände der Akademien gegeben wurde (Ende der 70er). Diese Zeit war geprägt von Wissensdurst, Experimentierfreude, Selbstorganisation, Humor und freiem Informationsfluss.

In der Frühphase wurden Arbeit, Organisation und Verantwortung hauptsächlich durch Gemein- und Gesellschaften übernommen, die weder kommerziell noch staatlich organisiert und all jenen zugänglich waren, die sich an den Diskussionen und anfallenden Aufgaben beteiligten. Während der Entwicklungs- und Take-Off-Phase spielten wirtschaftliche Akteure und kommerzielle Interessen keine Rolle. Es gab keine Entscheidungsautorität über das jeweilige Know-how hinaus und die Entscheidungen wurden kollektiv und über best-practice-Verfahren getroffen. Zu diesem Zweck fand ein ständiger kreisförmiger Austausch statt, in dem Publikationen auf Verbesserungsvorschläge trafen. Das Internet selbst bot dabei die perfekte Plattform für diesen Austausch. In diesem Modus wurde das Internet mit einer technischen Infrastruktur ausgestattet, es entstanden Standards, Software, Navigationsinstrumente, Institutionen und Verfahren, die das Netz lange Jahre prägten und die teilweise noch heute in Gebrauch sind. Das frühe Internet war hauptsächlich textbasiert und damit logischerweise ein Hort von Wissen und ein diskussionsförderndes Medium. Emails und Foren machten den Hauptteil des Internets bis in die 90er hinein aus und der geschriebene Text drehte sich neben der Entwicklung des Internets selbst vor allem um Freizeitkram (Sci-Fi, Dungeons and Dragons und weitere nerdige Dinge).

 

DER SÜNDENFALL

 Die Unschuld des Netzes währte vergleichsweise lang, aber natürlich nicht ewig: 1991 wurde im Zuge der globalen Ausbreitung und der Absehbarkeit der Massentauglichkeit das bis dahin gültige Werbeverbot im Internet aufgehoben und es kam zu einer schleichenden Zweckumwidmung des digitalen Raums. Zu Beginn der Digitalisierung funktionierte Werbung im Internet wie sie auch zuvor funktioniert hatte: Als Postwurfsendung im digitalen Briefkasten, als kleiner Teil der Zeitung, der half, sie zu finanzieren und als zielgruppenorientierterorientierter Versuch, Communities Produkte zu verkaufen, die ihrem Interesse entsprachen, sozusagen Werbung für Angelruten in Angler*innenzeitschriften. Das eigentliche Medium war die Seite, auf der man sich befand und die Werbung war Beiwerk, das von den User*innen in Kauf genommen wurde, auch weil im Zuge des Wachstums des Internets nicht mehr alle Arbeit von Freiwilligen erledigt werden konnte.

Im Schlepptau der vermehrt auf den digitalen Raum schielenden Profitinteressen betraten auf Eigentum basierendes Recht und Vermarktungslogik die Bühne des Internets und setzten sich während der 90er und frühen 2000er durch – unter anderem getrieben durch eine Entscheidung der US-Regierung, das Internet zur Grundlage der Wirtschaft der Zukunft zu machen, zur Schlüsseltechnologie eines neuen kapitalistischen Zyklus. Der Staat selbst zog sich in dieser Zeit jedoch aus der Finanzierung des Internets größtenteils zurück und überließ die Bereitstellung der Infrastruktur kommerziellen Anbietern, was nachhaltigen Einfluss auf die Logik hatte, nach der das Internet funktionierte. Die Notwendigkeit, das Netz mit Grenzen und Schranken zu durchziehen, um bestimmte Informationen und Bereiche von jenen fernzuhalten, die nicht dafür bezahlt hatten und der Versuch, Copyright im Internet durchzusetzen, prägten die technischen und architektonischen Entwicklungen dieser Jahre.

Der Datenverkehr des Internets bestand noch in den 2000ern zu einem nicht geringen Teil aus Filesharing, aus der kostenlosen Bereitstellung von Musik und Filmen.

 

Web 2.0 und Kommerzialisierung

Mitte bis Ende der 2000er beginnt die Phase des Web 2.0. Hiermit ist gemeint, dass der Content im Internet zunehmend Nutzer*innengeneriert ist. Die Nutzer*innen produzieren Inhalte, deren mit Werbung durchzogener Konsum durch andere Nutzer*innen der Plattform Werbeeinnahmen bringt. Das bedeutet, dass der Raum, in dem wir einander digital begegnen, von diesem Zeitpunkt an der Logik der Kapitalisierung dieses Raums und der in ihm stattfindenden Begegnungen unterworfen ist.

