Inklusion durch Ausgrenzung?

in Empört Euch/Gschichtln
Illustriert von Julia Albrecht

Anglizismen in politisch korrekter Sprache

Die letzten zwei Wochen war ich krank. Eigentlich wollte ich Prüfungen schreiben und mir eine Einleitung für diesen Artikel überlegen. Während mir beides nicht wirklich gelang, habe ich Tee getrunken und den vier Stunden langen Podcast „Alles gesagt?“ mit Sophie Passmann und zwei Redakteuren der Zeit gehört. Glücklicherweise bis zum Schluss, denn fünf Minuten vor dem Ende erzählte der Chefredakteur von Zeit Online eine Anekdote zu politisch korrekter Sprache.

Als People of Color zum ersten Mal im Titel ihrer Seite stand, habe er eine Diskussion angestoßen, weil er Angst hatte, dass Leser*innen ausgegrenzt werden, weil das Wort verwendet wird, ohne es zu erklären, als wüsste jede*r bereits, was es heißt. Der Begriff ist in der Black Power-Bewegung in den USA entstanden und soll alle Menschen vereinen, die Formen von Rassismus ausgesetzt sind. Politisch korrekt heißt: neutral (nicht vorbelastet) und selbstzugeschrieben -was auch der Grund ist, warum der Person/People of Color jetzt ins Deutsche übertragen wurde.

Es gibt im gesellschaftlichen Diskurs weitere Beispiele für Anglizismen, die kein deutsches Pendant haben, unter anderem noch Racial Profiling, Race, Othering, Bias und Ableism. Grund dafür ist, dass viele politische Initiativen unserer Zeit im englischsprachigen Raum ihren Ursprung haben. Weil die aber meistens schnell nach Europa übergeschwappt sind -wie beispielsweise die Black Lives Matter Bewegung- gibt es jetzt auch in unserer Gesellschaft Gesprächsbedarf, bloß ohne das Vokabular. Werke zur Rassismusforschung sind nach einem Artikel auf unserer Website nämlich kaum in Übersetzung verfügbar.

“Wir müssen über weiße sprechen“

Deswegen werden reihenweise einfach die englischen Wörter übernommen, was für die meisten jungen Leute nichts Neues ist, aber, wie der Zeit– Redakteur zu Recht befürchtete, viele Leser*innen ausschließen kann. Klar kommt es vor, dass Fachwörter einfach übernommen werden, aber nicht in dem Maß, wie das gerade beobachtet werden kann, und normalerweise nicht bei Wörtern im politischen Kontext, deren Nuancen essenziell sind.

Wer schon einmal mit den eigenen Großeltern diskutiert hat, hat sicher bemerkt, wie schwer es fällt zu vermitteln warum man manche Wörter nicht mehr sagen wollen sollte. Meistens werden politisch korrekte Wörter nicht aus bösem Willen abgelehnt, sondern eher aus Trotz, weil gedacht wird, man unterstelle ihnen schlechte Absichten.

Eins der häufigsten Argumente gegen politisch korrekte Sprache ist ja gerade die Verunsicherung von Leuten, die es nicht besser wissen. Die dann Angst haben ihre Meinung zu sagen, weil ihnen suggeriert wird, wie sie etwas sagen wäre wichtiger als der eigentliche Inhalt. Was dann zu einem Gefühl der Abgehängtheit und einem erhöhten Risiko, auf die menschenverachtenden verbalen Ausfälle der man-wird-doch-wohl-noch-entartet-sagen-dürfen-FPÖ-ler*innen mit Gleichgültigkeit oder (in extremen Fällen) stiller Bewunderung zu reagieren, führen soll.

Wenn jetzt schon versucht wird, so zu tun, als wäre politisch korrekte Sprache unpraktisch, unnötig und der Bevölkerung fremd, ist es auf jeden Fall nicht hilfreich, englische Wörter in den Diskurs einzuführen. In deutschsprachigen Ländern sprechen die meisten Menschen nun mal deutsch, und die meisten älteren nicht gut Englisch. Da könnte man sich doch die Mühe machen, vier Wörter zu übersetzen, wenn das ermöglicht, die Bevölkerung in wichtigen Diskussionen mitzunehmen. Alles andere ist nicht nur undemokratisch, sondern auch nicht im Interesse der Betroffenen.

Wenn aber faktisch Leute ausgegrenzt werden, und es so ein minimaler Aufwand wäre, das zu ändern, muss man sich einfach fragen, wieso das bisher unterlassen wurde. Kann es sein, dass die [Diskursführenden auf Seiten der Betroffenen], die Progressiven, Meinungsmachenden, die Aktivist*innen, sich selbst genügen? Dass sie lieber mit ihresgleichen über Politik diskutieren, mit den Grundannahmen, die in ihrer Blase üblich sind, als ihre Ideen Normalbürger*innen zu erklären? Sich selbst für ihren sprachlichen Code und ihre moralische Integrität feiernd, während Teile der Bevölkerung anfangen, sich ihre Meinungen in Facebook-Gruppen zu bilden? Dann ist der jahrhundertealte humanistische Bildungsauftrag, der eine Konstante linker Politik war, zwischen Twitter, Presseball und Internetcafé versandet. Es wird ja immer bedauernd, ach so machtlos, davon gesprochen wie der gesellschaftliche Diskurs auseinanderdriftet, und das trägt sicher auch dazu bei.

