Corona als Chance

in Klartext

Kollektivität und Politisierung 

Egal ob anhand des Applauses, der zu Beginn dieser ersten globalen Pandemie unserer Zeit von den Balkonen und Fenstern der Großstädte schallte, den hochtrabenden Heilsversprechen, welche sich auf dem politischen Parkett zu übertreffen versuchten oder nicht zu Letzt den gut besuchten Demonstrationen der verquer Denkenden, die johlend durch die Straßen ziehen. Rückblickend scheint der Ausbruch der Pandemie, mit all ihren sozioökonomischen Begleiterscheinungen den sozialen Menschen – wenn auch nur kurzfristig – wiedererweckt zu haben, den homo politicus der sich einbringen will, bei der Schaffung einer Zukunft nach seinem Gusto. 

Der vermeintlich stabile status puo der letzten Jahrzehnte, mit all den sicher geglaubten Freiräumen, Privilegien und dem unerschöpflichen Fortschrittsversprechen entpuppte sich als eine trügerische Selbsttäuschung. Die ideologische Verblendung, welche die gegenwärtige Gesellschaftsordnung als die vernunftbasierte Selbstverständlichkeit verkauft und diese als alternativlos darstellt, scheint zumindest momenthaft irritiert gewesen zu sein. Auch wenn die anfänglich bekundete Solidarität in Richtung der Pflegekräfte und anderer systemrelevanter Professionen klang, schnell versiegte, um von einer schulterzuckenden Gleichgültigkeit angesichts einiger Warnstreiks in der Autoindustrie und den menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in der Fleischproduktion abgelöst wurde, unterscheidet sich die gegenwärtige Krise in ihrer Konstanz von zum Beispiel der Weltwirtschaftskrise 2008. Bereits damals machten einige linke Intellektuelle eine Mobilisierungschance für antikapitalistische Bestrebungen aus, da eine öffentlich vorgetragene Meinung zur angemessenen Reaktion auf Krisen wohl in der Berufsbeschreibung zeitgenössischer Denker*innen liegt. Nichtsdestotrotz müssen diese zwar situativen, aber keineswegs kontextlosen Momente des Erwachens von emanzipatorischer Seite als das wahrgenommen werden was sie sind: eine Chance das verkrustete Kollektivbewusstsein der Mehrheitsgesellschaft für den antikapitalistischen und herrschaftskritischen Kampf zu begeistern und einen Schritt in Richtung Klassenbewusstsein zu machen. 

Denn genau diesem Erwachen aus dem Schlaf der Gerechten wohnen zwei Aspekte inne, die von den reaktionären Rattenfänger*innen bereits vor den Karren gespannt werden: ein gesteigertes Bewusstsein für die Notwendigkeit sich sozial oder politisch zu betätigen sowie eine positive Verschiebung der Bewertung einiger eher schlecht entlohnter Berufe, welche nun mit dem Begriff „systemrelevant“ in einem gänzlich neuen Lichte erstrahlen. Die Artikulation eines emanzipatorisch-kritischen Analyserahmens, welcher die aktuellen pandemischen Verhältnisse als das strukturelle Problem darstellt, das es ist, scheint in Momenten der Krise als Gebot der Stunde, um dieses Momentum nicht den hellblauen Advokat*innen der alten Welt und ihrer exklusiven eurozentristischen Mobilisierung zu überlassen. Auch wenn die Zeichen vielleicht nicht auf Erfolg stehen, sollte Scheitern eine Chance sein – wenn der Karren an die Wand gefahren wurde, will man wenigstens in den zersplitterten Rückspiegel schauen können und wissen, man hat zumindest versucht das Lenkrad herumzureißen. 

Wie bereits angedeutet wirkt es so, als würde das kollektive Erwachen ein Mobilisierungspotential der einzelnen Individuen mit sich bringen, wie es in Form der Nachbarschaftsprojekten auf lokaler oder in politischen Bündnissen der Gastronom*innen, Kleinkünstler*innen oder des Gesundheits- und Pflegepersonals auf überregionaler Ebene, zu Tage trat. Diese begannen sich außerhalb der staatlichen Sphäre zu organisieren, um neben der Ausübung praktischer Solidarität ihre gebündelten Interessen öffentlich zum Ausdruck zu bringen und so ihren Forderungen Legitimität und Schlagkraft zu verleihen. Weit hergeholt wähnt somit der Befund nicht, dass diese Art des Erlebens eines kollektiven Wirkungsbewusstseins für die normalerweise glückliche, sattgefressene und radikal atomisierte zentraleuropäische Mittelschicht ein Novum darstellte, das zwar von äußerst kurzlebiger Dauer zu seien schien, jedoch durch präzise politische Bildungs- und Mobilisierungsarbeit sein volles Potential entfalten und sich so konsolidieren könnte. Die Notwendigkeit zu handeln, mal berechtigter, mal herbeiphantasierter Leidensdruck und die in der Luft liegenden Spannungen verdichten sich zu einer Politisierung, wie wir sie seit den 60ern nichtmehr erleben durften und könnte den feuchten Traum der politischen Linken wahr werden lassen: ein politisches Subjekt. Natürlich muss bei diesem Gedanken die Kirche im Dorf gelassen werden, da der Weg zu einem politischen Kollektivsubjekt, das den tradierten bürgerlichen Antikommunismus, sowie die starke Identifikation mit Staat und Kapital hinter sich lässt, um sich von verkürzten Analysen wie sie das rechte Lager und die Schwurbelklientel der Querdenker*innenbewegung liefern nicht beeindrucken lässt, ein langer ist. Jedoch eröffnet dieser Aspekt einige Möglichkeiten für die politische Linke, da offenbar ein Bewusstsein darüber zu entstehen scheint, für welches das Politische nicht durch den regelmäßigen Gang zur Wahlurne erschöpft ist. Ein Bewusstsein, dass Gesellschaftsordnung nicht natürlich erwachsen ist, sondern von Kontingenz gezeichnet und durch menschliche Praxis konstruiert ist, folglich ausschließlich on dieser verändert werden kann.   