Diese Logik ist der Keim des Internets der Plattformen und der sozialen Medien, wie wir es heute erleben. Viele der heutigen Giganten sind in der Phase der Kommerzialisierung entstanden und haben eine erhebliche Marktmacht erlangt, nachdem sie das Platzen der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 herum überlebten. Sie sind diejenigen, die ihren hohen Traffic auf die eine oder andere Art erfolgreich kapitalisieren konnten, wodurch sie die heutige, beinahe vollständige Kommerzialisierung des Internets mitbestimmt und das Netz nach diesen Logiken umstrukturiert haben.

Der Anfang des Web 2.0 ist gleichzeitig Geburtsstunde einiger der Webseiten, die auf das Potenzial einer Technologie hindeuten, die alle Menschen vernetzt und Wissen inklusiv zugänglich macht. Als Leitstern dieser Idee gilt bis heute Wikipedia, die, bei aller Kritik und bei aller Gewöhnung an sie, eines der beeindruckenderen Erzeugnisse menschlicher Arbeit ist. Diese Variante des Web 2.0 unterscheidet sich vor allem dadurch vom kommerziellen Internet, dass sie komplett selbstgemacht und -verwaltet ist. Nicht nur der Content wird von den User*innen bereitgestellt, sondern auch die Infrastruktur. Dadurch entsteht eine Community, es entstehen Zusammenhalt, Verantwortlichkeit, Fürsorge und Motivation und auf Basis dieser Eigenschaften wird kostenloses Wissen in die Welt gesetzt, das von Expert*innen für Interessierte zur Verfügung gestellt wird; es entsteht eine Infrastruktur, in der Wissen und Erfahrungen geteilt werden können. All diese Winkel existieren noch, sie werden nur nicht mehr bespielt und verstauben nach und nach, weil sich der Traffic auf die Plattformen verlagert hat.

Das Internet ist spätestens seit dem Zeitpunkt in der Hand großer Konzerne, an dem sich die Plattformlogik[2] vollständig durchgesetzt hat, weil die Bereitstellung der Plattform die Möglichkeit mit sich bringt, jeglichen angebotenen Content mit Werbung zu durchziehen. Diese Kommerzialisierung wirkt sich auch auf die Entwicklung von Software aus. In einem Raum, der zunehmend von der Konkurrenz zwischen kapitalistischen Konzernen bestimmt ist, wird Software nun hauptsächlich (ineffizienterweise) parallel anstatt kooperativ und zum Zweck kapitalistischer Profitmaximierung anstatt zu humanistischen Zwecken entwickelt.  

Nach der langen Geschichte des Internets jetzt noch auf die Veränderungen des digitalen Raums und  unserer Bewegung in ihm durch Smartphones einzugehen würde den Rahmen sprengen, den uns unsere durch diese Geräte zerschredderte Aufmerksamkeitsspanne vorgibt. Es ist aber sicherlich nicht übertrieben, diese kleinen Verführer gleichzeitig als Produkt und als Treiber der Ausweitung des komplett vom Kommerz getriebenen Internets auf unser Leben, unsere digitale und unsere analoge Umwelt zu betrachten. Ihretwegen ist unser modernes Leben vollständig von Werbung durchzogen, in der Zeit und im Raum.

 

Das Internet heute

 Das Smartphone selbst ist jedoch nicht die neueste Evolution des Internets: Aus der Architektur der Plattformen und der Verbreitung von Smartphones entsteht ein neuer Trend, der durch die Zentralisierung und die Ausweitung der Nutzung möglich wird. Weil es zentrale Player gibt, über die ein Großteil des Traffics läuft und weil die Datenmengen astronomische Höhen erreichen, sind die Daten der Nutzer*innen so funktional geworden, dass sie einen Marktwert erhalten, der hoch genug ist, um das Internet nach den Bedürfnissen des Datensammelns umzugestalten. Diese Daten und das Verhaltensvorhersagen, die sie über die Internetnutzer*innen ermöglichen, gibt denjenigen, die sie sammeln, eine perfide Macht; perfide, weil sie nicht wie eine Macht wirkt, obwohl wir massiv von ihr beeinflusst werden. Die Logik hinter dieser Form von Macht ist relativ einfach: Die großen Plattformen verdienen ihr Geld damit, dass Nutzer*innen so viel Zeit wie möglich auf ihren Seiten verbringen und auf so viele Werbebanner wir möglich klicken. Die Infrastruktur, die wir wahrnehmen und in der wir uns bewegen, wird vor allem von den großen Digitalkonzernen bereitgestellt und gestaltet. Weil sie profitorientierte Akteure sind, gestalten sie den digitalen Raum so aus, dass sie einen möglichst großen Umsatz machen. Aufgrund der durch die neuen Datenmengen ermöglichten Feedbackfunktionen entsteht dabei eine neue Dynamik zwischen Nutzer*in und Umwelt: Die digitale Umgebung wird personalisiert und an meine persönlichen Umstände angepasst. Wird diese Praxis ebenfalls durch Feedbackschleifen verfeinert, kann ein Algorithmus lernen, mein Verhalten unter gegebenen Bedingungen relativ präzise vorherzusagen.