Darum ist es zwingend notwendig, dass politisch korrekte Sprache nicht eine andere Sprache wird, nicht Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer Bildungsklasse oder einer politischen Geisteshaltung. Stattdessen muss versucht werden, allen zu ermöglichen, politisch korrekt zu sprechen. Es hilft Betroffenen ja auch nicht, wenn die Sprache, in der sich die meisten Menschen ausdrücken, politisch unkorrekt bleibt, weil sich niemand um sie bemüht. Im Deutschen Anglizismen zu verwenden, deren Bedeutung Menschen mit geringen Englischkenntnissen nicht klar ist, kann abgehoben wirken. Zu hoffen, ihre geänderte Konnotation oder ihr anderer Blickwinkel würde etwas an den Denkstrukturen ändern, ist realitätsfern.

Außerdem entsteht dadurch eine vermeidbare Blöße: das Risiko, dass es Rechten gelingt, Worte, die nicht zeitgemäß sind, zu re-etablieren. Schon in den Achtzigern diagnostizierte Jürgen Habermas bei der deutschen Regierung Geschichtsvergessenheit oder ihre Relativierung. Auch hier ist Geschichtsvergessenheit wieder ein brennendes Thema, seit die FPÖ zum ersten Mal an der Regierung beteiligt war. Rechtspopulisten versuchen seit einiger Zeit, eine Sprache wieder gesellschaftsfähig zu machen, die nicht mal zu ihrer Zeit politisch Korrekt war, weil sie Menschen entwürdigt. Es wird versucht historisch vorbelastete Wörter wiedereinzuführen, meistens sogar ohne eine Neuinterpretation vorzutäuschen. Der Standard führt über Österreich tatsächlich online eine Liste

https://www.derstandard.at/story/2000072943520/nur-einzelfaelle-die-lange-liste-rechter-ausrutscher//

rechter „Einzelfälle“, also Fälle von Rechtsextremismus in der Politik, wo sich sprachlich (Überraschung) vor allem die FPÖ hervortut. Hier jetzt nur ein kurzer Zusammenschnitt, um zu verdeutlichen, welche Ausmaße das schon angenommen hat:

  • FPÖ Vizebürgermeister in Braunau vergleicht Menschen mit „Ratten
  • FPÖ Landesrat in NÖ fordert „Sonderbehandlung
  • Vorstandsmitglied FPÖ-Tulln spricht von „Untermenschen
  • Pressesprecher von Strache bezeichnet Kurier-Herausgeber als „Blutzeuge
  • Damalige AfD-Chefin versucht „völkisch“ positiv zu konnotieren
  • Afd-Chef Gauland spricht von einer „tausendjährigen deutschen Geschichte

Klar ist, dass man diesen Bestrebungen mehr Raum lässt, wenn man aufhört, den Menschen aufgeklärte Begriffe zur Verfügung zu stellen. Um ein Beispiel von vorhin aufzugreifen: wenn die Linken von „Race“ reden, könnten Rechte versuchen, das Wort „Rasse“ als deutsches Pendant erscheinen zu lassen, was es nicht ist und nicht sein darf.

Es mussten schließlich wiederholt Betroffene darauf hinweisen, dass struktureller Rassismus nicht nur ein US-amerikanisches Problem ist; wenn dann auch noch Wörter fehlen, um das zu verdeutlichen (wie z.B. Racial Profiling), ist das ein weiteres Zeichen der Verharmlosung. Sinnvoll wäre es, wenn sich ein paar Übersetzer*innen mit den Betroffenen zusammentun und die Konzepte, die mit den englischen Begriffen einhergehen, auf die deutsche Sprache anwenden. Im Feminismus war das ja auch nie ein Problem. Damit die Sprache, die gerade erst inklusiv wurde, es auch bleibt.

Dann muss man keine Angst haben, auf dem Weg Menschen zu verlieren (das kommt ja immer wieder vor: in den Achtzigern demonstriert, dann kurz keine Heirat, Haus, Kinder und auf einmal versteht man kein Wort mehr von dem, was auf Zeit Online steht). Wenn meine Großeltern geimpft sind und ich bei der nächsten Familienfeier mit der Verwandtschaft in eine Diskussion über politisch unkorrekte Sprache hineinschlittern sollte (mal gucken), wäre es gut, wenn es Wörter gibt, die ich ihnen als Alternative vorschlagen kann. Die sie verstehen. Dann besteht immerhin der Hauch einer Chance, dass sie welche davon verwenden.

https://www.derstandard.at/story/2000072943520/nur-einzelfaelle-die-lange-liste-rechter-ausrutscher//

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