Die zweite Wirkung des Bruches mit dem bürgerlichen Schönheitsschlaf ist eine Neuordnung der Wertzuschreibung vermeintlich niedrig qualifizierter Berufe, die allerhöchstens bis zur technischen Rationalisierung durch KI und Robotik als notwendig erachtet wurden. Das joviale Lächeln in Richtung der sogenannten sozialen Berufe, der Pflegekräfte und Pädagog*innen oder des Niedriglohnsektors allen voran der Kassierer*innen, der Lieferant*innen und nicht zuletzt des Friseurgewerbes ist verstummt und hat sich angesichts ihrer neu gewonnenen Relevanz zu einem tiefen Kotau vor „systemrelevanten“ Berufen gewandelt. Die Erkenntnis, welche gesellschaftliche Aufgabe die Person stemmt, die sich wochentags um unsere geliebten Sprösslinge kümmert oder jene, die unser stetig im Begriff des Verfalls befindendes Äußeres an die Schönheits- und Hygienekonventionen anpasst, wurde im Zuge dieser pandemischen Verhältnisse unverblümt in das Bewusstsein eines Großteils unserer Wohlstandsgesellschaft gehämmert. Auch wenn sich dieser Wandel nicht in Demonstrationen und einvernehmlich Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn für die besagten Berufsbranchen äußert, steht es außer Frage, dass die Sensibilität für die gegenseitige Abhängigkeiten und die Relevanz gewisser Berufe, nach dem monatelangen Hüten der kleinen Goldstücke im eigenen Heim und den verwilderten Haarknäueln, wo einst eine adrette Frisur war, gestiegen ist und dies einen Ansatzpunkt für progressiv-emanzipative Agitation darstellt. 

So stellt sich die Frage wie progressive gesellschaftliche Kräfte diesen Moment des kollektiven Erwachens nutzen können und sollten. Nicht nur, um ein Gegengewicht zur plumpen Kritik der Querdenker*innen und ihren parlamentarischen Armen zu setzen, sondern auch, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die gegenwärtig zu Tage tretenden Missstände zwar tief in die Logik unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens eingeschrieben ist, diese jedoch nicht alternativlos sind und durch menschliches Schaffen zu einer besseren, einer nicht auf Konkurrenz und Wettbewerb aufgebauten Logik gewandelt werden kann. 

Kontextualisierung – Nichts hat mit nichts zu tun? 

Die Frage nach dem revolutionären Nutzen gesellschaftlicher Krisen, von der mit Fug und Recht behauptet werden kann, dass sie zu einer der Jahrhundertfragen der kritischen Gesellschaftkritiker*innen zählt, ist so vielschichtig und komplex, dass sie offensichtlich nicht durch ein vierseitiges Pamphlet in einem studentischen Magazin beantwortet werden kann. 

Ein zaghafter doch gleichwohl praktikabler Ansatz in Richtung eines konstruktiven Umgangs mit dieser Frage, mag darin liegen das aktuell gesteigerte Mobilisierungspotential sowie die Veränderung in der Wahrnehmung einiger Berufsbranchen mit einer strukturellen Gesellschafts- und Kapitalismuskritik zu füttern. Also der erhöhten Sensibilität für gesellschaftliche Schieflagen einen politischen Orientierungspunkt zu geben. Genauer sollte dementsprechend die Verbindung zwischen der fortschreitenden Deregulierung des Arbeitsmarkts, dem Sozialstaatsabbau und dem Privatisierungstrend öffentlicher Güter, der vor allem in den letzten 30 Jahre volle Fahrt aufgenommen hat und der kapitalistischen Prägung unseres Zusammenlebens aufgezeigt und kritisiert werden. Die große Herausforderung liegt dann darin, diese Kritik in einer konsensfähigen Art und Weise in den öffentlichen Diskurs einzubringen, was vor allem beinhaltet die Analyse hochkomplexer Kapital- und Herrschaftsverhältnisse in leicht verdauliche Worte zu übersetzen, ohne dabei Verkürzungen vorzunehmen.