Weil dieser Algorithmus letztendlich nicht dem Zweck der Prognose meines Verhaltens, sondern der Maximierung der von mir auf seiner Plattform verbrachten Zeit und der von mir angeklickten Werbung dient, wird er die Umwelt, in der ich mich bewege und die er strukturiert, so umgestalten, dass ich das tue, was ich eigentlich nicht will: Viel zu viel Zeit in diesem extra für mich angelegten Labyrinth zu verbringen und irgendwann aus Erschöpfung irgendein Produkt kaufen, dass mir die Illusion eines positives Selbst vermittelt, dass ich im digitalen Ozean verloren habe. (Hier zeigt sich auch wieder, dass nicht die Technologie selbst, sondern der Zweck, zu dem sie eingesetzt wird, das Problem ist: Ein Werkzeug, das unsere Stimmung erkennt und effektiv beeinflussen kann, nicht dafür zu nutzen, Menschen glücklicher zu machen, sondern sie Diätjoghurt, Laufschuhe oder Aktien kaufen zu lassen, ist wirklich extreme Verschwendung.)

Wenn wir uns also dreckig fühlen nach Stunden auf Twitter oder Netflix, wenn wir uns als Generation einsam fühlen und wenn wir verzweifelt sind, weil sich beide Welten wie hinter Glas anfühlen, dann ist es zu einem Stück unsere Schwäche und unsere Faulheit, die uns in diese Situation bringt und uns darin hält. Wenn es aber gleichzeitig jemanden gibt, dessen Geschäftsmodell genau darin besteht, uns in diesen Zustand zu bringen, dann stellt sich doch zwangsläufig die Frage, ob wir dieses ganze Elend nicht vollkommen anders angehen sollten. Ob wir nicht wütend werden sollten, anstatt uns selbst zu erniedrigen, ob wir nicht beginnen sollten, um all die Dinge zu kämpfen, um die 7 Stunden Leben, die unserer Kontrolle entglitten sind, um das Potenzial einer Technologie, die alle Menschen vernetzt und um eine Zukunft, in der wir mehr Wahlfreiheit haben, als uns eine algorithmisch designte Umwelt erlaubt.

 

Und jetzt?

Durch unseren Ausflug in die Geschichte des Internets sollte ein Umstand klar geworden sein: Das Internet in seiner aktuellen Form und in der Form, in der wir unsere Zeit in ihm verbrennen, ist in diese Form gebracht worden. Es gibt einen Grund, warum es gerade diese Form angenommen hat und das wiederum bedeutet, dass wir diese Form verändern können. Der digitale Raum ist auch Herrschaft unterworfen, er ist eine geschaffene und gestaltete Umwelt, in der wir uns bewegen und genau wie im analogen Raum ist die Herrschaft dann am vollkommensten, wenn sie unsichtbar ist, weil sie als natürlich hingenommen wird. Dieser Umstand bedeutet aber auch, dass wir nicht fordern müssen, das Internet abzuschalten. Wir müssen nicht zurück zu Lochkarten und Dreifelderwirtschaft, sondern können uns als Avantgarde eines Kampfes für eine bessere Ordnung verstehen. Bei dieser besseren Ordnung geht es natürlich nicht hauptsächlich darum, dass wir weniger Zeit mit Candy Crush und mehr Zeit mit Zelda: The Wind Waker verbringen, sondern vielmehr darum, dass brillentragende Hippieschwaben in Zukunft nicht mehr neben Reichskriegsfahnen versuchen, den Reichstag zu erstürmen, dass junge Menschen nicht von ihrer Quarterlife-Crisis direkt in den Burnout gleiten und dass unsere Kinder wieder rückwärts laufen können.

