Nieder mit der Postmoderne!

in Empört Euch
Joel Filipe/ Unsplash

Dieser Text beginnt in der Bim, aber er endet dort nicht. Er tut zuerst etwas, was selten ist angesichts des Problems, das er beschreibt: Er verfängt sich, er regt sich auf. Er verfängt sich in einem anderen Text, in einem der vielen Texte auf den Informationsmonitoren in den Bahnen, Bussen und Stationen der Wiener Linien. Ich weiß nicht, welches Stück „Information“ es war, über das ich mich zuerst aufgeregt habe. Vielleicht war es die Rezension irgendeines schon wieder vergessenen Pop-Albums, das frei übersetzt mit „ja, ganz nett“ bewertet wurde. Vielleicht war es ein Zitat eines eigentlich radikalen, sozialistischen und queeren Schriftstellers (z.B. Oscar Wilde), in dem so getan wird, als hätte er über nichts anderes als Selbstfindung und Blumensträuße geschrieben. Vielleicht liegt der Ärger auch tiefer; vielleicht bin ich nicht nur deswegen sauer, weil ich in Ruhe betrachten will, wie der Typ vor mir Epic Heroes War: Shadow Lord Stickman zockt. Ich bin mir jedenfalls sicher dass ich mich auch über die Wahlplakate der letzten Wienwahl auf die selbe Weise aufgeregt habe und da war Lord Stickman noch nicht draußen. Ich habe dasselbe Gefühl, wenn Leute auf Tinder schreiben, dass sie Foodies sind, bei Werbung oder wenn ich Talkshows sehe. Es ist wahrscheinlich eine bestimmte Art von Sprache, die mich stört und eine Weigerung, sich auf etwas festzulegen, was auch nur annähernd kontrovers sein könnte. Natürlich magst du Essen, wer mag bitte Essen nicht? Schön, dass euer Duschgel für ein „Rundum-Wohlgefühl“ sorgt, damit habt ihr aber auch schon den Ecktisch, den Quinoabagel, die Unfallversicherung und die ÖVP beworben! Klar könnt ihr fünf ununterscheidbare Nasen in eure Diskussionsrunde laden und sie ihren Zentrismus auskotzen lassen, dann braucht ihr euch aber auch nicht wundern, wenn sich der Pöbel nicht mehr für Politik interessiert.

Die Bildschirme in der Bim sind also einfach nur kleine Fenster in eine Welt, die ich verabscheue: in die Welt der kommerzialisierten, glatten Stromlinienförmigkeit. Man könnte diesen Trend als Teil des Siegeszuges der Form über den Inhalt, mit Mark Fisher als „kapitalistischen Realismus“ oder als Auswirkung der Postmoderne bezeichnen, aber vielleicht würde man damit verdecken, wie inhaltsleer und feige er eigentlich ist. Seinen textlichen Ausgeburten kann man nicht wirklich widersprechen, sie lassen keinen Konflikt zu und sie tun so, als gäbe es auch in der Gesellschaft keinen (außer vielleicht zwischen Austria und Rapid). Kultur wird auf diesen elenden Kasteln auf den kleinsten gemeinsamen Nenner (Synthiepop) reduziert, Politik auf „Fakten“ und die Gesellschaft taucht nie anders auf als als unbestimmte Masse, die Frozen zu seinem großen Erfolg verholfen hat. Weil die glatte Sprache Konflikte nicht nur aus– sondern überblendet, verdeckt sie während meiner Bahnfahrt, dass ich während Corona in der Bim sitze, weil jemand entschieden hat, dass ich immer noch in die Arbeit muss. Dass ich auf dieser Arbeit zu wenig Lohn bekomme, weil mir jemand zu wenig bezahlt. Dieser Jemand und ich schauen vielleicht beide gerne Frozen, aber wir sind nicht in der selben Position, ich bin weder gleich wie noch unabhängig von Anderen und wir haben nicht alle dasselbe Interesse, weder in Fragen des Musikgeschmacks noch in solchen der Verteilung.

Ich sage damit nicht, dass wir alle Informationsmonitore mit dem Funken überkleben sollten. Wir können die Gewerkschafts- und Arbeitermacht der „guten alten Zeit“ nicht zurückholen, auch wenn uns mehr davon gut tun würde. Wir leben unter neuen Bedingungen und wir leben in der Postmoderne (einem Zeitalter, das sich irgendwie seltsam anfühlt, weil die Gewissheiten, Konflikte und Identitäten der Moderne einem unbestimmten Brei gewichen sind, in dem wir jetzt orientierungslos dahindämmern). Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nichts tun können; im Gegenteil. Das Praktische an der Postmoderne, zu der die glatte Sprache in der Bim gehört, ist, dass es so einladend einfach ist, Widerstand zu leisten. Sich aufregen und ein Gefühl dafür behalten, dass es auch anders sein könnte, ist schon ein Fortschritt. So abgedroschen es auch ist, es hilft, aus der eigenen Blase zu entkommen um Gemeinsamkeiten, Konflikte und gemeinsame Konflikte mit anderen Teilen der Gesellschaft zu entdecken und in einem nächsten Schritt auf Basis dieser gemeinsamen Konflikte Politik zu machen. Der erste Schritt ist aber auch wichtig, und er muss nicht wholesome sein. Gegen kalte Glätte hilft nicht nur Wärme, sondern auch Rauheit. Es muss nicht der freundliche Plausch mit der Nachbarin sein, die man eigentlich nicht leiden kann. Ein bisschen Granteln, Bernhard lesen und allzu routinierte Expert*innen in Talkshows anpöbeln ist bereits gelebter Widerstand. Den Dissens zu bewahren ist wichtig, damit sich die Sprache der Monitore nicht überall durchsetzt – obwohl es manchmal beim Betrachten von Dauertalkshowgästen und Pressekonferenzen so wirkt, als hätte sie das schon.

Wien ist in diesem allgemeinen Trend zur nichtssagenden Stromlinie (trotz der Bildschirme seiner Bahnen) immer noch eine Bastion des Widerstands, mit seinen wunderlichen Läden, die sich trotzig gegen die berechnete Ästhetik der Ketten wehren, mit seinen charmant-heruntergekommenen Kneipen voller leidenschaftlicher Grantler, und mit einem wunderbaren Verweilen im rauen, kantigen, verrauchten Gestern. Damit das so bleibt, damit dein uriges Lieblingsbeisl nicht übermorgen schon zum Starbucks mutiert, müssen wir alle skeptisch bleiben und Widerstand leisten: In fragwürdige Spelunken gehen, seltsame Musik hören, uns über Selbstverständlichkeiten beschweren, uns politisch streiten, uns politisch vertragen, Bukowski lesen (obwohl er ein Bastard ist), grummeln, grimmig sein und Leute immer wieder festnageln, wenn sie sich hinter nichtssagenden Floskeln verstecken. Vive la résistance!