Während diese Übersetzung antikapitalistischer Kritikkonzepte Stoff für Dutzende weitere Artikel darstellen würde, kann man im Bezug auf die Konsensfähigkeit klar sagen, dass diese gegenwärtig in dem Bezug auf jene Struktur zu liegen scheint, welche größtenteils als Allmende gesehen wird und für jedes Individuum zugänglich sein sollte: das Gesundheitssystem. 

Ein Gesundheitssystem, das in den letzten Jahrzehnten totgespart und auf Kosteneffizienz und Gewinnmaximierung getrimmt wurde, da die Neoliberalisierungswelle die in de 80er und 90er Jahren über Europa hinwegfegte erfolgreich den Fokus auf die ökonomischen Defizite eines in öffentlicher Hand liegenden Gesundheitssystems gelenkt hat und so die Verwertungslogik Einzug in die gesellschaftliche Daseinsvorsorge erhielt – Gesundheit wurde zu einer Ware, die man sich leisten muss und hat so sein Wesen als inklusives Kollektivgut verloren. Da die Rechnung wie gewohnt zum Schluss kommt, ist die Überraschung groß, wenn nun in einer Situation, in welcher eine funktionale Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden muss, ein auf Effizienz und Kostenminimierung ausgelegtes privatisiertes Gesundheitssystem nicht die elementare Grundfunktion erfüllen kann, die eine moderne Gesellschaft erkrankten Menschen zu liefern hat. Im europaweiten Vergleich stehen die zentraleuropäischen Staaten sogar noch gut dar. Man sehe nur in das von der Troikapolitik gebeutelte Griechenland, wo im Zuge der aufgezwungenen Austeritätspolitik die staatlichen Gesundheitsausgaben von 2009 bis 2016 halbiert wurden und 13.000 Ärzt*innen und 26.000 Gesundheitsarbeiter*innen entlassen wurden. Darüber hinaus offenbart ein europaweiter Vergleich der Beziehung zwischen dem Anteil privater Zahlungen im Gesundheitswesen und der relativen Zahl der Coronatoten, dass ein zehnprozentiger Anstieg der Selbstzahlungen im Schnitt mit einem Anstieg der Covid-19 Todesfälle um 6,91% einhergeht.

Für den kritischen Geist sollten diese Tatsachen bereits ausreichen, um die dahinterstehenden Strukturen und Akteure als die undemokratischen Instrumente eines Kapitals auszumachen, das sich stetig neue Märkte erschließt und dabei mit dem Primat des Fortschritts jegliche antikapitalistische Kritik als rückwärtsgewannt abtropfen lässt. Doch für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Zentraleuropas sind dies lediglich punktuelle Problembereiche einer Gesellschaftsordnung, die nicht ohne Grund als Gewinnerin aus dem Systemkonflikt gegangen ist, da sie es als einzige vermag (formelle) Freiheit und Wohlstand zu sichern. Demzufolge müsse zu deren Optimierung lediglich an einigen Stellschrauben gedreht werden, um so die spezifischen gesellschaftlichen Konfliktfelder zu nivellieren, die nach dieser Auffassung eben nur kosmetische Fehler in der gesellschaftlichen Ordnung sind und nicht in dieser angelegt. Und so bleibt es an den progressiven, kritischen Kräften sich für eine Perspektive stark zu machen, die eine Verbindung herstellt zwischen vermeintlich disparaten Tatsachen wie maroden Schulen, den desolaten ÖPNV Anbindungen im ländlichen Bereich und zu teuren Ticketpreisen, der todbringenden Abschottung Europas vor Schutzsuchenden, einem nicht zu rechtfertigen Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern – ferner dem Ungleichgewicht bezüglich der Verteilung der Reproduktions- und Carearbeit – einer menschenfeindlichen Architektur die wohnungslosen Menschen aus den Innenstädten verdrängt  und eben einem auf Kante genähtem Gesundheitssystem, welches in existentiellen gesellschaftlichen Notlagen seine Funktion nicht zu erfüllen vermag. 

Um jeden dieser Punkte im Einzelnen zu kritisieren, müssen keine marxistischen Konzepte und Analysen bemüht werden, auch nicht um die Tendenz zur Neoliberalisierung immer weiterer Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens als problematisch anzusehen. Bis in die konservativen Kräfte hinein finden sich Stimmen, die eine bessere Anbindung der ländlichen Bereiche an die öffentliche Infrastruktur fordern oder die knapp bemessene Finanzierung des Bildungswesens kritisieren. Das Merkmal marxistischer oder im weitesten Sinne linker Kritik ist die eben benannte Kontextualisierung der gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausgrenzungsverhältnisse in einen Rahmen eines um sich greifenden globalen Finanzkapitalismus, dessen Verwertungslogik immer weitere Bereiche der menschlichen Lebenswelten anheimfallen und strukturelle Probleme individualisiert werden. Vor diesem Hintergrund verdichtet sich das Bild diverser in der gegenwärtigen Gesellschaftsformation angelegter Krisentendenzen, welche durch die Covid-19 Pandemie zum Ausbruch kamen, jedoch keineswegs erst durch die Pandemie erzeugt wurden. Genau diese komplexe Dynamik ist es, die von progressiven Kräften analysiert, kritisiert und konsensfähig aufgearbeitet werden muss.    

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