Beziehungsweise, etwas ernsthafter: Es geht um das Gefühl, selbst über sein Leben bestimmen zu können, ein schaffender, seine Gegebenheiten umbildender Mensch zu sein und es geht auch und nicht zuletzt um materielle Veränderungen. Die Vernetzung, die mit dem Internet einhergeht, hat eine ungeheure Produktivitätssteigerung ermöglicht, die sich allerdings weder in den Reallöhnen der Arbeiter*innen in den Industrieländern noch in verbesserten Bedingungen für diejenigen niederschlägt, die wieder die Drecksarbeit machen; die der Erde für einen Hungerlohn ihre Schätze abringen, deren Smartphoneproduktionsstätten mit Netzen umspannt sind, damit sie sich nicht umbringen können, die für die digitalen Giganten für ein paar Cent die Stunde brutalen, ekelhaften, menschenverachtenden Content aus den Timelines herausfiltern.

 

Das klingt schon wieder so negativ. Sollen wir das Internet nicht vielleicht doch einfach niederbrennen?

Nein, denn genau wie seine Form und sein Inhalt ist auch die politische Ökonomie des Internets nicht vorherbestimmt. Genau genommen ist es eine Technologie, die sozialistisches Wirtschaften vereinfacht, weil sie die Produktion effizienter und die Distribution einfacher und transparenter machen kann. Und sie bietet die Möglichkeit einer Kombination aus individueller Freiheit und Entscheidungs- und Prozesseffektivität, die ein Traum für Linke ist, die sich nicht grade danach sehnen, die Digitalisationsmittel zu verstaatlichen und einem ideologisch gefestigten zentralen Rat für interkonnektive Angelegenheiten zu unterstellen. Mit einem an die gesellschaftlichen Bedürfnisse angepassten Internet hätte man die Möglichkeit, eine politische Ordnung auszugestalten, die dezentral, demokratisch und dennoch effizient ist. Wenn das Internet die bestimmende Technologie unserer Zeit ist, wenn sie mittlerweile die Grundlage unserer Ökonomie und Kultur bildet, wäre es verrückt, nicht um sie zu kämpfen.

Was also machen wir jetzt mit dem Internet, das wir vorfinden, in dem wir uns bewegen und das uns so fremd gegenübersteht?

Der erste Schritt – zu dem dieser Artikel beitragen soll – besteht darin, das Internet als Sphäre zu begreifen, die Machtverhältnissen unterworfen ist und die durch diese Machtverhältnisse ausgestaltet worden ist, durch unsere eigene Macht aber wieder verändert werden kann. Die digitale Sphäre muss, kurz gesagt, nicht nur als Schauplatz, sondern auch als Objekt politischer Kämpfe erkannt und behandelt werden.

Diese Behandlung braucht, in einem zweiten Schritt, geeignete Mittel. Wie funktioniert das Internet? Welche Einstellungen haben Menschen ihm gegenüber? Welche ökonomischen Effekte wirken, wie gut oder schlecht geht es den Menschen um mich herum mit dieser Art zu leben und welchen (vielleicht subtilen, vielleicht komplizenhaften) Einfluss hat das Internet darauf? Welche Formen des digitalen Zusammenlebens und -arbeitens fühlen sich besser an als die aktuellen und wie errichten wir sie?

Der dritte Schritt ist dann leicht. Er ist eine Mischung aus einer Rückeroberung, einer Wiederinbetriebnahme und einem Neuaufbau digitaler Strukturen. Dieser Schritt vollzieht sich, indem wir handeln, wie es Bloch in seinem Eingangszitat fordert: Indem wir radikal werden und alles am Internet ablehnen, was uns entfremdet und ermüdet. Indem wir beginnen, an die Stelle der uns vorgesetzten Formen und Inhalte eigene Strukturen zu errichten, die wir mit unseren Inhalten füllen können, indem wir unermüdlich arbeiten, errichten, feilen und verbessern, um das Internet so umzugestalten, dass es uns eine digitale Heimat ist und dass es uns ein selbstbestimmtes, besseres, demokratischeres Leben ermöglicht.

 

 

[1]Siehe: http://www.netimperative.com/2019/07/22/new-study-reveals-countries-most-addicted-to-their-screens/

[2] In diesem Kontext v. a. die Zwischenschaltung einer Instanz wie Facebook, die meinen Zugang zu Personen, Informationen und Gruppen vermittelt.

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